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Münchner Oper in Hong Kong Als Win-Win nach China kam

 ·  Die Bayerische Staatsoper entdeckt Neuland: in Hongkong. Mit Mozart. Das Publikum staunt und jubelt, die Musiker verleben frohe Tage.

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© Kit Chan / Bayerische Staatsoper „Autos können die Chinesen kopieren, eine ‚Cosi‘ nicht“: Musiker der Staatsoper machen Pause vor der Skyline von Hongkong Island.

Bevor Michel erwacht, zuckt sein rechtes Ohr. Immer wieder zeigt Vera Becker das kurze Video ihres Hasen auf dem iPhone. Becker ist Flötistin im Bayerischen Staatsorchester. Heute spielt sie in Hongkong, Mozart: „Così fan tutte“, aber ihr Herz ist bei Michel. Nach einer Operation gehe es dem Tier sehr schlecht, sagt die junge Frau. Für die Zeit der Gastspielreise sei Michel bei einem Tierarzt in München untergebracht: „Atemwegsproblematik“, erklärt Becker, greift zu ihrer Flöte und verschwindet im dunklen Orchestergraben. Man nimmt sich eben immer selbst mit, wohin man auch geht und reist, inklusive der Sorgen ums Haustier.

Wie Vera Becker haben 130 Mitglieder der Münchner Oper sich selbst gut 9000 Kilometer mitgenommen, um erstmals in der Geschichte ihres Hauses beim „Hongkong Arts Festival“ aufzutreten. Gezeigt wird viermal Dieter Dorns Inszenierung von „Così fan tutte“. Ein Gastspiel in Japan, wo westliche Klangkörper regelmäßig herumtouren, ist auch für die Bayerische Staatsoper nichts Besonderes. Aber das hier ist Hongkong. Ist China. Ist Opern-Neuland.

Fiordiligi und Dorabella, die „bitch-foxes“ des Stücks

Während das Publikum in Japan seit Jahrzehnten nach den ewig selben großen Namen des Klassik-Zirkus verlangt, ist Hongkong bescheiden, angenehm unglamourös und naiv offen für diese seltsame, vierhundert Jahre alte europäische Kunstform. So elegant gekleidet wie ein Kinopublikum in Detmold sitzt man im ausverkauften, schmucklosen und grausam kühl klimatisierten Saal des „Cultural Center“ auf der Halbinsel Kowloon.

Einzig die Gäste vom Hongkong-Jockey-Club, dem größten Sponsor des Festivals, geben in der Pause durch schrilles Outfit zu erkennen, dass sie Lotteriespiel und Pferdewetten näherstehen als Mozarts hehren Klängen. Der überwiegende Teil des Publikums aber, in das sich auch viele westliche Gesichter mischen (“We are from the UK“), schaut mit offenen Mündern in die fremde Welt des Rokoko und dessen galanter, erotischer Scherze.

Zwar wird einem in Hongkong an jeder Straßenecke eine Fußreflexzonenmassage angeboten, die keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass es bei den Füßen nicht bleiben muss, doch gibt sich das Publikum lustvoll entsetzt, wenn Mozarts und da Pontes Anzüglichkeiten über die Bühne gehen. Die blutjunge Laura Tatulescu singt als Kammerzofe Despina, dass „eine Frau von fünfzehn Jahren“ eben wissen müsse, „wo der Teufel seinen Schwanz hat“. Kichern! Mann und Frau wälzen sich leidenschaftlich küssend am Boden. Lachen! Die in Englisch und Chinesisch gehaltenen Übertitel gehen auch nicht zimperlich mit Partnertausch und Partnertäuschung auf der Bühne um: „bitch-foxes“ heißt es einmal über Fiordiligi und Dorabella, die beiden weiblichen Hauptrollen. Sehr lautes Lachen!

Vera Becker unten im Orchestergraben versteht dann, warum der englische Dirigent Mark Wigglesworth gegenüber der Stimmung im Saal nur einen Ausweg kennt: Forte! Ihrem Hasen würden die Ohren wackeln.

„Nein, eine Zensur bezüglich Sex oder Politik hat nicht stattgefunden“, sagt Nikolaus Bachler, der Intendant der Münchner Oper. In Peking könne so etwas durchaus vorkommen, wie unlängst bei einem Ballett-Gastspiel geschehen. „Doch nach Hongkong hat es das Regime nicht so leicht mit seinem langen Arm.“ Auch wenn China inzwischen Schanghai als Metropole der Zukunft aufbaut, so markiert Hongkong noch immer das Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“ und ist eine durch und durch kapitalistische Metropole.

Dass jedoch in der ehemaligen Kronkolonie und heutigen Sonderhandelszone Hongkong vom britischen Einfluss nicht mehr Kultur blieb als das Konterfei von Queen Elizabeth II. auf der Ein-Hongkong-Dollar-Münze, diszipliniertes Schlangestehen und Linksverkehr, das verwundert dann doch. Grace Lang, Programmdirektorin des Festivals, behauptet: „Die Briten haben hier in Hongkong absichtlich nichts für Kultur getan, um die Bevölkerung möglichst dumm zu halten.“ Nun, dem gesellschaftlichen Leben in Kolonialzeiten genügte anscheinend der Jockey-Club.

