http://www.faz.net/-gqz-74ftz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.11.2012, 15:31 Uhr

Musical in Hamburg Wie Rocky k.o. ging

Silvester Stallone und die Klitschko-Brüder bringen die Boxlegende Rocky Balboa zwischen Ursprungsmythos und Heldengeburt auf die Bühne: Das Musical „Rocky“ in Hamburg.

von Daniel Haas
© dpa Drew Sarich (als Rockyl) und Terence Archie in der Hamburger „Rocky“-Inszenierung

Du willst ein Held der Popkultur sein? Dann musst du einstecken können, eine gute Figur machen im Ring der Marketingideen. Taugst du zur Action-Puppe? Gibt’s einen Soundtrack zu deiner Geschichte? Kann man dich zur Serie machen? „Rocky“ hat all das geleistet. 1976 tritt er an als Kinostar. Sylvester Stallone, ein Niemand in Hollywood, spielt Rocky Balboa, einen Niemand im Boxgeschäft. Auf den furiosen ersten Film folgen vier mäßige Fortsetzungen und ein wunderbar melancholisches sechstes Abschlusswerk.

Stallone hat mit dem Franchise bislang eine Milliarde Dollar verdient, höchste Zeit für die Übertragung in andere Genres, zumal eine Prequel-Idee, anders als bei „Batman“ oder „Star Wars“, hier nicht funktioniert: „Rocky“ ist reine Vorgeschichte, Ursprungsmythos, Heldengeburt. Deshalb: Musical. Stage Entertainment, größter Live-Unterhalter Europas mit elf Spielstätten und neun Shows von „König der Löwen“ bis „Mamma Mia“, ging das Wagnis ein. Fünfzehn Millionen Euro kostete das von Stallone und den Klitschko-Brüdern koproduzierte Stück. Für aufwendige Stahlkonstruktionen hat man sogar das Fundament des Hamburger Stammhauses verstärkt.

Die Nase hält noch

Und dann geht der Vorhang hoch, und man begreift, warum die Hydraulik hier so wichtig ist: Wenn innere Bewegungen fehlen, es jenseits des etablierten Musters keine Dynamik gibt, dann braucht man Druck von außen. Es sausen die Kulissen in- und übereinander, die Trainingshalle; die Tierhandlung, wo Adrian, Heiliger des Testosteronkults, malocht; die Arena fürs Finale. Da schiebt sich der Ring in die Menge, man sieht noch mal den Fight zwischen The Italian Stallion und Apollo Creed. 1976 war der noch eine Parodie auf das geniale Großmaul Muhammad Ali gewesen, in Hamburg ist er nun ein Muskelbeau mit Zuhälterallüren.

Warum nicht? Musical als unreine Form zwischen Operette, Schauspiel und Tanzvarieté darf jeden Stoff als Travestie behandeln. Aber dazu braucht es Witz und Chuzpe, nicht das sklavische Abhaken eines etablierten Handlungsstranges. Die Hamburger „Rocky“-Sause will nichts sein als Unterhaltungspatchwork, zusammengestückelt aus mäßigen Songs und bemüht witzigen Dialogen. Rocky-Darsteller Drew Sarich kämpft sich ab am Porträt des Underdogs, aber was soll er machen mit diesem Titelsong? Refrain: „Die Nase hält noch. Sie ist nicht gebrochen, sie ist nicht mal blau. Und ich, ich finde keine Frau.“

Wie soll Wietske van Tongeren, die Darstellerin von Adrian, überzeugen, wenn man ihrem Sopran folgende Zeilen zumutet: „Grashalm, der den Stein durchbricht, auf der Suche nach Licht?“

Kulissenhektik in Weihnachtsdeko

Musikalisch ist das Ganze bestenfalls inkonsistent: Ende der Siebziger schepperte Disco los, Hip-Hop rumpelte durch die Straßen. Hier klingt alles nach Bon Jovi, gemixt mit Andrew Llloyd Webber, was überrascht, da Thomas Meehan, Stephen Flaherty und Lynn Ahrens, hochdekorierte Broadway-Könner, Komposition und Libretto besorgt haben. Ein Blick in die Fernsehserien „Glee“ oder „Smash“ (die fiktive Entstehungsgeschichte eines Marilyn-Monroe-Musicals) genügt, und man weiß, wie man mit dem Schmelz des Poptheaters Utopien intonieren kann; wie der Kitsch dem öden, konkreten Dasein eine bessere, schillernde Ordnung vorzuhalten vermag.

