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„Melancholia“ in Bochum : Umarmung in die Leere des stumpfen Lebens

Seelenelend im Hochzeitsgewand: Kristina Peters als als Justine und Matthias Eberle als Michael Bild: Thomas Aurin

Bochumer Uraufführung: Johanna Wehner inszeniert „Melancholia“ nach dem Film von Lars von Trier. Schafft sie mehr als eine Nacherzählung des Drehbuchs?

          Die kleine, achtköpfige Gesellschaft, die sich am Anfang, mit Spitzen und dicken Karos, Pelz und Petticoats, leicht derangiert und einer nach dem anderen die Rampe entlang bewegt, ist bereits aus dem Tritt. Hochzeit will sie feiern, doch das wird nichts. „Auf das Leben!“ gibt John, der reiche Schwager der Braut, der, wie er sich brüstet, alles bezahlt hat, trotzig den Ton an, in den die anderen nur brüchig und erschöpft einstimmen. Denn Justine, die in ihrer Mitte ein weißes Kleid trägt, fehlt etwas: „Vermisst du nicht irgendwas?“, fragt sie als Erstes und weiß nicht, worauf sie sich freuen soll. Dass Michael, ihr Zukünftiger, immer nur einfältig „Du bist schön“ stammelt und dann auch noch behauptet „Ich habe Dich noch nie so glücklich gesehen“, kann ihr auch nicht helfen, im Gegenteil! Wunschdenken. Ihr „Ich lächle, ich lächle...“ ist reine Verlegenheit. Gute Miene zur bösen Angst. Auf das Leben! Welches Leben? Justine ist gerade dabei, es zu verlieren. Sie ist depressiv.

          „Vorspiel“ auf dem Theater für eine Geschichte, die das Kino erzählt hat. Die Inszenierung von „Melancholia“, die Johanna Wehner nach dem Film von Lars von Trier am Schauspielhaus Bochum einstudiert hat, ist sich sehr wohl bewusst, dass sie es mit dessen grandioser, abgründiger Bildgewalt nie und nimmer aufnehmen kann. Und so lässt sie es behutsam angehen. Mit zögernden Schritten, mit einer Choreographie der unsicheren Bewegungen und gestörten Kommunikation, mit einer Sprach-Partitur aus abgerissenen Dialogen und vielfach wiederholten Phrasen und Floskeln. Auflösungserscheinungen. Ästhetisch ist da das Theater von vornherein unterlegen. Aber vielleicht wird, wenn die Visionskraft der Lichtspiele schon nicht einzuholen ist, wenigstens eine stimmige Aufführung daraus.

          Lichtspiele finden dennoch statt. Zwölf Leuchtstelen bestücken die Bühne von Volker Hintermeier, Koordinaten, die verrückt werden und rotieren, senkrecht stehende Neonröhren, die blinken und blenden, bis sie am Ende von einer riesigen, runden Operationslampe gleißend überstrahlt werden. Blickfang aber ist ein ausgebrannter Feuerball, der haushoch im Hintergrund dräut, ein schwarz verkohlter, löchriger Globus, Symbol der verwüsteten Welt. Die Hochzeitsfeier beginnt mit Verspätung, der von Claire, der genervten, lebenstüchtigen Schwester, vorbereitete Zeitplan lässt sich nicht einhalten, das Glück sich nicht organisieren, die Fragen, Anreden, Banalitäten wiederholen sich. Plappernde Sprachlosigkeit, geschäftiger Stillstand. Die verbitterte Mutter Gaby (Anke Zillich) zerreißt sich ihr Schandmaul, der altersgeile Vater Dexter (Heiner Stadelmann) amüsiert sich mit einem Zwillingspaar, der doppelten Betty. Justine aber bekommt bald keine Luft mehr. Die erfolgreiche Art-Direktorin konsterniert ihren Arbeitgeber Jack und überwirft sich mit ihm, sie hat schnellen Sex mit seinem Neffen, ihr Bräutigam sucht das Weite, sie verheddert und verläuft sich. Der dunkle Planet Melancholia bewegt sich auf sie zu – und fliegt an ihr vorbei. Der Ansatz der Bochumer Inszenierung erweist sich als wenig entwicklungsfähig.

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          Die Wiederholungen ziehen sich in die Länge und laufen leer, die Leidensgeschichte wird bedeutungsvoll zelebriert, Gesellschaft gerät kaum in den Blick. Die Justine der Kristina Peters erscheint, ganz in Weiß gehüllt, als die Larve ihres Unglücks, ihre Hysterie wirkt aufgesetzt, die Claire der Johanna Eiworth im ärmellosen Glitzerkleid ist ihr patentes Gegenstück. Dass die freie Performance-Gruppe „dorisdean“, die mit bizarren Kostümen, Ballett-Tütüs und flotten Rollstuhlfahrten muntere Schauwerte schafft, als stumme Hochzeitsgesellschaft auftritt, wirkt belebend, doch die zweistündige Aufführung findet keinen Rhythmus, keinen Drive, keine Dringlichkeit. Ein Drehbuch wird Szene für Szene nacherzählt, Theater, das sich gegenüber dem Kino zu behaupten sucht und dem es dabei ganz ähnlich ergeht wie Justine, als ihre Umarmung ins Leere greift.

          Noch der letzte Regieeinfall, einen leibhaftigen Schimmel auf die Bühne zu ziehen, bleibt seltsam rat- und folgenlos. Mehr als ein paar Streicheleinheiten bekommt das Tier nicht ab. Am Ende, wenn sich die Figuren schutzsuchend zum Knäuel gruppieren, kann das blendende Licht das Bild der versengten Erdkugel nicht überbieten. Apokalypse – mau. „Melancholia“ war bereits die letzte Saisonpremiere im Schauspielhaus, das im Mai geschlossen und von Grund auf saniert wird. Im Oktober wird es, zum Auftakt der Intendanz von Johan Simons, wiedereröffnet: Bochum ist bereit für eine neue Theaterära.

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