Unerhörte Töne! Gleich würde man am liebsten aufspringen und in den Graben reingucken. Was für ein neues, unbekanntes Instrument ist verantwortlich für diese sehrende, bebende Melodiekurve? Oder sind es doch mehrere Instrumente, die sich da zusammentun? Sie verschmelzen zu einer neuen Charakterklangfarbe, einer Farbe allertiefster Beunruhigung. Die giftige Pikkoloflöte ist auf jeden Fall dabei, die Oboe mischt mit, dann noch etwas Dunkles, eher Dunkelblaues, vielleicht: ein Horn?
Hector Berlioz hat seinen Kollegen Giacomo Meyerbeer aufrichtig gehasst, wie es bekanntlich viele damals taten - nicht nur aus alltäglichen Antisemitismusgründen, vor allem aus Futterneid. Doch wie viele andere Komponisten auch hat Berlioz die Partituren der großen Erfolgsopern Meyerbeers genau studiert und viel dabei gelernt. Meyerbeersche Einfälle spuken durch die Berliozsche Instrumentationslehre ebenso wie durch die „Symphonie fantastique“. Und auch sonst könnte man an diesem Premierenabend im Opernhaus in Chemnitz, bei der Erstaufführung von Meyerbeers letzter, unvollendet hinterlassener Oper „Vasco de Gama“, laufend den Hut ziehen, um alte Bekannte zu grüßen: Desdemona mit ihrem Weidenlied, den Hirten von Kareol, Signorina Carmen, Mijnheer Holländer ... alles schon drin.
Mut zur Lücke
Zwar erklingt diese letzte, schon hybride Grand Opéra, die erst knapp ein Jahr nach Meyerbeers Tod in einer von François-Joseph Fétis brutal zusammengestrichenen Version uraufgeführt und so unter dem Titel „Die Afrikanerin“ bekannt wurde, an diesem Abend zum ersten Mal in der vollständigen, kritisch revidierten Fassung nach der Ricordi-Ausgabe von Jürgen Schläder. Vieles ist neu, trotzdem kennt man vieles wieder, halbe Melodien, Leitmotive, Formen, Farben. Es grüßen Berlioz, Verdi, Bizet, Offenbach, Wagner, sie alle haben ihren Meyerbeer studiert und bei ihm abgeschrieben.
Es ist also pfiffig, zugleich aber wagemutig, das Wagner-Jahr ausgerechnet mit dieser unbekannten Oper von Giacomo Meyerbeer zu beginnen. Generalmusikdirektor Frank Beermann hat in den letzten Jahren immer wieder Mut zur Lücke bewiesen. Hatte in Chemnitz unter anderem Opern von Schreker, Pfitzner, Nicolai vorgestellt, mit wechselndem Glück, und ohne seinen findigen Intendanten Bernhard Helmich (der demnächst ans Bonner Opernhaus wechselt) wäre diese spezielle Chemnitzer Dramaturgie auch wohl kaum möglich gewesen.
Zu viel des Guten?
Diesmal aber sind alle Musen auf Beermanns Seite. Alle Sterne stehen günstig. Die ehrgeizige Aufbauarbeit, über Jahre hinweg, mit der er die Chemnitzer Robert-Schumann-Philharmonie zu einem perfekt phrasierenden, glänzend aufgipfelnden und bestechend fein ausbalancierten Klangkörper formte, zahlt sich jetzt aus. Vom ersten zarten Holzbläsersolo der Ouvertüre bis zum letzten Verlöschen des zwanzig Minuten dauernden Liebestodes, gut fünf Stunden später, geht ein Feuerstrom durchs Haus.
