Gehört der Hiphop zu Deutschland? Dass man sich diese Frage gerade in Heidelberg stellt, ist angebracht, haben doch dort in den achtziger Jahren Figuren wie Toni L. oder Torch einige der frühesten Versuche in dieser Kunstform auf Deutsch gemacht. In der darauf folgenden Dekade kamen dann schon die Fantastischen Vier und eine weitere Gruppe aus der nahegelegenen „Benztown“ Stuttgart, die sich zunächst „Maximilian und sein Freundeskreis“ nannte.
Diesen beiden Formationen ist es wohl maßgeblich zuzuschreiben, dass man deutschen Sprechgesang noch immer in erster Linie als freundlich, witzig oder gar harmlos einstuft, auch wenn einige aggressivere Rapper inzwischen hart daran arbeiten, dieses Bild zu korrigieren. Das Freundeskreis-Stück „Esperanto“ ist so etwas wie der Inbegriff deutscher Multikulturalität - und als Max Herre es nun im Heidelberger Karlstorbahnhof gleich zu Beginn seines Konzerts intonierte, glich der bebende Saal bald in jeder Hinsicht einem Schmelztiegel.
Bunter Eklektizismus
Neben Ehefrau Joy Denalane und einer weiteren Mitsängerin war auch der Rapper Afrob hier mit von der Partie, um Herres neues Album mit dem Titel „Hallo Welt“ bei einer sogenannten Aufwärmtournee für die kommende Festivalsaison vorzustellen. Noch mit dem durchaus gelungenen Ausflug ins Liedermacher-Genre im Ohr, den er mit dem Vorgängeralbum „Ein geschenkter Tag“ unternommen hatte, nahm sich das, was man aus den atemlosen Textkaskaden des Lockenschopfs unter einer Wollmütze an diesem Abend so vernehmen konnte, allerdings doch ein bisschen mager und einfallslos aus. Ob nun nach Art von Bob Marley von „Freedom Time“ die Rede ist, italienische Liebesbekenntnisse geraunt oder Pubertätserinnerungen wieder hervorgekramt wurden - auch die perfekt eingespielte Begleitband konnte das nicht immer herausreißen.
Wie bunt der Eklektizismus Max Herres auf der Textebene ist, grenzt allerdings manchmal ans Absurde. Da wird die Zeile des Kinderbuchtitels „Oh, wie schön ist Panama“ enggeführt mit „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“, während die Anmoderation der Songs dann wieder arg nach Selbsthilfegruppe klingt: „Ich möchte gern noch eins mit euch teilen, Leute!“
Auf der Kippe zum Plagiat
Dass Hiphop-Posen doch nicht jedem so in die Hüften gehen, zeigte sich, als noch ein weiterer Gaststar die Bühne betrat. „Wer ist denn jetzt der blonde Typ, der so komisch tanzt?“, hörte man neben sich eine Frauenstimme fragen. Es war der traurige schwäbische Jungliedermacher Philipp Poisel, der sein Mikrofon hielt wie eine brennende Kerze, dafür aber inbrünstig mit Max Herre ein Duett sang, das anscheinend „Wolke sieben“ hieß.
Bei allem sommerlichen Groovegenuss drängte sich nach vielen in „Copy and paste“-Manier gebauten Stücken darum häufig die Frage auf: Wie gut und originell kann ein Musiker wirklich sein, der sich beim Herzstück eines Songs, dem Refrain, immer nur auf die Melodien anderer verlässt? Hiphop auf Deutsch ist schon ganz in Ordnung, aber Hiphop an sich ist eine Kunstform, die immer auf der Kippe zum Plagiat steht.