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Berliner Schaubühne : Weltrevolution – und das Telefon funktioniert nicht

Lenin (Ursina Lardi) und Leibarzt (Kay B. Schulze) am Schminktisch. Bild: bildbuehne

Milo Raus „Lenin“ an der Berliner Schaubühne stirbt vor Langeweile. Da ist irgendetwas mit der Dialektik schiefgelaufen. Keine Revolution in Sicht.

          Lenin ist tot. Er hat phantasiert, gespuckt, gewütet, sich ausgezogen, gebadet, Reden gehalten, gerufen: „Ihr versteckt euch in eurem Humanismus“, und das alles ist mit Handkameras live und in Großaufnahme aus einer originalgetreu nachgebauten russischen Datscha auf eine Leinwand über der Bühne übertragen worden. Aber alles, was der Schweizer Dramatiker Milo Rau an der Berliner Schaubühne angestellt hat, um Lenin oder auch nur etwas von ihm wieder zum Leben zu erwecken, hat nichts geholfen: Jetzt ist er vollständig tot, erstickt von Langeweile.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Irgendetwas ist mit der Dialektik schiefgelaufen, in die Rau seine Figur und den historischen Stoff stürzen wollte. Der dahinsiechende Lenin beschwört die Neuerschaffung der Welt durch Revolution – aber das Telefon funktioniert nicht: Das ist natürlich eine großartige Konstellation, die sich zudem auf eine reale geschichtliche Situation berufen kann, als nämlich der von mehreren Schlaganfällen getroffene und auf seiner Datscha dem Tod entgegendämmernde Revolutionsführer bereits von Stalin und dem Rest des ZK kaltgestellt war.

          Ausgerechnet im Moment äußerster Unbeweglichkeit alles möglich erscheinen zu lassen – eine solche Perspektive verspricht, zusammendenken zu können, was sonst als unvereinbar gilt, die Verurteilung des Terrors zum Beispiel und zugleich die Erneuerung eines gegen alle linke Melancholie vorgebrachten Anspruchs auf totale Negation. „Wahre Dialektik ist halt immer auch tragisch“, hat Milo Rau in einem Interview zum Stück gesagt. Das Dumme ist nur, dass die Mittel, die er einsetzt, sich dieser Dialektik nicht fügen. Lenin ist bei ihm eine blonde Frau, die Schaubühnen-Schauspielerin Ursina Lardi. „Wie würdest du Lenin darstellen?“, fragt Lenin/Lardi einmal den Volkskommissar Lunatscharski (Ulrich Hoppe), und der antwortet: „Lenin als Mensch darzustellen ist bereits falsch.“

          „Lenin“ wird hier also vielmehr als plastisches Zeichen behandelt; das entscheidende Utensil dafür ist der Schminktisch, der rechts auf der Bühne steht und an dem Lardi im Verlauf der Inszenierung immerhin eine Lenin-typische Glatze verpasst wird. So wird von vornherein signalisiert, dass hier Zeichen, Mythen, Ideen miteinander spielen sollen, keineswegs aber nachrekonstruierte Menschen.

          Da wirkt es erst einmal plausibel, dass auch andere im Theater übliche Brechungsstrategien zum Einsatz kommen, vor allem die Video-Live-Übertragung, die das Geschehen auf der Bühne permanent verdoppelt, während sich die schummrige Datscha, in der das weltrevolutionäre Personal klaustrophobisch zusammenhockt, unentwegt dreht.

          Noch vor Beginn der Vorstellung sieht das den Saal betretende Publikum, wie die Schauspieler ihre historischen Kostüme anziehen, und gleich zu Beginn fallen zwei von ihnen erst einmal aus ihren Rollen, wenn Felix Römer erzählt, wie er als Jugendlicher „Der junge Lenin“ von Trotzki gelesen habe, und sich Kay B.Schulze als in Ostdeutschland Geborener wundert, dass Lenin und Trotzki für Leute aus dem Westen immer noch „Ikonen“ sein können. So weit, so gut. Aber sie deklamieren diese Lebenszeugnisse so schauspielerhaft-routiniert wie alle Texte dieser spätrevolutionären Zitatcollage. Die weit überlebensgroßen Nahaufnahmen der Videoprojektion, die zweifellos als Maßnahme zur Verfremdung gemeint waren, verwandeln sich unterdessen zu etwas ganz platt Naturalistisch-Theatralischem.

          Ganz groß sehen wir Stalin, in seiner bedrohlich schmeichelnden und scherzenden Art eindrucksvoll von Damir Advic gespielt, wie er der Krupskaja (Nina Kunzendorf), Lenins Frau, demütigend ins Gesicht fasst; wir sehen Trotzki (Felix Römer), wie er sich ausführlich an eine Onanierszene in einer Wedekind-Aufführung erinnert; wir sehen den von Lukas Turtur verkörperten rüpelhaften „Protokollchef“, wie er genüsslich eine Folterung ausmalt, bei der dem Opfer die Gedärme aus dem Leib gerissen werden. Pointe reiht sich an Pointe, aber das Ganze ergibt kein Bild, geschweige denn einen Gedanken.

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          Nach der Foltererinnerung fragt Lenin den Protokollchef: „Und...warum?“ Worauf dieser erwidert: „Um die Welt zu verändern. Den Menschen. So wie es ist, kann es nicht bleiben.“ Ungeheuerliche Sätze, die es wert gewesen wären, dass ein ganzes Stück um sie kreist, sie zuspitzt und umkämpft. So aber verlieren sie sich im Einerlei der einfach nebeneinandergestellten, aber nicht miteinander in Beziehung gestellten Widersprüche.

          Immer öfter wechseln die Schauspieler vom Deutschen ins Russische, was dann auf Untertiteln übersetzt wird; die Videoübertragung wiederum wechselt gegen Ende von Farbe in ein körniges Schwarzweiß. Aber auch das liefert keine zusätzliche Ebene, auf der sich die Gegensätze aufheben könnten. Das Kammerspiel der Ideen und Ideologien gerät zu bloßem Schauspielertheater, das seinen Stoff zu einem abgeschlossenen tragischen Kapitel der Geschichte macht, das im Grunde niemand mehr interessieren muss. Am Ende kriegt Lenin nur noch zusammenhanglose Wörter heraus.

          Quelle: F.A.Z.

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