Damit ist nicht gemeint, dass es fortwährend nur Fortissimo protzt und kracht, zackige Doppelchöre sich verkeilen, grandiose Ensembles aufeinanderprallen und brillante Belcanto-Arien in nicht enden wollende Caballettas übergehen. Dass Meyerbeer nicht Maß zu halten wisse, dass Formen ausleiern, Stilkopien sich überlagern und zu viel des Guten geschieht (weshalb ja dringend gekürzt werden müsse), ist eines der unausrottbaren Vorurteile. Beermann dagegen lässt sich auf den ganzen Meyerbeer ein, auf die Epik ebenso wie auf die Dramatik dieser Musik. Und er bringt den lyrischen Meyerbeer nach Haus.
Vasco de Gama gegen intrigante Höflinge
Wie aus einem Atem heraus, mit höchster dynamischer Raffinesse, lässt dieser Dirigent, den man, mit diesem Arbeitsethos, dieser Gestaltungswut und dieser Klangvision begabt, gern mal an einem der großen Häuser oder Festivals hören würde, auch das Versickern und Innehalten zu, auch das Aufblühen von Stille. In dem jungen Chordirektor Simon Zimmermann hat Beermann einen ausgezeichneten Mitstreiter gefunden. Und auch das Solistenensemble kommt, ohne Ausnahme, glänzend zurecht mit den komplexen Partien. Man muss all das unbedingt erlebt, gehört haben. Noch siebenmal gibt es in Chemnitz die Gelegenheit dazu.
Ob man es auch unbedingt gesehen haben muss? Eher nicht. Immerhin, die Regiearbeit von Jakob Peters-Messer stört nicht weiter, sie ist sängerfreundlich und dekorativ. Das Gleiche gilt für das im gesamten Schiffs-Akt komplett zur Hinterbühne hin durch ein gigantisch gerahmtes „Seapiece“ abgeschlossene Bühnenbild von Markus Meyer. Da treten die Matrosen direkt durch Tapetentüren aus dem Bild hinaus in den Todessturm am Kap. Potzblitz und Donner, Gift und Dolch, schon liegen alle an der Rampe in ihrem Blut.
Bereits der erste Aufzug, wenn der portugiesische Seefahrer Vasco de Gama vor dem Rat in Lissabon aufbegehrt gegen die intriganten Höflinge, spielt weitgehend vorn an der Rampe. Das Chemnitzer Ballettensemble bringt ersatzweise Bewegung in die Szene. Es tanzt charmant. Und doch ist auch diesmal wieder die alte Frage, ob man unbedingt Tanzdoubles braucht, um die von der Musik formulierten Gedanken „nochmalnochmal“ zu zeigen, mit einem klaren Nein zu beantworten.
Tinkerbell-Stimme
Die schöne Sklavin Sélica, die Vasco zum Beweis der Existenz fremder Welten von seiner letzten Expedition mitgebracht hat, rettet ihm im zweiten, dritten und vierten Akt laufend das Leben,bis sie sich schließlich selbst opfert in einem isolden-brünnhildenhaft ausufernden Solo-Delirium. Claudia Sorokina ist eine famose Sopranistin mit allen Höhen, Tiefen und Farben für diese Heroinenpartie. Der Vasco von Bernhard Berchtold erweist sich als Heldentenor mit körnig-kernigem Glanz, Pierre-Yves Pruvot als dämonisch-komischer Sklave Nélusco brilliert gleich in etlichen Paradestücken, und Kouta Räsänen als Bösewicht Don Pedro steigt exakt und sauber in die Tiefe.
Eine märchenhafte Ausnahmeerscheinung, mit ihrer glashellen, freilich kräftigen und höhensicheren Tinkerbell-Stimme ist Guibee Yang als Gräfin Inès. Auch sie liebt den Helden Vasco. Sie überlebt. Überhaupt hat Inès eigentlich nur im ersten und letzten Aufzug etwas zu tun: eine Rahmenhandlungsrolle. Dennoch gehört ihre Sehnsuchtsballade „Adieux mon doux rivage“ zu den schönsten Schlagern der Musikgeschichte und liefert zugleich als eines der Leitmotive den roten Faden, der das Wahnsinnswerk zusammenhält.
Wiederentdeckung Meyerbeers
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 08.02.2013, 21:03 Uhr