Der Imagefaktor enorm, übrig bleibt „mehr als eine schwarze Null“

Mit der Vehemenz einer Kung-Fu-Kämpferin und großem pädagogischen Ehrgeiz verbindet Lang Gastspiele wie das der Münchner Oper mit Erziehungsprogrammen an zehn verschiedenen Schulen in Hongkong und hält die Eintrittspreise auch für Schüler und Studenten niedrig. Resultat: ausverkaufte Vorstellungen. „Win-Win“ eben. Das klingt zwar wie eine chinesische Vorspeise, ist aber neudeutsches Wirtschaftsenglisch: Zwei Geschäftspartner machen mit derselben Sache Gewinn.

Bestes Beispiel solch einer schönen Symbiose ist die Einladung eines Weltklasse-Opernhauses nach Hongkong. Bachler schwärmt: „Der Imagefaktor für die Münchner Oper ist enorm.“ Außerdem bleibt für München „ein bisserl mehr als eine schwarze Null“ übrig. Man habe mit „Così fan tutte“ ja ein kleines, wenig kostspieliges Werk nach Hongkong verfrachtet; nichts von Wagner oder Richard Strauss, sondern eine Oper, die zumeist mit jungen Ensemblemitgliedern des Hauses besetzt ist, die ohnehin auf der Gehaltsliste stünden.

Für ein europäisches Opernensemble sei es sehr wichtig, „hier Flagge zu zeigen“, sagt auch Viktor Schoner, der künstlerische Betriebsdirektor der Bayerischen Staatsoper, nach einer „Così“-Vorstellung in der Bar im 28. Stock des Hotels Peninsula. Schoner spricht von der „Markterschließung Chinas“, sagt: „Wir leisten hier Entwicklungshilfe“ und fragt sich schließlich, wer in 100 Jahren wohl überlebt haben wird: „BMW oder die Bayerische Staatsoper?“ Er glaubt: die Oper. „Denn Autos können Chinesen kopieren, eine ,Così’ nicht.“

„Auf Gastspielen wird auch niemand krank“

Der Blick wandert durch die Bar. Hinter der großen Glasfront sollte man nun die Skyline von Hongkong Island mit ihren Bank- und Bürotürmen sehen. Doch durch den Nebel dringen vom anderen Ufer vor allem die grellen Panasonic-Samsung-Hitachi-Hyundai-Toshiba-Leuchtreklamen.

Das „Hongkong Arts Festival“ dauert nicht ohne Grund von Ende Januar bis Anfang März. Es war schon bei seiner Gründung 1973 clever als Touristenattraktion in den dunstigen Teil des Hongkonger Kalenders plaziert. Ab Mitte März wird nämlich das Wetter besser, die Nebelschwaden reißen auf, und Touristen müssen sich nicht mehr nur auf Kunst konzentrieren. Bis dahin aber herrscht hohe Luftfeuchtigkeit. Es leiden Sängerkehlen, Musikinstrumente müssen permanent nachgestimmt werden, und das Papier auf den bespannten Kulissen wellt sich.

Begleiterscheinungen wie diese nimmt man jedoch gerne in Kauf. „Ein solches Gastspiel dient immer auch der Betriebshygiene“, sagt Schoner, und Bachler führt „eine solche Reise sogar wieder zum Ursprung unseres Berufes zurück“. Theaterleute, fahrendes (heute eher fliegendes) Volk, das seinen Karren von Ort zu Ort zieht. Bachler sagt: „Auf Gastspielreisen wird auch niemand krank. Jeder übernimmt eine gewisses Maß an Verantwortung, und alle wissen: Wir sind in der Wüste und müssen gemeinsam Wasser finden.“

In der Regel gebiert die „Betriebshygiene“ einer solchen Tournee auch ein Liebespaar. Oder Musiker denken an vergangene Gastspiele: daran, wie ein Kollege in der „Pussycat Bar“ von Tokio zum Karaoke-Star avancierte etwa. Und die Geigerin erzählt, wie sie in der frisch renovierten Mailänder Scala den Türgriff von der Toilette abbrach, ihren Auftritt verpasste und schließlich mit der Brechstange befreit wurde. Das alles verbindet ebenso wie der Einkaufsbummel auf dem Jademarkt oder der Ausflug in die Spielhöllen von Macao.

Hat der tiefgekühlte Saal des Cultural Center die trocken dröhnende Akustik einer Turnhalle, so erinnert die Atmosphäre des hellbeige gefliesten Foyers an die eines Schwimmbads. Lo Sin Yings Begeisterung tut dies aber keinen Abbruch. Nach der Vorstellung reiht sich die junge Chinesin in die lange Schlange am Starbucks-Stand im Foyer ein und sagt, es sei dies überhaupt das erste Mal, dass sie eine Oper gesehen und gehört habe. „So beautiful, so magic!“ Und was ihr besonders gefiel? „Die Haarfarbe der Frauen“, sagt Lo Sin Ying. Die seien alle blond, und bestimmt seien ihre Stimmen deshalb auch so wunderschön.

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