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Mozarts „Le nozze di Figaro“ : Ein Graf von reizbarer Noblesse

Unverstellt: Susanna (Lauryna Bendžiūnaitė, l.) und Cherubino (Catherine Trottmann) in Straßburg Bild: Klara Beck

Lagarde und Loy inszenieren Mozarts Oper „Figaro“ in Straßburg und München – einmal als herzerwärmende Komödie, einmal Denkstück über soziale Kontrolle durch die Tyrannei des Authentischen.

          Die Menschen lachen. Ganz ohne Vorsatz, jäh überrumpelt – es ist ganz wunderbar. Sie lachen in Straßburg, und sie lachen in München. Es wäre verkehrt, zu sagen, sie lachten hier genauso wie dort. Denn in Straßburg lachen sie lauter, herzlicher und etwas zahlreicher als in München, aber sie lachen verlässlich an den gleichen Stellen. Dann nämlich, wenn der Page Cherubino – vom Grafen unterm Kleid auf dem Sessel entdeckt und des Lauschens bezichtigt – mit schockstarrer Schlagfertigkeit raushaut: „Ich war so taub, wie ich nur sein konnte.“

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Oder wenn der Gärtner sagt, ein Mann sei vom Balkon gesprungen, aber ein Pferd habe er nicht vom Balkon springen sehen. Schließlich, wenn sich herausstellt, dass Marcellina, die den chronisch klammen Figaro über einen Kreditvertrag zur Heirat erpressen will, dessen Mutter ist.

          Hä? Wie jetzt? Seine Mutter?! Die Architektur der Überraschungen, Zeitpunkt und Umgebung ihrer dramatischen Plazierung sind in der Oper „Le nozze di Figaro“ von Lorenzo da Ponte und Wolfgang Amadeus Mozart so unübertrefflich gefügt worden, dass das Stück auch nach über zweihundert Jahren zündet.

          In der Opéra National du Rhin in Straßburg sitzen, in der dritten Vorstellung seit der Premiere, ziemlich viele Studenten und schulpflichtige Kinder mit ihren Erwachsenen, meistens den Großeltern. Das Haus ist, mitten in der Woche, bis unters Dach ausverkauft, inklusive der dreißig Stehplätze. Der Eindruck einer weitgehend intakten städtebürgerlichen Teilhabe an der Kunst stellt sich ein. Die neue Intendantin Eva Kleinitz, die von Stuttgart ins Elsass wechselte, ist glücklich darüber. Sie erntet damit auch die Früchte ihres Amtsvorgängers Marc Clémeur, der hier nur Regisseure verpflichtet hatte, die den denkenden, liebevollen Dialog mit den Werken und dem Publikum suchen, aber nicht die zynische Selbstbespiegelung des eigenen Betriebs.

          Kleinitz setzt diese Arbeit verantwortungsvoll fort. Schon ihre erste Saison hat sie komplett selbst geplant und für den „Figaro“ Ludovic Lagarde verpflichtet, den Intendanten der Comédie Reims, der es hervorragend versteht, eine Komödie zu inszenieren. Sein „Figaro“ spielt im Atelier eines Modemachers von heute; die Kostüme von Marie de La Rocca erinnern an Roben und Haartrachten von Alexander McQueen. Der Graf Almaviva, den Davide Luciano mit der Verführungskraft eines Don Giovanni singt, ist der Chefdesigner. Sein Bedürfnis nach Zuneigung ist ebenso immens wie seine Großzügigkeit der Zuwendung. Es ist die Gräfin, die ihn mit sich selbst konfrontiert und ihn am Ende erkennen lässt, dass ein manipulativer Narzisst in ihm steckt, der seine Umgebung krank macht.

          Lässt man sich nun auch in München unter Druck setzen?

          Aber zugleich bewahrt Lagarde den Ton des Zaubers, einer melancholischen Zärtlichkeit aller gegen alle. Andreas Wolf als Figaro lässt wegen seiner Wachheit, Reaktionsschnelle und feurigen Schönheit seines Timbres aufhorchen, ebenso die junge Litauerin Lauryna Bendžiunaite, deren Sopran ziemlich gewitzt und süß zugleich ist, wie es sich für eine Susanna gehört. Patrick Davin, der das Orchestre Symphonique de Mulhouse leitet, hat einen untrüglichen Sinn für musikalischen Fluss und komödiantisches Timing. Dass die Pointen so genau sitzen, ist wesentlich ihm zu verdanken.

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