26.01.2006 · Nichts leichter als Mozart. Für Dilettanten. Doch wer Mozart kann, kann ihn nicht: Wehmütige Erinnerung eines älter gewordenen Kindes an die tollen Sechzehntelgirlanden der frühen Jahre.
Nichts leichter als Mozart. Für Dilettanten. Zum Beispiel die drei ganz simplen Takte 124 bis 126 im ersten Satz seines letzten Klavierkonzerts (B-Dur, KV 595).
Man kann sie in einer alten, ziemlich zerfledderten, verfleckten, abgegriffenen, aber immer noch wundervoll gelben Ausgabe der „Schirmer's Library of Musical Classics“ aus den frühen sechziger Jahren nachgucken, „critically revised, fingered, and the orchestral accompaniments arranged for a second piano by Isidor Philipp“, so daß der Dilettant geneigt war, den Mozart der Klavierkonzerte für einen genuin englischen Komponisten zu halten (und manche Kadenzen waren denn auch in ihrem Pomp-and-Circumstance-Kitsch danach).
Was nach Gegenwelt schmeckte
Damals war der Dilettant noch ein halbes Kind, das nach diesen Noten gegriffen hatte, wie es nach allem griff, was nach Gegenwelt schmeckte: neugierig, glühend und unverschämt genug, sich zuzutrauen, was nur irgend groß und schön, dem Kind aber kinderleicht schien. Nie wieder gingen ihm ganze Dramen so leicht in Kopf und Herz. Und wo im dramatischen Dialog mit dem Klavier das Orchester (im Klavierauszug) in Takt 124 eine total einfach tonleitrige Melodielinie in Achtelnoten hintupfte, fingerte der kindliche Dilettant mit der linken Hand seines Solo-Parts zu jedem Tonleiterton eine in Sechzehnteln gebrochene Terz hinzu, wie es im Text stand.
So daß es wirkte, als werde eine Girlande an der Decke aufzuhängen versucht, nach der sich Takt 125 noch derart streckte, daß dort die rechte Hand mit erst lange aufsteigenden, dann kurz abfallenden Sechzehnteln die Schnur an einem Haken festzubinden schien, während Takt 126 schon die nächste schöne, bunte, tolle Sechzehntel-Girlande herwehen ließ. Das ging wie geschmiert. Leicht und lässig. Und vor allem ging es vollkommen unbewußt. Das halbe Kind (der ganze Dilettant) war dumm genug, um restlos glücklich zu sein. Denn es wußte gar nicht, was es spielte. Es spielte nur. Und kam sich groß vor. Und sagte sich: „Ich kann Mozart!“
Der Beginn eines Fluches
Das war der Beginn einer Katastrophe, ja eines Fluches, dessen Bann nun schon mehr als vier Jahrzehnte auf dem älter gewordenen Kind liegt. Von diesem Moment an nämlich, in welchem dem Kind bewußt wurde, daß es diese Sechzehntelgirlanden „konnte“, fingen die verfluchten Sechzehntel an, sich zu sperren und zu spreizen. Sie wurden unüberwindliche Brocken, von denen der eine dem anderen sozusagen vor die Finger kollerte, in ungleichmäßigen, holperigen Abständen. Nichts flutscht mehr. Alles stockt. Die Terz-Abstände sind keine geschlenzten Hüpf-Distanzen mehr, sondern riesige Klüfte, Abgründe.
An diesen drei Takten Mozart-Gebirge (und es gibt bei Gott und Amadeus noch ganz andere!) arbeitet der Dilettant sich seither vergebens ab. Daß die einfache, umspielte Tonleiter keine Girlande mehr emporweht, sondern ein fast resigniertes, schmerzend eng geführtes Sichaufschwingen und Wiederzusammensinken bedeutet, daß hier große, gewaltige, traurige, reife Lebenslinien auszumusizieren, keine Scherzartikel aufzuhängen sind, macht aus der Fingertechnik des Dilettanten hilflosestes Blendwerk. Und seine Demut begreift: Wer Mozart kann, kann ihn nicht.