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Michael Hanekes „Così fan tutte“ Die Liebe verträgt kein Menschenexperiment

Der innerlich verkorkste Alfons im Maschinenraum der Oper: Filmregisseur Michael Haneke bringt „Così fan tutte“ in Madrid auf die Bühne.

© Teatro Real Vergrößern Fiordiligi (Anett Fritsch) und Ferrando (Juan Francisco Gatell). Darüber Don Alfonso (William Shimell).

Als der Premierenabend kam, war Michael Haneke nicht mehr da. Seit Dezember hatte der österreichische Regisseur im Madrider Teatro Real an seiner Inszenierung von „Così fan tutte“ gearbeitet, hundertzwanzig Sänger vorsingen lassen und ansonsten ein großes Tuch von Diskretion und Geheimnis über seine Mozart-Deutung gebreitet. Und dann kam der 23. Februar, und Haneke musste nach Los Angeles zur Oscar-Zeremonie. In einer Botschaft bat er die Madrider Opernfreunde, ihm die Daumen zu drücken - ob ihnen sein Mozart nun gefalle oder nicht.

Nun, er gefiel. Es gab keinen tosenden Applaus, aber beherzte Zustimmung, und manchem mag erst ein paar Stunden oder Tage später aufgehen, was er da gesehen und gehört hat: eine absolut heutige Reflexion über Begehren, Ichsucht und Lüge, getragen von einem jungen, enthusiastischen Ensemble, aus der die Fiordiligi von Anett Fritsch und der Ferrando von Juan Francisco Gatell herausragten. Andreas Wolf als agiler Guglielmo steuerte die komischen Momente bei. Der gleichzeitige Blick auf Hanekes hochgelobten Film „Amour“ und seine zweite Opernregie nach „Don Giovanni“ (2006) lädt dazu ein, nach Entsprechungen zu suchen. Hier die Liebe und Treue der Alten; dort der Liebesverrat, die Erosion der Gefühle bei den Jungen.

Den radikalsten Eingriff nimmt Haneke gewissermaßen im Maschinenraum von Mozarts Oper vor. Dort hat sich Don Alfonso eingenistet, kein ironischer Philosoph, sondern ein Zyniker mit verkorkstem Innenleben, schauspielerisch elegant gesungen von William Shimell. Haneke hat ihn in Despinas Ehemann verwandelt und stellt im Programmheft die Fragen: „Warum muss er sie denn demütigen? Warum muss sie ihn denn demütigen?“

Die Musik weiß mehr als die Figuren

Auch sie, Despina (Kerstin Avemo), ist eine traurigere Figur als gewohnt. Vor allem aus voyeuristischem Interesse will Don Alfonso, der zwei einfältige Männer zu einer riskanten Wette auf die Treue ihrer Verlobten verführt, seine Mitmenschen so desillusionieren, wie er selbst es schon lange ist. Die tiefen, prüfenden Blicke, das heimliche Beobachten sind in dieser Regie fundamental.

Und dann die Figurenbewegung. Rücken an Rücken kämpfen die beiden Schwestern gegen die Verführer, als brauchten sie einen Degen, drehen Kreise, brechen aus und kehren zurück; dann fallen sie getrennt, zuerst Dorabella (Paola Gardina). Immer wieder steht einer über dem anderen wie ein Fragezeichen, prüfend, oft mit Staunen. Einmal schlagen alle vier kreuz und quer Liebenden die Hände vor den Mund, als könnten sie ihr eigenes Drama nicht fassen. Fiordiligi ahnt schon während ihrer Felsen-Arie, dass sie in ein Komplott verstrickt und verloren ist. Überhaupt weiß die Musik immer etwas mehr als die Figuren. Auch die leichtfertigen Herren mag man nicht belächeln, zu echt ist der Verrat, den sie aneinander begehen. Sylvain Cambreling dirigiert diese text- und schauspielbetonte „Così“ als sympathischer Begleiter, ohne musikalisches Feuerwerk. Fiordiligis innigster Augenblick, ihre Rondo-Arie „Per pietà“, ist der stille Höhepunkt: Man sagt das Eine, tut ein Zweites, beweint ein Drittes.

Gutbestückter Kühlschrank für Alkoholika

Michael Haneke hat sich immer dagegen gewehrt, als grausamer Regisseur betrachtet zu werden. Er sei nur genau und wolle die Realität nicht verstellen. Die Madrider Inszenierung trägt vor allem seine Handschrift - im Respekt vor Lorenzo da Pontes brillantem Libretto; im Innehalten, in der Stille, die Haneke genauso einsetzt wie in seinen Filmen, nämlich zur Reflexion; und in der radikalen Ausdeutung der dramatischen Möglichkeiten jeder Figur.

Dazu hat ihm Christoph Kanter eine Bühne von großer Klarheit gebaut, die Urs Schönebaum wunderbar beleuchtet. Im Hintergrund, auf der opulenten Terrasse mit Blick auf Baumwipfel, flaniert der Chor als Dauergast einer eleganten Party, teils in Rokokogarderobe, teils im Dinnerjacket. Vorn, vier Marmorstufen weiter unten, das Wohnzimmer der beiden liebestrunkenen Schwestern, groß wie eine Turnhalle, mit niedrigen Bücherregalen und weißem Fünfsitzer. Der häufigste Weg führt zum gutbestückten Kühlschrank für Alkoholika ganz links; steht seine Tür offen, fällt eiskaltes Licht in den Raum. Am entgegengesetzten Ende prasselt im zweiten Akt ein Kaminfeuer, dessen Widerschein auf den Gesichtern der Frauen noch das Romantischste ist, was dieses Stück zu bieten hat.

Die Lust zum Heiraten ist ihnen vergangen

“Così fan tutte“, die spät entdeckte unter Mozarts Opern, ist zugleich seine modernste. Nicht nur, weil sie von Begehren, Sexualität, Selbsttäuschung und dem Verlust des Tugendideals handelt. Sondern, weil sie die Deutung des abgründigen Geschehens weitgehend dem Zuschauer überlässt. Mozart, so heißt es, habe sich beim Komponieren so sehr mit seinen Figuren identifiziert, dass er keine zum Bösewicht gemacht habe.

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So nehmen wir die Fragen mit nach Hause: Sind die beiden flatterhaften Schwestern schuldig, weil sie nicht treu sein konnten? Oder die beiden Männer zu verdammen, weil sie sich ein Menschenexperiment angemaßt haben? Oder handelt etwas anderes in uns, wenn wir auf „Liebe“ umschalten und all das sagen, was man so sagt? Michael Haneke kann die versöhnlichen letzten Takte der Oper nicht umschreiben, doch das, so suggeriert er, ist reine Buffa-Konvention: Als der Vorhang sich in Madrid senkt, irren seine Frauen mit entgeisterten Blicken über die Bühne. Nichts stimmt mehr, nichts geht mehr. So sehen Menschen aus, denen die Lust zum Heiraten vergangen ist.

Quelle: F.A.Z.

 
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