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Moderner Tanz-Klassiker : Sag beim Abschied leise Ajö

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Jedes Stück ein Neuanfang: Die Tänzerin Sylvie Guillem in „Ajö” Bild:

Die neue Produktion von Mats Ek war nur ein Gerücht, denn der Choreograph mag keinen Premierenrummel. Genauso berühmt und mindestens ebenso scheu - die Tänzerin Sylvie Guillem. Gemeinsam haben sie in Stockholm ein Meisterwerk geschaffen.

          Hätte die Tänzerin Ana Laguna ihm nicht eine Aufnahme von Beethovens Klaviersonate op. 111 geschenkt, Mats Ek wäre nie auf den Gedanken gekommen, diese Musik könne zum Ausgangspunkt eines Solotanzes werden. Doch die wegen ihrer strawinskyhaften Modernität umstrittene Aufnahme von Ivo Pogorelich, die Eks Frau für ihn gekauft hatte, löste in Schwedens berühmtestem Choreographen sofort Phantasien aus. Pogorelichs Interpretation sei für ihn etwas ganz Besonderes, sagt Ek am Tag nach der geheimgehaltenen Voraufführung von „Ajö“ in einer der kleinen Tänzergarderoben im Stockholmer „Dansens Hus“.

          Im Juli 2011 erst wird im Londoner „Sadler's Wells Theatre“ die Uraufführung des zwanzigminütigen Meisterwerks zum zweiten Satz von Beethovens letzter Klaviersonate stattfinden. Da der britische Koproduzent Alistair Spalding, Direktor der wohl weltweit bestausgestatteten Bühne für zeitgenössischen Tanz, das meiste Geld in „Ajö“ gesteckt hat, einigte man sich auf diese Regelung.

          Mats Ek bekam seine Wunschbesetzung

          Darum ging es jetzt in Stockholm eher ruhig zu. Bis wenige Tage vor der Premiere gab es keine schriftlichen Hinweise, keine Ankündigung im Internet, nichts. „Ajö“, im Schwedischen ein Abschiedsgruß, war nur ein Gerücht. Ek mag keinen Premierenrummel - der Schwede ist scheu und wortkarg. Erschwerend kam hinzu, dass seine Wunschbesetzung, die er beim Hören von Pogorelichs Platte sein neues Solo tanzen sah, genauso berühmt ist wie er und mindestens ebenso scheu: Sylvie Guillem. Interviewanfragen vom schwedischen Fernsehen sagten beide ab.

          So kann ein Sprung bei der Balletttänzerin Sylvie Guillem aussehen
          So kann ein Sprung bei der Balletttänzerin Sylvie Guillem aussehen : Bild: Gilles Tapie

          Die außergewöhnliche Schönheit des Könnens von Guillem hatte einst Rudolf Nurejew im selben Moment erkannt, als sie - eigentlich noch ein Teenager - 1981 die Bühne der Pariser Oper betrat. Wenig später ernannte er sie zum Etoile. Doch auch ihr Status als Erste Solistin hielt sie nicht auf Dauer: Sie ging zum Londoner Royal Ballet und wurde in Covent Garden zum Star. Ob als Giselle, Odette/Odile, Manon oder Marguerite, ihre wunderschönen Linien, ihr makelloses technisches Vermögen und die Risikobereitschaft in ihren leidenschaftlichen Interpretationen ließen die Zuschauer weltweit den Atem anhalten.

          Inzwischen ist Sylvie Guillem fünfundvierzig Jahre alt und eine umjubelte Tänzerin in eigens für sie geschaffenen Stücken zeitgenössischer Choreographie-Stars wie Akram Khan oder Russell Maliphant. Der kanadische Regisseur Robert Lepage hat mit ihr und Maliphant „Eonnagata“ inszeniert, mit dessen ausverkauften Vorstellungen Paris den Jahreswechsel begeht.

          Mehr als nur eine Figur im Stück - ein Artefakt

          Jetzt, an diesem schon ab zwei Uhr nachmittags dunklen schwedischen Vorweihnachtstag, sitzt Sylvie Guillem schmalschultrig und hellhäutig neben Mats Ek und nickt aufmerksam, als er sagt, Pogorelichs Spiel erzeuge so seltsame Assoziationen in ihm, es sei für ihn wie ein durchgehendes Pferd, dann aber auch wie eine aIte Frau, die ihren Gedanken an die Vergangenheit nachhänge. Verletzlichkeit kennzeichne seine Bühnenfigur, sie begebe sich in einen ihr unbekannten Raum, setze sich bewusst der Ambiguität aus.

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