Hier: Kulissenhektik, belanglose Nebenfiguren, und dazwischen gerührt ein breiiges Song-Repertoire. Das verklebt dann auch die zarteren Momente. In der schön choreographierten Eislaufszene glimmen im Hintergrund magere Bäumchen in ihrer Weihnachtsdeko wie traurige Sternbilder. Aber dann heißt es: „Eislaufen ist wie das Leben. Einer darf schweben, einer bleibt kleben.“ Das sind lyrische Tiefschläge, von denen sich Alex Timbers’ Inszenierung nicht erholt.

Mehr zum Thema

Vielleicht lässt sich der ästhetische Graben der Formen nicht schließen. Vielleicht kann Gesang niemals das Idiom dieses Boxers sein, der ja gerade in der Sprachlosigkeit beredt wurde, im Stammeln die paradoxe Rhetorik eines wahren Sprechens auf der Grundlage seiner Klasse schuf. Und deshalb gab es in Hamburg den größten Applaus womöglich für die berühmte Trainingssequenz. Rocky, zum Fanfarensound die Treppe hoch hastend - das gehört fürs Kernpublikum der Vierzig- bis Sechzigjährigen zur Ikonografie ihrer Jugend.

Dieser Rocky ist allenfalls nostalgisch zu erleben, mit unserer Gegenwart hat er nichts zu tun. Musikalisch nicht und noch weniger sozial. 1976 kam Jimmy Carter ins Amt, es herrschte New-Deal-Stimmung. Vietnam, Watergate schienen überwunden, „Ich habe keinen neuen Traum“, sagte er. „Wir brauchen dringend einen frischen Glauben an den alten.“ Würde Obama in Anbetracht von zwölf Millionen Arbeitslosen von alten Träumen reden? Oder würde er sich Silvester Stallone anschließen? Der trat nach dem Showdown in Hamburg auf die Bühne und sagte: „Mann, das hier ist echt surreal.“

„Rocky“ läuft bis zum 7. April 2013 im TUI Operettenhaus in Hamburg. Tickets gibt es ab 49,89 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
The Get Down New York, wie es nie war

Wie war das gleich mit dem Hip-Hop? Die Serie The Get Down über die Bronx im Jahr 1977 erzählt von seiner Entstehung. In einem wilden Mix aus Musik, Thriller und Doku. Mehr Von Jan Wiele

23.08.2016, 19:19 Uhr | Feuilleton
Kinotrailer Rogue One: A Star Wars Story

Rogue One: A Star Wars Story, 2016. Regie: Gareth Edwards. Darsteller: Felicity Jones, Diego Luna, Ben Mendelsohn. Verleih: Lucasfilm. Kinostart: 15. Dezember 2016 Mehr

12.08.2016, 15:40 Uhr | Feuilleton
Filmkritik: Suicide Squad Bewährung ist kein Teamsport

Batman und der Joker spielen hier nur Nebenrollen, Schurkinnen und Schurken stehen im Mittelpunkt. Doch dafür ist die Comicverfilmung Suicide Squad erstaunlich konventionell geraten. Mehr Von Dietmar Dath

18.08.2016, 11:13 Uhr | Feuilleton
Energie durch Wasserkraft Es klappert die Mühle

Wasserkraft ist die älteste erneuerbare Energie. An der Konstruktion der Räder hat sich im Laufe der Jahrhunderte nicht sehr viel geändert. Mehr

17.08.2016, 16:02 Uhr | Technik-Motor
Elbphilharmonie Luxuswohnen 110 Meter über der Elbe

Anfang 2017 wird die schlagzeilenträchtige Elbphilharmonie in Hamburg eröffnet. Was mancher nicht weiß: In dem Gebäude gibt es bald auch die 44 teuersten Wohnungen der Stadt. Wie wird es dort wohl aussehen? Mehr Von Carsten Germis, Hamburg

27.08.2016, 11:42 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Tüchtig egoistisch

Von Johann Wolfgang von Goethe

Wenn man selbst dauernd was will und alle anderen auch, hilft nur eine gesunde Portion Egoismus. Aber, und da wird es kompliziert: Ein Egoismus mit Gefühl muß es sein! Mehr 2

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“