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Berliner „Ödipus und Antigone“ : Auf Horrortrip mit strammer Perücke

  • -Aktualisiert am

Ein schlecht gelüfteter Zombie aus antiker Vorzeit? Aram Tafreshian spielt Kreon, den König von Theben. Bild: Armin Smailovic

Tragödienfigur als große Führerin: Ersan Mondtag inszeniert „Ödipus und Antigone“ im Berliner Maxim Gorki Theater als makabren Mythenmix.

          Die paar griechischen Dramen, die uns überliefert wurden, sind harter Stoff für Regisseure, denn sie kommen ohne Psychologie aus und erklären so wenig: Das Schicksal waltet, die Personen werden gewaltet. Wie Schachfiguren unterliegen sie abstrakten Gesetzen, die viel wichtiger sind als sie. Derlei entindividualisiertes Denken ist in Zeiten, die vom Dogma der Selbstverwirklichung dominiert sind, völlig passé. Womit also Gestalten wie den unglücklichen König Ödipus, seine unbeugsame Tochter Antigone, den blinden Wahrsager Teiresias heute verständlich machen? Um ihnen abzulauschen, was sie auf ihre Art, die nicht unsere Art ist, zu erzählen haben, braucht man Geduld, Genauigkeit und eine belastbare Vision von dem, was auf der Bühne werden soll mit all ihren längst verflossenen Irrungen und Wirrungen. Im Berliner Maxim Gorki Theater lässt der Regisseur Ersan Mondtag nun Ödipus und die Seinen in einen wüst aufgeladenen, kühl choreographierten Krimi geraten. Der eineinhalbstündige Abend heißt „Ödipus und Antigone nach Sophokles“ und versammelt in einer buntgemischten Textfassung Ausschnitte aus allerlei Tragödien des Dramatikers sowie außerdem etwa aus „Sieben gegen Theben“ von Aischylos.

          Die alten Griechen wirken in den kultiviert schönen Kostümen von Josa Marx wie schlecht gelüftete Zombies aus antiken Vorzeiten - mit violetten Ganzkörperanzügen und antikisierend geschnittenen, purpurfarbenen Überwürfen, mit stramm gesprühten Grauhaarperücken und schlimm gerunzelten, bleich gefalteten Gesichtsmasken. Ein bisschen sehen sie aus, als wären sie die makabren Kinder von David Lynch und Herbert Fritsch, und gegen beide hätte Ersan Mondtag vermutlich nichts einzuwenden.

          Geboren 1987 in Berlin, gilt er als hoffnungsvolles Regietalent und ist jetzt zum zweiten Mal zum Theatertreffen eingeladen worden. Mondtag hat sein Handwerk neben ein paar Semestern an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule vor allem als Assistent an der Berliner Volksbühne gelernt. Die Intendanten reißen sich um ihn, weil er einerseits die komplizierten Theaterapparate beherrscht, andererseits stets für ungewöhnliche, ausgefeilte Bilderwelten gut ist. Seine Inszenierung von „Ödipus und Antigone“ ist ein unheimlich düsteres, beklemmend schauriges Familienszenario, in dem es nur greise, wackelige, bösartige, einzig auf Macht und Gewalt erpichte Untote gibt. Eine feuerrote Treppe endet hoch oben an einem weißen Sarg mit einem kleinen, weißen Haus an der Stirnseite. Weiß ist im Bühnenbild von Julian Wolf Eicke (mit Thomas Bo Nilsson) auch die Fassade des Häuschens darunter, hinter der sich ein schwarz gefliestes Wartezimmer befindet.

          Unterwegs auf hohem Versfuß

          Auf hohem Versfuß wie in heutiger Alltagssprache stöckeln, stampfen, stolpern die Darsteller durch die Geschichte des Ödipus, der seinem Schicksal nicht entgehen kann: Er hat unwissentlich seinen Vater getötet und seine Mutter geschwängert. Wer gerade in welchem Verhältnis zu wem steht und warum, ist für Mondtag in diesem Horrortrip, bei dem alles in der Familie bleibt, offenbar nicht maßgeblich, er will lieber strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den Personen entdecken. Deswegen gleichen sie einander äußerlich sowie auch akustisch durch die Mikroports, die ihr oft bängliches Sprechen, Atmen, Röcheln, Ächzen verstärken.

          Lässt sich hängen: Benny Claessens als Ödipus.
          Lässt sich hängen: Benny Claessens als Ödipus. : Bild: Armin Smailovic

          Die Musik von Beni Brachtel hält alles irgendwie zusammen und würde bestens zu einem Gruselfilm passen. Benny Claessens als Ödipus ist ein merkwürdig tuntiges, quengelndes, unzufriedenes, egomanes Riesenbaby mit heller Prinz-Eisenherz-Frisur, das gern faul herumlungert und in einem nervtötend albernen Singsang durch seine biographischen Abgründe tölpelt. Kate Strong als Teiresias turnt mit prachtvollem Kopfputz und wütend ausgestoßenen Kraftausdrücken über Hausdach, Dialektik und Orakelsprüche. Orit Nahmias und Yousef Sweid als die feindlichen Brüder Eteokles und Polyneikes, Ödipus‘ Söhne, kalauern zu Beginn vor dem eisernen Vorhang, wie es Schauspieler in der Garderobe tun, wobei sie tagespolitische Ereignisse nicht aussparen. Aram Tafreshian als Kreon, ihr Onkel und König von Theben, hat einen rauschenden Zeus-Bart umgebunden und ringt sich trotzdem ein zartes Mädchenstimmchen ab. Aus dem weißen Sarg holt Ödipus am Schluss ein Baby, winzig wie er selbst, als ihn die Eltern aussetzten. Kurz hätschelt er es, bevor er es hart zu Boden schmeißt und verschwindet.

          Der Chor fällt aus

          Antigone, die den „Vaterlandsverräter“ Polyneikes beerdigte, was Kreon strikt verbat, stirbt hier - anders als bei Sophokles - nicht, sondern gewinnt durch ihren Tabubruch grenzenlose Macht. Erst fürchten sich alle vor ihr, dann huldigen sie ihr mit ausgestreckten Armen wie einer omnipotenten Diktatorin: „Sei mit uns. Führe uns.“ So reichen die alten Mythen direkt in unsere Gegenwart, in der auch überall potentielle Führer lauern (obwohl die mit Antigone nichts zu tun haben).

          Der Chor freilich ist gestrichen, er wird bloß vom Tonband eingespielt. Formal entschieden und kraftvoll zupackend schneidet sich Ersan Mondtag den antiken Stoff zurecht - bis höchstens noch das grobe Gewebe, nicht jedoch die Musterung, Feinzeichnung und die Textur erkennbar sind. Daher lässt einen diese formal zwar reife, inhaltlich allerdings äußerst dürftige Inszenierung seltsam kalt. Mondtags Arbeit ist in ihrer stilistischen Konsequenz interessant, scheitert aber, weil sie sich mit dem Oberflächenglanz begnügt.

          Quelle: F.A.Z.

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