http://www.faz.net/-gqz-74fud
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 20.11.2012, 08:51 Uhr

Meredith Monk zum Siebzigsten Solistin im Chor der Widersprüche

Sie singt von Erschöpfung und Auferstehung aus der Müdigkeit. Dabei lässt sie Leben und Denken, Wollen und Können Purzelbäume schlagen: Meredtih Monk wird siebzig.

von
© BASSEM TELLAWI/AP/dapd Meredith Monk 2008

In zweieinhalb Minuten jedes Fluchtfenster und jeden Zwangsgedanken der musikalischen Moderne in den Mund nehmen und zum Sprechen bringen, ohne dabei ein einziges artikuliertes Wort auch nur zu streifen - doch, das geht, man braucht bloß dreierlei: einen Grundton, um sich ihm zu widersetzen, bis er stirbt; eine Melodie, um sich mit einer jenseitigen Stimme artistisch um sie zu wickeln wie Stacheldraht um eine illegale Süßigkeit, und endlich das schlechthin Schöne, um sich daran das Herz zu brechen, damit die Splitter sexy klirren.

Dietmar Dath Folgen:

Das kurze Stück, von dem die Rede ist, heißt „Free“. Meredith Monk hat es geschrieben und 1973 für ihre Platte „Our Lady of Late“ aufgenommen. Der Titel des Albums ließe sich übersetzen mit „Unsere Liebe Frau von Neuerdings“ - kein dummer Name für die Künstlerin, die auf dieser Platte, wie überhaupt allezeit, gerade nicht versucht hat, etwas für die Kunst so Uninteressantes herauszufinden wie „wozu die menschliche Stimme fähig ist“, obwohl derlei die Beihefte und Kritiken gern behaupten.

Kiekser und blühende Umlaute

Kunst, man sollte es täglich fünfmal wiederholen, ist nicht Sport. Meredith Monks Arbeit will daher auch nicht auf Bestnoten der Virtuosität oder strapaziöse Grenzforschung hinaus. Stattdessen leistet sie schwerer Fassbares - etwa die genauere ästhetische Bestimmung des Sinns der beliebten Floskel, in den letzten hundertfünfzig Jahren sei es der abendländischen Musik darum gegangen, dem Verstummen zu begegnen.

Man sagt das vom späten Beethoven, vom späten Mahler, von Webern und Cage hin und wieder, die Minimalisten sollen auch dahin gewollt haben. Gemeint ist einfach die Erschöpfung einer Tradition - und die kann jemand wie Meredith Monk eben besonders gut darstellen, weil ihr Medium die Menschenstimme ist und wir Erschöpfung nun mal leichter denken können, wo ein Subjekt vermutet werden darf.

Die bei Monk nebst der Erschöpfung besonders ausdauernd thematisierte Auferstehung aus jener Müdigkeit, die sie in gelegentlichem, paradox expressivem Tönehalten und dann Ausbrechen sinnfällig macht, hat viel mit dem Rückzug des Lebendigen oder Gedachten auf einen innersten Punkt der Unzerstörbarkeit zu tun, um den herum Leben und Denken, Wollen und Können dann Purzelbäume schlagen dürfen - als Kiekser und blühende Umlaute (niemand sonst singt „ä“, „ö“ und „ü“ schauriger oder anziehender, Sprache kann eben viel mehr als sprechen).

Mehr zum Thema

Wie Hegels ganze Philosophie darin besteht, den Gedanken dabei zu begleiten, wie er sich denkt, ist Monks ganzer Gesang so etwas wie das Ausstellen einer Stimme, die sich selbst beim Singen staunend zu hören vermag - in Analogie zum mystischen Beruf des Sehers könnte man für diese Künstlerin den Begriff der „Hörerin“ esoterisch umdeuten. Wie bei vielen kosmischen Existenzen hat sie im Irdischen eine klare Mitte: New York, wo sie geboren wurde und wo man sie bis heute verständig liebt, im besten Sinn des Wortes „platonisch“.

Ihre späten Werke, etwa „Mercy“ von 2002, gehen oft ins Sakrale, ja Pfingstliche. Es kann einem Arvo Pärt dabei einfallen, aber man darf auch merken, dass hier die Synthese aus dem Materialismus des modernen Lebens und dem Idealismus der modernen Kunst auf der Ebene einer Entrückung stattfindet, die besser betet als glaubt und frommer singt als beichtet. An diesem Dienstag wird ihre wichtigste Kantorin siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Rihanna in Frankfurt Handys gegen Hass, wie Diamanten am Himmel

Schwere Zeiten für Schönheit und Glück: Zwei Tage nach ihrem abgesagten Konzert in Nizza tritt die Sängerin Rihanna in Frankfurt auf und setzt ein leuchtendes Zeitzeichen. Mehr Von Dietmar Dath

18.07.2016, 19:42 Uhr | Feuilleton
Madagaskar Slam Poetry gibt Frauen eine Stimme

Mit ihren kritischen Texten über die Globalisierung oder Gewalt an Frauen ist die madagassische Slam-Poetry-Sängerin Caylah zum Internet-Hit geworden. Sie nutzt ihre neue Berühmtheit, um mit ihrer Kunst anderen Frauen zu helfen. Mehr

15.07.2016, 10:29 Uhr | Feuilleton
Serdar Somuncu im Porträt Weil er einfach Bock drauf hat

Serdar Somuncu ist prollig und vulgär – und eine kluge Stimme in deutschen Talkshows. Bekannt geworden ist er mit Mein Kampf-Lesungen. Wer ist dieser Mann? Mehr Von Timo Steppat

14.07.2016, 12:56 Uhr | Gesellschaft
Südkoreanisches Unternehmen In Seoul werden Haustiere geklont

Sooam Biotech gehört zu den weltweiten Marktführern im Klonen von Haustieren. In einer Klinik des Unternehmens in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul können Frauchen und Herrchen das Erbgut ihres Lieblings-Vierbeiners hinterlegen, um ihn dann nach Belieben wieder auferstehen zu lassen. Mehr

06.07.2016, 08:38 Uhr | Gesellschaft
Brexit und Popmusik Ein Beispiel britischer Selbstüberschätzung

Die Selbsttäuschung, die zum Brexit führte, begann schon mit Robbie Williams und den Spice Girls: Seit Jahren reden wir Briten uns ein, auch im Pop immer noch das Maß aller Dinge zu sein. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Bob Stanley

12.07.2016, 09:35 Uhr | Feuilleton
Glosse

Nächste Durchsage

Von Edo Reents

Hauptsache, es wird geredet: Nächster Halt, Gültigkeit von Fahrkarten, Speisewagen ist offen, bitte nichts liegenlassen, und dann alles nochmal auf Englisch. Mehr 2 5

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“