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Münchner Opernereignis : Warum die fröhlich sind, die Unrecht tun

Barbara Hannigan als Marie in den Münchner „Soldaten“ Bild: © Wilfried Hösl

Nicht verpassen! Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ ist die mit Abstand beste Opernproduktion der Saison. Galt das Stück einst als unaufführbar und als Publikumsgift, wurde es nun an Münchens Staatsoper vor vollem Haus gefeiert.

          Dreißig bis fünfzig Jahre kann es dauern, bis ein revolutionär neues Werk sein Publikum erreicht. Eine Faustregel, die nur die Musik betrifft. Bei Kunst und Literatur geht es schneller. Und was genau passiert in diesem langen Zeitraum? Wachsen die Ohren weiter? Ändern sich laufend die ästhetischen Kriterien? Es wäre mal eine lohnende Aufgabe für die Rezeptionsforschung, das herauszufinden. Stoff gäbe es genug. Schuberts Symphonien zum Beispiel mussten eine Generation abwarten, bis sie erhört wurden, auch Beethovens Streichquartette und die Werke von Mahler, Schönberg, Sibelius, Berg und vielen anderen mehr. Und heute, endlich, ist die Zeit reif für Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“. Ein Jahrhundertwerk. Eine zeitlose Antikriegsoper.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Anfang der sechziger Jahre geschaffen, wurden „Die Soldaten“ damals sofort für unaufführbar erklärt. Es gab Musiker, die besorgten sich ärztliche Atteste, um nicht mitspielen zu müssen. Jetzt werden „Die Soldaten“ an der Bayerischen Staatsoper München in einer fulminanten Produktion vom Publikum regelrecht gefeiert. Ähnliches ereignete sich Anfang dieser Saison am Opernhaus in Zürich, wie zuvor schon in Salzburg (2012) und bei der Ruhrtriennale (2006/08).

          Zwölftonmusik voller Belkantoschönheit

          Freilich änderten sich inzwischen nicht nur Hörverhalten und Zeitumstände, auch die Musik wurde - ein wenig - den Verhältnissen angepasst, wie Michael Gielen, der 1965 die Uraufführung in Köln dirigiert hatte, berichtet: „In ihrer ersten Fassung, mit sieben Temposchichten, also sieben Dirigenten, war es im normalen Betrieb nicht zu realisieren. Als Generalmusikdirektor Wolfgang Sawallisch sich dementsprechend äußerte, wurde er als Reaktionär verschrien - aber er hatte recht. Zimmermann machte eine Fassung mit Taktstrichen quer durch diese Schichten, so wurde das Werk mit nur einem Dirigenten aufführbar, auch wenn es immer noch exorbitant schwer war. Gielen soll, alles in allem, 565 Proben durchgeführt haben. Kirill Petrenko dagegen, Münchens neuer Generalmusikdirektor, probte keinen Tag länger als üblich, als wär’s eine ganz normale Wagner-Oper. Mit einem überwältigenden Ergebnis.

          Man erschrickt, man wird in den Sitz genagelt, man vergisst das Atmen, gleich beim ersten Orchesterschlag, diesem paukendurchpulsten Aufschrei, der in einen blechkochenden, blasenwerfenden Malstrom mündet, an dem fast alle 256 Instrumente beteiligt sind. Aber es geht nicht nur um die Herkulesarbeit der Koordination, diese pure Materialschlacht. Die Musik der „Soldaten“ verlangt außer sieben Zeitschichten auch noch räumliche Parallelführung, drei simultan bespielte Bühnen, siebzehn Hauptrollen. Sie ist zwar zwölftönig, basierend auf einer raffiniert-schlichten Allintervallreihe, aber voller Belkantoschönheit. Zitiert (und erfüllt zugleich) strenge alte Formen, spielt mit Bachchorälen, Marschmusiken, Jazzrhythmen.

          Der Fokus verschiebt sich

          Dass ein „normales“ Opernorchester heutzutage so gut geschult ist, dass es mit der überdimensionierten Komplexität dieses Werks fertig werden kann, haben vor Petrenko schon andere bewiesen. Doch diesmal, ja, erstmalig sind klar und deutlich auch die poetischen Schönheiten zu hören: Die Farbenpracht der Instrumente und ihr jeweils punktuelles Aufblühen; der lyrische Schmelz in den Balzduetten und Hoffnungsarien; auch die fadenfeinen Ironiespitzen, die, von Anfang an, das perfide Spiel durchlöchern, darin die schöne Bürgerstochter Marie peu à peu untergeht.

          „Marie“ sollte das Stück eigentlich heißen, statt „Die Soldaten“. Zimmermanns Oper verschiebt den Fokus des Schauspiels von Jakob Michael Reinhold Lenz nämlich vom Mann auf die Frau. Es geht weniger um die verlorene Ehre des Stolzius (der ein Bruder des Wozzeck ist), vielmehr um das wehrloseste, weil rechtloseste Kettenglied der Gesellschaft. Gedrängt vom Ehrgeiz des Vaters lässt Marie den bürgerlichen Verlobten sausen und lässt sich von adligen Offizieren umwerben und verderben. Petrenko durchleuchtet die kammermusikalischen Stationen ihrer sozialen Talfahrt mit gnadenloser Klarheit. Die flüssige Eleganz seiner Zeichengebung, ihre präzise Polyvalenz sorgen dafür, dass keine Silbe verlorengeht und sich alle siebzehn Solisten musikalisch und psychologisch entfalten können, zu äußerster Präsenz.

          Aus Kaninchenkäfigen springt das Elend hervor

          Wie sich Barbara Hannigan als Marie, eine schattenäugige, biegsame Stummfilm-Schönheit, im Duett dem Vater (Christoph Stephinger) anschmiegt; wie sie nach und nach den gleißenden Tenorspitzentönen des Baron Desportes (Daniel Brenna) erliegt, wie sich simultan Stolzius (Michael Nagy) und dessen Mutter (Heike Grötzinger) dazuschalten, mit Klage, Choral und Chaconne; solcherlei betörende Zartheiten stehen krass neben den überwältigenden Massentableaus, etwa im Kaffeehaus oder in der martialischen Vergewaltigungsszene, die sich zuspitzt auf die zentrale Frage aller, gerichtet an alle: „Warum müssen die zittern, die Unrecht leiden, und die allein fröhlich sein, die Unrecht tun?“

          Jetzt, als ihr Untergang besiegelt ist, steht die schattenhafte Marie ganz neben sich. Schaut zu, wie ihr Double vergewaltigt wird. Ein simpler Regieeinfall, der freilich stärker wirkt, als es die von Zimmermann ersonnenen Filmeinblendungen hätten leisten können. Auch sonst verlässt sich Regisseur Andreas Kriegenburg auf die Kräfte der Musik. Seine an Stummfilm-Grotesken orientierte Personenführung ist plakativ, wirkt aber schlüssig und subtil. Die karikaturenhaft überzeichneten Kostüme von Andrea Schraad, inspiriert von Dix, sind geradezu schlagend in ihrer Symbolhaftigkeit, ebenso das Bühnenbild von Harald B.Thor mit den kreuzförmig angeordneten, verschiebbaren Kaninchenkäfigen, darin marschiert, argumentiert, herumgehurt und vergiftet wird und die sich ab und zu einzeln ganz nach vorn an die Rampe zoomen, um den Menschen im Parkett das Elend direkt ins Gesicht zu brüllen.

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