15.03.2010 · Jüngst bat der Papst-Bruder und langjährige Chorleiter Georg Ratzinger die Missbrauchsopfer unter den Regensburger Domspatzen um Verzeihung. Auch ein Blick in die Geschichte des Knabengesangs lehrt, dass Musik keine gewaltfreie Zone ist.
Von Eleonore BüningAn dem Tag, als Georg Ratzinger, dreißig Jahre lang Chorleiter der Regensburger Domspatzen, sich unter dem Druck der Öffentlichkeit dazu entschloss, einzuräumen, er habe doch etwas von den Misshandlungen seiner Schutzbefohlenen gewusst, „sehr heftige Ohrfeigen, . . . oft aus nichtigen Anlässen“; mehr noch, er selbst habe, was damals selbstverständlich gewesen sei, zu Beginn seiner Domkapellmeisterzeit Ohrfeigen ausgeteilt, „mit schlechtem Gewissen“, und sei „innerlich erleichtert“ gewesen, als er nicht mehr habe Ohrfeigen austeilen dürfen, weil „der Gesetzgeber“ so etwas im Freistaat Bayern 1980 verboten habe; an jenem Tag waren die Zeitungen voll davon, und es gab verständnisvolle Kommentare. Auch nur ein Mensch. Sympathisch, diese vorbildliche Offenheit. Oder: Woher soll Ratzinger damals schon eine moderne, prügelstrafenfreie Pädagogik gekannt haben?
An diesem Tag wurde aber auch zufällig auf einer der letzten Seiten, im Vermischten, etwas über die Folgen von Ohrfeigen gesagt und darüber, was das im Einzelfall heutzutage aus gesetzgeberischer Sicht kosten kann: Nicht den Kopf, nicht das Leben, schon gar nicht gegebenenfalls den Sessel eines päpstlichen Bruders. Doch immerhin 100.000 Euro pro Schlag. Prinz Ernst August von Hannover war, so die Meldung, für zwei Ohrfeigen, die er einem Diskothekenbesitzer wegen zu lauter Musik verpasst hatte, zu einer Geldstrafe von zweihunderttausend Euro verurteilt worden. Ganz schön teuer. Und wer kennt das etwa nicht, Musik, die einem den Verstand rauben kann?
Die alte Frage: Musik und Gewalt
Es ist klar, dass sich in allen Kriminalfällen das öffentliche Interesse immer zuerst an die Täter heftet. Täter bieten die größere Identifikationsfläche. Was ein Lustmörder oder Kinderschänder getan hat, ist abscheulich, kriminell, unvorstellbar, aber es ist eben auch rätselhaft und aufregend. Opfer dagegen haben nichts Rätselhaftes. Sie leiden, und das Leiden ist immergleich und fad, wie seit jeher die Unschuldigen und die Guten im Theater, in der Oper und im Film fade und uninteressant waren. Die dankbarste Rolle spielen hier wie überall die bad boys.
Jüngst bat der Papst-Bruder und langjährige Chorleiter Georg Ratzinger die Missbrauchsopfer unter den Regensburger Domspatzen um Verzeihung. Auch ein Blick in die Geschichte des Knabengesangs lehrt, dass Musik keine gewaltfreie Zone ist.
Im Fall der Regensburger Domspatzen war von Anfang an ein gesteigertes Interesse auch am Leid der unschuldigen Sängerknaben mit im Spiel. Seit auch beim Mainzer Domchor und bei den Limburger Domsingknaben Fälle von sexuellem Missbrauch in den sechziger und siebziger Jahren bekanntwurden; seit jetzt sogar die jüngste Vergangenheit betroffen ist und neue Fälle in Regensburg aus den Neunzigern hinzukommen, liegt die alte Frage wieder auf dem Tisch nach dem Zusammenhang von Musik und Gewalt.
Musik macht Menschen klüger, aber nicht besser, so viel ist klar. Und dass es neben den Sport- und Religionslehrern gerade die Musiklehrer sind, in deren Reihen überdurchschnittlich oft pädophile Übergriffigkeiten vorkommen, ist ebenfalls nicht neu. Aber singen gedemütigte, missbrauchte, von Schuldkomplexen zerstörte Kinder anders das „Halleluja“ als diejenigen, die zufällig davongekommen sind? Birgt die schon sprichwörtliche Unschuld von Kindersopranen, ihre asexuelle Reinheit und der leicht körnige, leicht unsaubere, androgyn-engelhafte Klang dieser Stimmen nur eine teuer erkaufte Illusion? Ist die Rührung, die uns pünktlich erfasst, wenn wir beispielsweise den Chor der „Seligen Knaben“ aus dem zweiten Teil der Faustszenen jubilieren hören, etwas Falsches, bereits Gefährdetes und Gefährdendes: eine komplexe Form von irregeleiteter Heuchelei? Kurz: Sollten wir die Regensburger Domspatzen künftig anders hören? Haben wir sie bislang falsch gehört?
