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Max Frisch im Schauspiel Basel Was vom Leben kleben bleibt

Nicht jedes Drama von Max Frisch ist eine pädagogische Parabel: Amélie Niermeyer hilft in Basel seinem Stück „Biografie“ auf die Sprünge und inszeniert eine wahre Komödie.

© Judith Schlosser Vergrößern Max Frisch, nicht im Bild, lässt auf Baslers Bühnen Rabatz machen

Die Frage „Wer bin ich, und wenn ja wie viele?“ hat sich schon Max Frisch zeitlebens gestellt. Selbst neuere Frisch-Biographien - allein im letzten Jahr erschienen drei - tun sich schwer damit, den Architekten multipler Lebensentwürfe als kohärente Person zu identifizieren. Ja, Frisch hatte Probleme mit den Frauen, dem Alkohol und der Schweiz, aber er hat sich auch immer wieder neu erfunden, in seinen Fragebögen mehr als in seinen Antworten, in den Tagebüchern und Romanen mehr als in seinen doch ziemlich angestaubten Lehrstücken. „Biografie. Ein Spiel“, 1968 in Zürich uraufgeführt, ist eine Ausnahme: Keine didaktische Parabel, sondern eine verspielte theatrale Lebensbilanz.

Der Verhaltensforscher Hannes Kürmann bekommt die Chance, sein verpfuschtes Leben und seine gescheiterte Ehe zu revidieren. „Registratoren“ helfen ihm auf die Sprünge: Spulen Szenen aus seiner Biographie vor und wieder zurück, treiben den Zögernden und Zweifelnden zur schonungslosen Selbstprüfung an und fallen ihm kühl ins Wort, wenn er sich von sentimentalen Erinnerungen, intellektuellen Fiktionen oder männlicher Eitelkeit ins Ungefähre wegtreiben lässt. Kürmann hätte gern eine „Biografie ohne Antoinette“, eine „andere Intelligenz“, aber er kann nicht aus seiner Haut.

Mit Vollgas in die Komödie

So oft er die erste Begegnung mit seiner Frau auf seiner Habilitationsfeier auch durchspielt: Am Ende landet er immer wieder im Bett mit seinem Verhängnis, im Hamsterrad des alten Trotts. Frisch nannte sein Stück „Komödie“, aber das war natürlich in einem höheren existentialistischen Sinne gemeint. Das Theater, das die Kontingenz des Lebens zum sinnhaften Schicksal verklärt, sollte durch eine neue „Dramaturgie des Zufalls“ ersetzt werden; 1984 revidierte Frisch sein „fatalistisches“ Stück in diesem Sinne, aber er hatte nicht mehr Erfolg als Kürmann.

Amélie Niermeyer macht aus allem eine Komödie, in Basel zuletzt sogar aus Thornton Wilders Weltuntergangstheater „Wir sind noch einmal davongekommen“ eine Dinosaurier-Groteske, und so nimmt sie jetzt auch Frisch beim Wort. Wo er vage Möglichkeiten theoretisch erwägt, auf Zehenspitzen verpasste Abzweigungen vom geraden Lebensweg abschreitet, gibt sie Vollgas. Wenn von einem Ballettstudio die Rede ist, tänzelt gleich ein halbes Dutzend Männer und Frauen in albernen Tutus herein.

Hockt Kürmann im Restaurant, serviert Niermeyer erst mal den Sketch „Beim Italiener“ als Vorspeise. Taucht von fern Kürmanns erste Frau Brigitte auf, kommt Florian Müller-Morungen als Riesenbraut auf Plateausohlen hereingestöckelt. Und wenn Antoinette sich katzenhaft-kokett Kürmanns nächtlichen Anbaggerversuchen entwindet, spielen Claudia Jahn und Joanna Kapsch das Spiel von Abweisen, Locken und Verführen mit viel Gemaunze, Leopardenmänteln und dicken freudianischen Zigarren nach.

Kürmann unbeweglich

Das groteske therapeutische Reenactment ist nicht nur unterhaltsam: Es hat auch durchaus Methode. Kürmann erlebt sein falsches Leben als surrealen Albtraum, und da kann schon mal etwas verrutschen oder durcheinandergeraten. Niermeyer löst die Geschlechts- und Rollenzuordnungen und Reste psychologischen Realismus in Frischs „Biografie“ auf. Das Publikum sitzt beidseits der Bühne, auf der rote Kugeln an Stahlseilen wie Rettungsbojen auf und nieder steigen. Charaktere und bildungsbürgerlicher Muff, intellektueller Chauvinismus und episches Theater verdampfen in Zigarettenrauch und Studioatmosphäre.

Es gibt nicht nur eine Antoinette, sondern mindestens zwei, manchmal sogar sechs. Alle können alles spielen, höhnisch distanziert oder auch solidarisch mitfühlend: den Mitschüler, dem „Kürmännchen“ ein Auge auswarf, die amerikanische Geliebte, die er sitzenließ, den Nebenbuhler, den kommunistischen Professor. Ausgerechnet Kürmann, der Nonkonformist, der sich dauernd neu erfinden will, bleibt immer der Alte.

Melancholische Souveränität im Scheitern

Die Spielregeln gehen dem Verhaltensforscher gegen den Strich. Die Spielleiter, die angeblich sein Bestes wollen, spielen ihm übel mit. Und war sein Leben wirklich nur ein Narrenumzug, eine lächerliche Revue, eine Doku-Krawallshow aus dem Privatfernsehen? Martin Hugs Kürmann ist kein Wissenschaftler, der exakt und seriös Varianten seiner Biographie durchexerziert, sondern ein Opfer der Spielsituation, misstrauisch, hilflos, genervt, überfordert.

Alles ist Fleisch von seinem Fleische, aus demselben lila Anzug mit Hornbrille und Hut geschlüpft, aber noch die traurigsten Schatten aus seiner Vergangenheit sind stärker und lebendiger als seine Gegenwart und Zukunft. Am Ende macht die Frau, die er nie ganz ernst nahm, Ernst: Wenn Antoinette eine zweite Chance bekäme, würde sie mit ihrer ersten Wahl nie im Leben eine Affäre begonnen haben.

Frisch gönnte seinem Sisyphos noch im Scheitern eine Art melancholischer Souveränität. Dass ausgerechnet Antoinette die Biographie ohne Antoinette realisiert, ist eine herbe Schlappe für Kürmanns intellektuelle Potenz, aber da der Stein nun einmal weggeräumt ist, hat er wenigstens die Freiheit zum Tode. Niermeyer lässt ihm nicht einmal diesen Trost. Am Ende sacken die bis zum Zerreißen gespannten Drahtseile und Nerven in sich zusammen. Kürmännchen ist nur noch ein Häufchen metaphysisches Elend.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 21.10.2012, 16:30 Uhr

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