09.11.2008 · Ein aufregendes Abenteuer wird vereitelt: Mangels Sponsoren konnten Gerard Mortier an der City Oper von New York nur sechzig Prozent des zugesagten Etats garantiert werden. Nun geht er - für die Stadt ein Desaster.
Von Jordan Mejias, New YorkDie Finanzkrise bringt von Tag zu Tag mehr amerikanische Kulturinstitutionen in Bedrängnis. An diesem Wochenende hat sie die New York City Opera erreicht und so ein aufregendes Abenteuer, das von Grund auf das städtische Musikleben umkrempeln sollte, vereitelt. Gerard Mortier wird nicht im nächsten Jahr die Leitung des Hauses übernehmen. In einem Gespräch mit dieser Zeitung führte er seine Absage auf die desolate finanzielle Lage der City Opera zurück, die sich seit dem Zusammenbruch an der Wall Street noch dramatisch verschärft habe. Während ihm vertraglich ein jährliches Budget von sechzig Millionen Dollar zugesichert worden sei, hätte er, nach dem letzten Angebot des Aufsichtsrats, seine erste Spielzeit mit 36 Millionen über die Runden bringen müssen. Davon wären für Fixkosten 34 Millionen zu entrichten gewesen. Mit dem Rest hätte er beim besten Willen kein künstlerisch anspruchsvolles Programm bieten können.
Mortier will als Vergleich wahrlich nicht die dreihundert Millionen Euro heranziehen, die ihm als Direktor der Pariser Oper zur Verfügung stehen. Aber um der City Opera, die seit Jahrzehnten nach Profil sucht und dabei immer wieder am Rand des Ruins stand, wieder einen Platz unter den maßgeblichen Häusern des Landes und vielleicht sogar der Welt zu verschaffen, hätte er doch ein wenig mehr gebraucht, als etwa der Oper in Trier zur Verfügung stehe. Zuletzt konnte der Intendant Paul Kellogg immerhin noch 43 Millionen ausgeben. Die City Opera hat zurzeit fünfzehn Millionen Dollar Schulden. In den vergangenen Wochen wurden Mitarbeiter entlassen, und wer bleiben durfte, musste bisweilen auf sein Gehalt länger warten, als es im Vertrag stand.
Dem Aufsichtsrat zu riskant
Als Kompromiss hatte Mortier vorgeschlagen, das versprochene Budget um zehn Prozent zu kürzen und zudem einen Kredit über achtzehn Millionen Dollar aufzunehmen, in der Hoffnung, dass seine Eröffnungsspielzeit ein rauschender Erfolg werde und dadurch auch Sponsoren anrege, größere Schecks auszustellen. Diese Strategie aber war dem Aufsichtsrat, in dem die wichtigsten Geldgeber der Oper sitzen, zu riskant. Obwohl Mortier dem Haus bereits sechs Millionen Dollar durch Vorträge, Fundraising Dinners und Cocktails erschmeichelt hat. Die Geldsuche der eigens dafür angestellten Spezialisten war weniger erfolgreich.
Doch das eigentliche Problem ist die Finanzkrise. Susan L. Baker, die Aufsichtsratsvorsitzende, auf deren inständiges Werben hin Mortier sich zum Umzug nach New York entschlossen hatte, erklärte gegenüber dieser Zeitung, am Ende habe sie den Ausschlag gegeben: „Der Boden ist uns unter den Füßen weggebrochen.“ Und das just nachdem Mortier den Aufsichtsrat von seinem weiß Gott nicht an eine Hitparade erinnernden Spielplan überzeugen konnte. Im September, als er den versammelten Geldgebern dessen endgültige Version vorlegte, schienen die Hindernisse endlich weggeräumt.
