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Maurice Steger im Gespräch : Wie kann die Blockflöte zur großen Liebe werden?

  • -Aktualisiert am

Anfangs hatte er motorische Probleme beim Flötenspiel, die er mit zwölf Jahren ablegen konnte: Maurice Steger Bild: Marco Borggreve

Maurice Steger, einer der weltbesten Virtuosen des Flauto dolce, erzählt im Interview, wie er mit zwölf Jahren zu seinem Instrument fand - und von der hohen Kunst, die Luft in Schwingung zu bringen.

          Herr Steger, gestern haben Sie in der Konzertpause das durchgeschwitzte Hemd wechseln müssen. Warum ist Blockflötespielen so anstrengend? Treiben Sie Ausdauersport, um die nötige Kondition aufzubauen?

          Die Blockflöte braucht viel Luft und Energie, erst dann kommt dieses wunderbare Instrument richtig in Schwingung. Das Spielen ist für mich körperliches Training genug!

          Wie sind Sie zu Ihrem Instrument gekommen?

          Wie fast jedes Kind, im obligatorischen Unterricht in der Grundschule. Aber das war eine Katastrophe. Ich hatte echte motorische Probleme. Die anderen Kinder spielten viel besser, die Lehrerin ist fast an mir verzweifelt.

          Später muss es wohl einen radikalen Umschwung gegeben haben...

          Ja, ich habe dann mit zwölf Jahren Einzelunterricht bekommen, plötzlich hat es viel besser geklappt. Der Klang war da. Ich habe gemerkt, dass ich mich mit der Flöte ausdrücken kann. Die Musik, das Instrument – all das wurde dann sehr schnell meine große Liebe.

          Sie waren also kein Wunderkind?

          Im Gegenteil. Ich bin in Graubünden aufgewachsen. Für Kinder geht es da lange ums Skilaufen. Abfahrtsrennen bin ich gefahren und habe an alles andere gedacht als an eine Karriere als Profimusiker.

          Und wie findet man in Graubünden die richtigen Lehrer für solch ein heikles Instrument?

          Diplomierte Lehrkräfte gab es nicht. Als ich besser wurde auf dem Instrument, war Zürich meine Rettung. Schon mit fünfzehn habe ich dort die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule gemacht und bin gependelt – parallel zur Schule. Meine Eltern wollten, dass ich die Handelsmatura mache und etwas Ordentliches lerne. Aber ich wusste damals schon: Flöten ist das Einzige, was ich richtig gut kann. Es gab keine Alternative mehr.

          Gab es Vorbilder?

          Mein erster Lehrer in Zürich war Pedro Memelsdorff. Bei ihm habe ich später auch noch mittelalterliche Musik gespielt. Mein Solistenstudium habe ich bei Kees Boeke absolviert, da habe ich so richtig gelernt, virtuos auf dem Instrument loszulegen. Der eigentliche Lernprozess hat dann aber erst nach dem Studium begonnen, als ich mit Spezialensembles für Alte Musik zusammenarbeiten konnte, mit Dirigenten wie Fabio Biondi, Diego Fasolis, Reinhard Goebel.

          Heute sind Sie der führende Blockflötenvirtuose weltweit. Denken Sie manchmal noch an die komplizierten Anfänge?

          Ja, es gibt mir große Inspiration, andere zu unterrichten. Die Ausbildung anderer auf meinem Instrument, das ist mir ungemein wichtig. Ich habe inzwischen eine Community von über dreißig Schülern. Und ich weiß jetzt schon: Es entsteht eine wunderbare Generation von Virtuosen auf meinem Instrument.

          Ihre variantenreiche, virtuose Kunst hat Ihnen den Titel „Rubinstein der Blockflöte“ eingebracht. Üben Sie bis zum Umfallen?

          Die reine Disziplin und Wiederholung gehören zwar auch dazu. Aber diese letzten zehn Prozent Magie bei der Interpretation, die den Unterschied ausmachen, die kommen nicht durch stupides Training zustande. Es braucht eine natürliche Begabung. Ich habe auch Kammermusik und Continuo, also die Begleitung am Cembalo, studiert. Inzwischen ist es oft wichtiger, die Musik von dort aus zu strukturieren und zu durchdenken, anstatt Tonleitern herunterzurasseln. Und was die reine Schnelligkeit angeht – da sollten Sie mal meine Schüler hören. Da komme ich manchmal kaum noch mit.

          Wie steht es mit der kanarienvogelhaften Brillanz, für die Ihr Instrument bekannt ist?

          Das ist nur eine Seite, die mir aber nicht die wichtigste ist. Die Blockflöte – das steht schon in den Traktaten des siebzehnten Jahrhunderts – kommt von allen Instrumenten der Singstimme am nächsten. Und das ist mein Ziel: Ich möchte diese Röhre in Schwingung bringen und nutze meinen Körper als Resonanzraum, so erreiche ich einen unverwechselbaren Klang.

          Der Atem ist also wichtiger als die Finger?

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