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Zweimal „Le nozze di Figaro“ : Was guckt da unterm Notenrock hervor?

Mozarts „Nozze di Figaro“ in Leipzig
Mozarts „Nozze di Figaro“ in Leipzig : Bild: Kirsten Nijhof

Maskenhaft geschminkt, mit rot übermalten Kussmündchen und Smokey Eyes, agieren der Dienstbote Figaro (Wilhelm Schwinghammer) und seine Verlobte Susanna (Katerina Tretyakova) wie aus Papier geschnittene Anziehpuppen, sie basteln sich Papierhüte und Papiersehnsuchtsschiffe, was entschieden an das Musiktheater Achim Freyers erinnert, der so schon ganz ähnlich vor Jahrzehnten an der Berliner Lindenoper die Vorgeschichte zum „Figaro“ ausgestattet hatte: nämlich Rossinis „Barbiere“. Hier, in Hamburg, sehen wir nun eine verspätete, verfremdete Fortsetzung: Aus dem Mündel Rosina ist eine fade, von sich selbst gelangweilte Frau Gräfin (Iulia Maria Dan) geworden, auch ihr Gatte, Graf Almaviva (Kartal Karagedik), hat keine Lust mehr, jedenfalls nicht auf sie. Das einzige Requisit, welches nicht mit Notentapeten beklebt wurde: das gewaltige Bett, in die Bühnenmitte plaziert, wird einschlägig mit allerhand stilisierten Kopulationen belebt, nicht nur vom Grafen, auch von allen anderen, die in diese Kissen fallen oder daraus emporsprießen.

Er weiß genau, was er will

Zugegeben: Wir hören dankbar vor allem mit den Augen an diesem Abend. Bei Herheim ist immer was los. Einmal, beispielsweise, fischt der Graf, als er gerade seine altmodische Seria-Rache-Arie „Vedrò mentr’io sospiro“ singt, den frisch guillotinierten bluttriefenden Kopf von Konkurrent Figaro aus dem Prachtbett heraus. Soll heißen: verkehrte Welt. Trägt aber doch nur bei zu einem dekorativen Overkill, einer sich selbst strangulierenden Geschäftigkeit, die zur Lebenswirklichkeit der Mozartschen Ensembles zunehmend in Widerspruch gerät. Die vorwiegend jungen Sänger gehören sämtlich zum Ensemble der Hamburgischen Staatsoper. Sie werden von den gewaltig vielen Herheim-Noten erdrückt. Sind aber auch fast alle, ausgenommen nur Katja Pieweck (als Marcellina) und Tigran Martirossian (als Bartolo), den sängerischen Anforderungen ihrer Partien nicht gewachsen. Und auch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Leitung von Ottavio Dantone wirkt überfordert oder, mit zuweilen willkürlich schwankenden Tempi und etlichen Wacklern, wie nicht zu Ende geprobt.

Das lässt sich vom Gewandhausorchester Leipzig nicht sagen. Unter Leitung von Matthias Foremny legt es ein flinkes und quecksilbriges Tempo vor und imponiert bereits in der Ouvertüre mit Transparenz und Wärme zugleich. Auch das partnerschaftliche Sängerbegleiten, mit auffallend weichem Streicherlegato, klangfarbenstarken Bläsern, glückt wunderbar. Und unter den jungen Sängern gilt es sogar etliche Entdeckungen zu machen! Sejong Chang zum Beispiel, ein herausragender, junger, dreister Figaro mit einem betörend schönen, starken Bassbariton. Er stellt alle anderen in den Schatten, darunter auch Olena Tokar, seine bezaubernd soubrettenhafte, süße Susanna, und sogar Mathias Hausmann, den knatterchargenhaften, aber stimmlich dennoch präsenten Almaviva. Die amerikanische Sopranistin Wallis Giunta dagegen, seit dieser Saison neu im Ensemble, bringt für die Partie des Cherubino eine perfekt geführte, klar leuchtende Stimme mit, sie agiert so charakteristisch, charmant und speziell, dass man diesem popstarreifen Jüngling sofort abnimmt: Der weiß ganz genau, wer er ist, was er will.

Regisseur Gil Mehmert hat „Figaros Hochzeit“ als eine klassische Commedia dell’Arte in ein Barbiepuppenhaus verpflanzt, das so gemütlich wirkt wie eine Möbelausstellung in drei Etagen. Der zweite Stock besteht fast nur aus Kleiderschränken, zum allfälligen Verkleiden und Verwechseln, und das Bett der Brautleute steht im offenen Treppenhaus aufgebahrt, dergestalt, dass sie, wie Susanna es gleich eingangs warnend vortrug, unter allgemeiner öffentlicher Beobachtung stehen, greifbar und angreifbar jederzeit. So plaudert sich der Plot munter vorwärts, alles läuft wie am Schnürchen. Aber huch! Es knistert nichts! Ein Höhepunkt jugendfreier Erotik ist erreicht, als Figaro und seine Liebste am Ende ins Bett hüpfen und sich unter der Decke verstecken.

Quelle: F.A.Z.

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