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Midori : Spielen, bis die Saite reißt

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Ein Ausnahmetalent: Midori Bild: Union Theater

Vom Wunderkind zum Weltstar: Midori ist der Ruhm treu. Doch irgendwann hat er die Geigerin krank gemacht. Über ihre Krise hat sie jetzt ein Buch geschrieben.

          Wie klein sie ist. Ein Mensch, der auf der Stelle Beschützerinstinkte weckt - offenbar unterschiedslos bei Männern wie Frauen. Der eisige Ostwind scheint die Musikerin Midori an diesem Morgen geradewegs von der Alster in den Künstlereingang der Hamburger Musikhalle hereingeweht zu haben, so verfroren sieht sie aus.

          Wärmstens begrüßt sie der Hausmeister: „Schön, daß Sie wieder mal zu uns kommen“ - um ihr gleich den Koffer abzunehmen. Keine fünf Minuten sitzt sie in der plüschrot ausstaffierten Garderobe, da kommt schon Benedikt Stampa, der neben ihr wie ein Hüne wirkende Geschäftsführer der Musikhalle, mit einem Tee-Tablett und fünf Bananen herein.

          „Man muß aufrichtig sein mit sich selbst“

          Vielleicht ist diese Fürsorge normal für einen Weltstar, der die großen Konzertsäle dieses Planeten nun schon seit 22 Jahren kennt, von den Kritikern gerühmt und vom Publikum verehrt wird. Vielleicht ist es auch normal für eine Frau, die trotz ihrer 33 Jahre immer noch mädchenhaft wirkt. Vielleicht ist es aber auch nur so, weil Midori eine Krise hinter sich hat, an der sie beinahe zerbrochen wäre. Jetzt drückt sie sich noch tiefer in die Ecke des roten Sofas hinein und gibt, aller Müdigkeit und einer heiseren Stimme zum Trotz, ebenso ernsthaft wie präzise Auskunft über das, was ihr in den vergangenen Jahren zugestoßen ist. Den Grundton setzt sie gleich vorweg: „Man muß aufrichtig sein mit sich selbst.“

          Ob Sonaten oder Serenaden - Midori verlangt von sich stets das Maximum
          Ob Sonaten oder Serenaden - Midori verlangt von sich stets das Maximum : Bild: Dayton Philharmonic

          Midori hat ein Buch geschrieben - ja, sie selbst. Kein Team, kein Ghostwriter. Und zwar ein ehrliches. Damit hat sie etwas gewagt, das in der kleinen Szene der Musikprofis von Rang absolut ungewöhnlich ist: das erschütternde Zeugnis einer psychischen Erkrankung abzulegen. Sechs Jahre lang, zwischen 1994 und 1999, balancierte Midori am Abgrund, von aller Welt unbemerkt.

          Das Wunderkind

          Das alles kam nicht von ungefähr. Schon auf den ersten Seiten der Autobiographie entfaltet sich der düstere Dreiklang, der ihre frühen Jahre prägte: Von Leid und Schuldgefühlen ist die Rede, als die Ehe der Eltern scheitert. Und vor allem natürlich von der heiligen Pflicht, dem Üben, tagein, tagaus. Ihre erste Lehrerin war die eigene Mutter, die nach der Scheidung in der Tochter einen neuen Lebensinhalt findet. „Wenn wir zusammen übten, verliefen diese Stunden selten ruhig. Hin und wieder gab es auch einen Klaps, und einmal, als sie besonders frustriert war, hat sie meine Geige gepackt und sie kaputtgeschlagen.“

          Was zu tun war, wußte Midori schon mit sechs, sieben Jahren - ihr „innerer Aufpasser“, genannt „I.A.“, ein wahrer Sklaventreiber, diktierte ihr eine Routine besessener Arbeit an sich selbst. Als Sechsjährige spielt sie die 24 Paganini-Capricen, dazu Bachs Sonaten für Violine solo. Die logische Folge ihres Auftritts als Elfjährige mit den New Yorker Philharmonikern unter Zubin Mehta war jene Zeit, als sie Publikum und Kritiker nicht nur mit schierer Niedlichkeit, sondern ebenso mit erstaunlicher Technik und reifen Interpretationen beeindruckte: die „Wunderkind“-Jahre. Sie haßt dieses Wort, das Wort und das Klischee, das damit einhergeht. Doch dieses Klischee erfüllte sie nahezu hundertprozentig.

          Viel zu früh

          Da ist die Mutter - unerbittlich, was das Üben angeht und das Streben nach früher Perfektion. Als sie eine neue Beziehung eingeht, eine Chance, das symbiotische Mutter-Tochter-Verhältnis herunterzudimmen, wird alles noch schlimmer, denn Midori lehnt den Stiefvater ab, besonders, als dieser sich in ihre Karriere einmischt.
          Da ist die Juilliard School in New York - eine Art Hochtemperaturreaktor für den Nachwuchs des Konzertbetriebs, der darauf gedrillt wird, sich gegenseitig mit virtuosen Bravourstücken zu übertreffen. Schließlich die neue Heimat, in der sie wie in einem Kokon lebt: Midori spricht nach ihrem Weggang aus Osaka zunächst nur rudimentäres Englisch.

          Eine Konstellation, die in extremer Isolation mündet, wie in Alice Millers Abhandlung „Das Drama des begabten Kindes“ beschrieben. Sein Ausnahmetalent versperrt dem Mädchen alles, was einen Ausgleich zur asketischen Disziplin geschaffen hätte. Viel zu früh wird die junge Musikerin überdies allein auf Tournee geschickt. Und damit jener trostlosen Routine des Konzertbetriebes ausgesetzt. Ein Lebensrhythmus, der auch stabilere Naturen aus der Bahn werfen kann.

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