Herrliches Aufblühen im Schoß der Kirche
Es gibt darauf eine einfache, aber unbequeme Antwort, sie lautet: Knabenstimmen wurden nie anders gehört. Heuchelei war seit jeher mit dabei, der spezifische Reiz, den die Unschuld ausübt, zu keiner Zeit etwas Neutrales, Asexuelles. Gerade die Süße, der androgyne Schmelz von Knabenstimmen hat immer auch eine sexuelle Komponente gehabt, und die Dichter wie die Komponisten, von Bach bis Goethe, von Benjamin Britten bis zu Thomas Mann, wussten genau um diese Wirkung, wenn sie von Knaben schrieben und Knabenstimmen einsetzten: Im Gesang der Engel lauert die Versuchung.
Ein Beispiel für viele ist die bereits genannte „Faust“-Vertonung von Robert Schumann: Da treten die Knaben zunächst als Gefährten von Mephistopheles auf, um Faust ins Grab zu legen, sie singen krächzend als „schlotternde Lemuren“ und „geflickte Halbnaturen“ in unschöner Mittellage. Dann, bei Fausts Verklärung, haben sich diese Teufelchen frisch verwandelt in die jüngsten Engel, „noch im Puppenstand“ schwingen sie sich auf in terzenselige Sopranhöhe. Und, nicht zu vergessen: Ebenso wussten die Musikerzieher von dieser Wirkung und die in Sachen Musikausbildung jahrhundertelang federführende Kirche.
Im Schoß der Kirche blühten herrlich die Knabenchöre auf zu Zeiten, als Pädagogik noch keine Rolle spielte und überhaupt die Kindheit als Idee noch nicht erfunden war. Im Kreis der Kirche kam man frühzeitig darauf, dass sich durch einen schlichten körperlichen Eingriff eine solche hohe, verführerische Knabenstimme ins Erwachsenenalter verlängern lassen könne. Tausenden Kindern wurde regelmäßig Gewalt angetan im Namen der Musik, damit einige von ihnen ihre Engelsstimme zum Lobe Gottes erheben konnten.
Alle haben geschwiegen
Ja, das Kastrieren von Knaben war so selbstverständlich, wie es vor wenigen Jahrzehnten noch normal und selbstverständlich war, Ohrfeigen auszuteilen an kleine Chorsänger. Alle haben damals von dem Elend der Sängerknaben und derjenigen, die kastriert wurden, gewusst. Alle haben geschwiegen. Auch als die Kastration später im Zuge der Aufklärung geächtet wurde, als der Eingriff selbst päpstlicherseits verboten war, sangen weiterhin Kastraten mit in der päpstlichen Kapelle, der letzte dort Beschäftigte, der letzte Kastrat überhaupt, Alessandro Moreschi, starb 1922.
Für jeden Sänger, auch für den Sängerknaben, ist der Körper sein Instrument. Diese Musikausübung ist immer ganzheitlich, sie umfasst Atem, Seele, Herz und Sinn, Arme, Beine, Brust und Sex. Ja, eigentlich wirkt jede Form des Musizierens, auch das Instrumentalspiel, ganzheitlich und körperlich-seelisch, und wahrscheinlich aus diesem Grunde ist gerade der Musikunterricht so häufig Schauplatz sexueller Übergriffe. Das reicht von beiläufigem kumpelhaften Angrapschen bis hin zu Liebesverhältnissen und zum Geschlechtsverkehr. Da ist der Schulorchesterleiter, der eine Schwäche für kleine Mädchen hat, mit einer erwischt wird, zwei Jahre von der Schule verbannt wird und heute an derselben Schule wieder unterrichtet. Da ist der Musiklehrer, der wegen sexueller Übergriffe vor Gericht kommt, verurteilt wird und heute wieder als wohlgelittener Mitbürger im Städtchen seinen Musikkreis leitet und Konzerte gibt.
Die Erfahrung zeigt: Aufklärung hilft
Man muss deswegen aber nicht gleich die Musik und den Musikunterricht abschaffen! Nicht die so segensreiche Ganzheitlichkeit der Musikausübung ist schuld daran, dass Übergriffe stattfinden; sie wird kriminellerweise missbraucht dazu, von Menschen mit pädophiler Veranlagung, die keine Grenze achten.
Kein professioneller Musiker oder mit Musik beruflich befasster Mensch, der nicht aus persönlicher Erfahrung von mindestens einem solchen Fall erzählen könnte. Alle wissen darum, ja, alle sprechen sogar darüber, nur eben möglichst nicht öffentlich. Man spricht, zum Beispiel, so: Was können wir Eltern tun, um unsere Kinder vor Herrn X. zu schützen? Wie kann unser knabenchorsingender Sohn, unsere geigespielende Tochter weiterhin Bach und Schumann und Vivaldi lieben und lernen und das Musikerleben am eignen Leib erfahren, davon profitieren für Verstand und Geist, Persönlichkeit und Seele, und doch immun werden gegen mögliche sexuelle Angriffe?
Die Erfahrung zeigt: Aufklärung hilft. Wenn die Kinder Bescheid wissen und wissen, dass auch andere Bescheid wissen; wenn sie offen sprechen können darüber und vielleicht sogar darüber lachen, dann sind sie geschützt. Eine Garantie ist das natürlich nicht.
Eleonore Büning Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin
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