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Montserrat Caballé zum Achtzigsten Pianissimo-Engel

Die Callas persönlich erkor sie zu ihrer Belcanto-Nachfolgerin. Montserrat Caballé wurde diesen hohen Ansprüchen gerecht. Zum achtzigsten Geburtstag der Sopranistin.

© www.fotex.de Vergrößern Diese sanft flutenden, seidenfeinen hohen Töne: Montserrat Caballé

Der Mistral wehte heftig am Abend des 20. Juli 1974 in Orange. Länger als eine Stunde mussten achttausend Hörer auf den Beginn einer Aufführung von Bellinis „Norma“ warten. Von einer Kaserne wurden Decken herbeigeschafft. Um neun Uhr entschloss sich Jacques Bourgeois, der Direktor des Festivals, die Aufführung abzusagen. Doch die Sängerin der Titelpartie schlug vor, zu beginnen und nur dann abzubrechen, wenn es unumgänglich wäre. Die Orchestermusiker, aus Turin herbeigeholt, mussten ihre Noten mit Wäscheklammern fixieren. Um Viertel nach neun konnte die Aufführung beginnen.

Ein Jahr später wurde die von Pierre Jourdan filmisch dokumentierte Aufführung in Paris gezeigt. Bourgeois hatte Maria Callas eingeladen. Sie sah und lauschte und sagte am Ende: „Sie haben sie zu schön aussehen lassen.“ Es war Montserrat Caballé. Einige Zeit später erhielt sie ein paar kostbare Ohrringe, die Maria Callas selbst zwanzig Jahre zuvor von dem Regisseur Luchino Visconti erhalten hatte, nachdem sie 1955 an der Scala die Partie der Druiden-Priesterin gesungen hatte. Auf die Frage nach ihrer Nachfolgerin sagte sie: „Ganz allein Montserrat Caballé.“

Erste Engagements in Basel

Eine halbe Million Opernfreunde haben inzwischen auf Youtube gesehen, wie Caballé, vom Kostüm umflattert, das Gebet an die „Casta diva“ richtet. Ein hellhöriger Melomane weist darauf hin, wie sublim sie bei Sekunde 0’18’’ und 0’30’’ die Ornamente kalligraphiert; und wenn man in der Kadenz der Arie hört, wie sie einem berückenden Diminuendo auf dem hohen B eine kaskadenhaft fallende Skala folgen lässt, kann man nur in den auch und gerade von Sängerkolleginnen angestimmten Chor der Bewunderung einfallen.

Montserrat Caballé, in Barcelona geboren, studierte am dortigen Konservatorium Harmonielehre, Komposition, Klavier und Gesang. Erste Bühnenerfahrungen machte sie in Aufführungen von Zarzuelas; die ersten Engagements führten sie 1956 an das Opernhaus von Basel. Chefdirigent war damals Silvio Varviso. 1959 wechselte sie nach Bremen. Aber in diesen fünf Jahren kam sie über die Funktion des Allzwecksoprans nicht hinaus: Sie musste singen, was auf den Spielplan kam, und dass sie die Partie der Elektra nicht singen musste, verdankte sie nur der Sorge von Generalmusikdirektor Gerd Albrecht um ihre kostbare Stimme.

Als Einspringerin für Joan Sutherland

Sie löste sich 1961 aus ihrem Festvertrag und begann, Konzerte zu geben. 1963 unternahm sie einen neuen Anlauf in Mexico City, wo Maria Callas zwischen 1950 und 1953 den Grundstein ihrer Karriere gelegt hatte. Sie sang Massenets Manon, und ihr Partner war der langjährige Partner der Callas: Giuseppe di Stefano. Als er, wie gewohnt, Proben schwänzte, bat sie ihn flehentlich, ihr zu helfen. Sie war so erfolgreich, dass er das Columbia Artists Management auf sie aufmerksam machte. Sie bekam einen Vertrag in Philadelphia, wo sie 1965 neben dem Andrea Chenier des Tenorstars Franco Corelli die Partie der Maddalena sang.

Damals hatte das Revival der romantischen Belcanto-Oper seinen ersten Höhepunkt erreicht. Allen Sven Oxenburg, Leiter der American Opera Company, der die Callas 1959 nach New York gebracht hatte, präsentierte 1961 Joan Sutherland in Bellinis „Beatrice di Tenda“, neben ihr Marilyn Horne, die durch diese Aufführung den Weg ins Belcanto-Fach fand. Die Amerikanerin sollte 1965 in der Carnegie Hall die Titelpartie in Donizettis „Lucrezia Borgia“ singen. Sie musste kurzfristig absagen. Die Einspringerin, Caballé, schickte das zunächst übellaunige Publikum mit ihren Pianissimi zu den Engeln.

Zu Anerkennung mit Verdi

Diese sanft flutenden, seidenfeinen hohen Töne waren das Ergebnis kluger Anverwandlung. Beim Studium lauschte sie den atemtechnisch mirakulösen Aufnahmen des spanischen Tenors Miguel Fleta; studierte die expansive Phrasierung von Rosa Ponselle; bewunderte die Pianissimi der Tebaldi und die koloristischen Nuancen von Victoria de los Angeles. Ihr Motto: „Meister wird man nur bei Meistern.“

Ihren spektakulären Erfolg in „Lucrezia Borgia“ am 20. April 1965 konnte sie bei ihrem Met-Debüt als Marguerite in Gounods „Faust“ noch nicht bestätigen: „Es war keine ideale Rolle für sie“, schrieb die „New York Times“. Die Anerkennung der Connaisseurs fand sie dann mit der 1967 veröffentlichten Aufnahme von Verdis „La Traviata“. Es ist eines der überragenden Porträts dieser Rolle. Seit den späten sechziger Jahren konzentrierte sie sich auf das Belcanto-Repertoire. Drei Platten mit Verdi-, Rossini- und Donizetti-Raritäten wurden als Offenbarung bezeichnet. Desmond Shawe-Taylor, damals der Doyen der Gesangskritik, schrieb in „The Gramophone“: „Mit Blick auf die Reinheit des Tons und das Finish der Phrasierung ist das Singen von Mme Caballé in einer anderen Klasse als das jeder anderen zeitgenössischen Sängerin.“

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In den siebziger Jahren teilte sie sich den Primadonna-Thron mit Joan Sutherland und war Dauergast in den Plattenstudios. Sie hat „Norma“ und „I Puritani“ aufgenommen, „Lucrezia Borgia“ und „Lucia di Lamermoor“, „Guglielmo Tell“ von Rossini, die Verdi-Opern „Giovanna d’Arco“, „Il Trovatore“, „La Traviata“, „Un Ballo in Maschera“, „Don Carlo“ und „Aida“, „Salome“ von Richard Strauss und die Puccini-Opern „Manon Lescaut“, „La Bohème“, „Tosca“ und „Turandot“ (Titelpartie und Liù) - dies nur als kleine Auswahl.

Sie hat sich freilich auch auf jene „Road of Glory“ begeben, die von den Monopolisten des guten Geschmacks als künstlerischer Irrweg angesehen wird. Aber sie war als Sängerin immer so sattelfest im Schweren, dass sie es auch mit dem Leichten aufnehmen konnte, auch dank ihres Geschicks, die Ausflüge in die Sphären des Trivialen für den Camp-Geschmack zu inszenieren und zu zeigen, dass es auch „das Erhabene von unten“ (Marcel Proust) gibt. Am Dienstag, den 9. April, wird Montserrat Caballé achtzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.

 
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