In Italien, dem Land, das sie erfand, dämmert die Oper samt ihren Tempeln dem Ende entgegen. Du aber, glückliches Germanien, einschließlich aller deutschsprachigen Provinzen, führst Italiens Erbe in eine weite, hoffnungsvolle Zukunft, in der nicht nur dieses Erbe lebendig verwaltet wird, sondern unentwegt Neues für die Blutauffrischung der Gattung Oper sorgt. Uraufführung auf Uraufführung folgte gerade in letzter Zeit: In Wien Aribert Reimanns „Medea“ und „Die Besessenen“ von Johannes Kalitzke, in München Peter Eötvös „Tragödie des Teufels“, in Hamburg sogar eine heitere Schöpfung mit Oscar Strasnoys „Le Bal“, in Bonn David Paul Grahams „Das Mädchen von Theresienstadt“, in Basel Beat Furrers „Wüstenbuch“ und in Stuttgart sein „Begehren“, in Osnabrück „Neda - Der Ruf“ des iranischen Komponisten Nader Mashayekhi.
Vor diesem Hintergrund hat es die seinerzeit von Hans Werner Henze in München gegründete „Biennale“, das Internationale Festival für neues Musiktheater, schwer, seine einstige exklusive Bedeutung zu behaupten. Gleichwohl gehen von diesem Festival stärkere Signale aus, als von den vereinzelten Kreationen in aller Opernwelt - selbst dann, wenn einmal ein „Jahrgang“ keine überragenden oder wegweisenden Ergebnisse zeitigt.
Abgründig, unsicher und unheimlich
Bei der diesjährigen, der zwölften „Biennale“, standen vier Neuschöpfungen an: der Komponist Philipp Maintz (Jahrgang 1977) ließ sich vom Librettisten Thomas Fiedler nach Motiven aus dem 1869 veröffentlichten „Chants de Maldoror“ von Lautréamont, alias Isidore Lucien Ducasse, eine Textvorlage herstellen, in der im Stil schwarzer Romantik und surrealer Verzerrung der gewaltsame Tod eines Kindes im Mittelpunkt steht. Neben den Eltern treten auch der dunkle Ich-Erzähler Maldoror und Lautréamont leibhaftig in Erscheinung. Maintz schrieb dazu eine dicht gewirkte, von vokalen Linien durchzogene Musik (glänzend die Sopranistin Mariso Montalvo), deren vorwiegend statischer Gestus sich konträr zu einer wie auch immer gearteten Operndramatik verhält.
Eine Sphäre des Unheimlichen, schwer Durchschaubaren, Abgründigen wird intendiert, das Grundgefühl einer Zeit und ihrer Unsicherheiten, das bis in unsere Tage weiterwirkt. In Debussys „Pelléas et Mélisande“ begegnet man ähnlichen Phänomenen, nur dass Debussys Musik das Katastrophische bedrängender auszudrücken vermag. Die Musik von Maintz fließt noch zu stark neben den szenischen Vorgängen dahin, dringt nicht genug in diese hinein, was auch für die ästhetisch gepflegte Inszenierung Georges Delnons und Joachim Rathkes sowie des Bühnenbildners Roland Aeschlimann gilt.
Globale Authentizität auf der Biennale
An Debussys „Pélleas“ erinnert auch das Werk von Márton Illés. Der 34-jährige ungarische Komponist adaptierte als sein eigener Librettist ein frühes Schauspiel Rainer Maria Rilkes: „Die weiße Fürstin“ von 1894. Eine einsame Frau, die Fürstin, harrt am Meeresstrand ihres Geliebten. Ein Bote berichtet Schreckliches, das sich in den fernen Dörfern ereignet. Eine Pest scheint ausgebrochen, der Tod hält reiche Ernte. Rilkes symbolistisches Drama lässt alles in der Schwebe, Reales und Unwirkliches durchdringen sich, eine Katastrophe scheint kurz bevor zu stehen. Illés komponierte dazu eine Musik, die sehr distanziert die seltsamen Vorgänge auf der Szene „beobachtet“, dem kleinen Orchester aus Streichern, Klavier und mehreren Klarinetten eigenwillige Klänge entlockt, die aber dennoch ohne jene Klangmagie bleibt, in der sich das Katastrophische ausdrücken könnte. Auch eine intensive szenische und musikalische Aufführung wie die des Theaters Kiel (Regie: Andrea Moses, Dirigent: Georg Fritzsch) kann da nicht alles ausgleichen.
Einen „Blick des Anderen“, wie ihn sich die Biennale als Motto wählte, versuchte auch die 1976 geborene chinesischen Komponistin Lin Wang in Musik zu setzen. Die Geschichte, die die Komponistin und die Schriftstellerin Can Xue erfanden, spielt heute. Im Zentrum eine junge Frau namens Jian-Yi, Chefsekretärin in einem Großunternehmen, künstlerisch interessiert, empfindsam, lebt im Haus eines alten konservativen Ehepaares. Aber das Stück erzählt keine lineare Geschichte, sie bildet Zustände ab, Spannungen zwischen Generationen, das Ineinandergleiten vergangener und heutiger Zeiten, kurz: das Suchen nach der Titel gebenden „Quelle“, aus der alles Leben und Wesen entspringt. Auch Wangs Musik bedient sich aus vielen „Quellen“, nutzt die westliche moderne Tonsprache ebenso wie das heimatliche Idiom, für das klassische chinesische Instrumente wie die Mundorgel „Sheng“ und die Zither „Zheng“ effektvoll eingesetzt werden, um eine gleichsam globale Authentizität zu suggerieren. Alles wirkt überlegt, sorgfältig ausgehört, klingt gut - und kommt doch über eine gewisse Apartheit nicht hinaus.
Ein Hauch Donaueschingen in München
Im Zentrum der Biennale stand das Musiktheater „Amazonas“, das sich Biennale-Chef Peter Ruzicka, Peter Weibel und der brasilianische Wissenschaftler Laymert Garcia dos Santos ausgedacht haben. In drei Teilen zu insgesamt drei Stunden Spieldauer erhält der Besucher in Münchens Reithalle theatralisch, musikalisch und elektronisch belebte Nachhilfe zum Thema „Amazonas“: Ureinwohner, koloniale Landnahme, der englische Seefahrer Sir Walter Raleigh, die dunklen Geister des Regenwaldes, dessen Abholzungen, Statistisches aus einer Amazonas-Klima-Konferenz. Was der aufwendigen Produktion fehlt: sie schmerzt nicht. Ihr intendierter Protest verliert sich in oft umständlich arrangierten Aktionen.
Dass die Tage zwischen den zwei szenischen Uraufführungsblöcken mit vier größeren Konzerten ausgefüllt wurden, darf man als positiv bewerten. Die Münchner Philharmoniker unter Johannes Kalitzke, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin unter Susanna Mälkki, ORF Radio-Symphonieorchester Wien (Stefan Asbury) und Münchner Rundfunkorchester (Ulf Schirmer) führten neue Werke von Hans Thomalla, Bernhard Gander, Francesco Filidei und der Chinesin Yang Lin auf. Die Komponisten durften für ihr jeweiliges Konzert das gesamte Programm entwerfen. Ein Hauch Donaueschingen durchwehte die vier Abende. Thomallas „1, 2, three, 4“ für großes Orchester und Ganders „dirty angel“ für Flügelhorn, Akkordeon und Orchester hinterließen die stärksten Eindrücke.