Eine kulturelle Katastrophe
Erstmals sollte in New York „St. Franois d’Assise“, Messiaens Opus summum, aufgeführt werden, und auch eine Neuinszenierung von Philip Glass’ und Robert Wilsons „Einstein on the Beach“ wurde bereits mit Spannung erwartet. Neben Strawinskys „Rake’s Progress“, Debussys „Pelléas et Mélisande“, Janaeks „Sache Makropulos“ und Brittens „Death in Venice“ waren zwei neue Werke angekündigt: Alain Platels Bühnenmeditation über Verdi und eine Zusammenarbeit des Regisseurs Peter Sellars und der schwarzen Komponistin und Gospelsängerin Berenice Johnson Reagon. Die Aufführungen sollten nicht nur in dem renovierten Theater, das sich die City Opera mit dem City Ballet im Lincoln Center teilt, stattfinden, sondern auch in anderen Stadtteilen von New York, zum Beispiel im legendären Apollo Theater in Harlem und in der Park Avenue Armory, dem riesigen Zeughaus auf der Upper East Side.
Zusammen und in Konkurrenz mit der Metropolitan Opera, an deren Neuerfindung gerade Peter Gelb mächtig herumwerkelt, wurde der City Opera unter Mortier zugetraut, New York in ein zukunftsweisendes Zentrum der internationalen Opernwelt zu verwandeln. Dass es nun nicht dazu kommen wird, ist für die Stadt eine kulturelle Katastrophe. Denn bei allem Aktivitätsdrang sind der Met schon durch ihr Viertausend-Plätze-Haus ästhetisch enge Grenzen gesetzt. Gerade ein intellektuelles, nicht unbedingt massentaugliches Musiktheater, wie es Mortier vertritt, wäre ein aufregendes Gegengewicht gewesen.
Manches in Bewegung gebracht
An wohlfeiler Häme auch aus der Alten Welt wird es nicht fehlen. Aber Mortier vorzuwerfen, er habe sich verrechnet und sei mit seinen europäischen Vorstellungen im harten amerikanischen Konkurrenzkampf gescheitert, wäre ebenso widersinnig, wie New York und Amerika anzukreiden, nur an Stars und Glamour Gefallen zu finden. Zwei Jahre lang hat Mortier hinter den Kulissen so manches in Bewegung gebracht, bis nicht allein ihm die Finanzkrise, die sich in einer von der Wall Street geprägten Stadt besondern verheerend auswirken muss, einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Vielleicht geht darum die jetzige Trennung auch verhältnismäßig friedlich und, soweit abzusehen, ohne jedes juristische Nachspiel über die Bühne. Frau Baker ist weiterhin voll des Lobes und der Zuneigung, spricht von tiefstem Respekt vor Mortiers Leistung und gesteht, tief betrübt darüber zu sein, dass die Verhältnisse kein Happy End zuließen.
„Ich bin gar nicht böse“, sagt Mortier jetzt, und das ist ihm auch zu glauben, obwohl er unendlich enttäuscht sei und zwei Jahre lang umsonst geschuftet habe – mehr als je zuvor in seiner Karriere. Für Auftragsarbeiten wie die Oper über Walt Disney, an der Philip Glass arbeitet, und Charles Wuorinens „Brokeback Mountain“ nach dem gleichnamigen Filmhit will er nun neue Abnehmer finden. Alles in allem habe er in Amerika eine „unglaubliche Lernschule“ durchlaufen. Aber Mortier gibt auch zu, dem amerikanischen System mit seiner radikalen Privatisierung der Kultur nun doch viel skeptischer gegenüberzustehen als zu Beginn seines New Yorker Abenteuers: „Wenn die Wirtschaft funktioniert, geht es der Kultur gut. Aber wenn das nicht der Fall ist . . .“ Darum kann Europa jetzt wieder mit Mortier rechnen. Für die City Opera sieht die Zukunft jedoch düster aus.
Good bye City Opera
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 09.11.2008, 18:48 Uhr
Gerade in harten Zeiten...
Gerhard Finsterbusch (bahlsen)
- 09.11.2008, 21:06 Uhr