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„Maß für Maß“ in Zürich : Regieren kommt von Gieren

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Der verkleidete Herzog (Hans Kremer) zwischen seinen Schutzbefohlenen Bild: Toni Suter / T+T Fotografie

Menschenversuche im Rattenlabyrinth: Jan Bosse inszeniert in Zürich Shakespeares „Maß für Maß“ als Beitrag zur MeToo-Debatte. Die tragische Seite der Komödie kommt dabei doch ein wenig zu kurz

          Das Herzogtum Wien verlottert und verludert. Von außen betrachtet, ist die Bühne ein kompaktes, halbrundes Globe Theatre, von innen und oben ein kompliziertes vertikales Labyrinth, erbaut aus Spiegelwänden, Glitzervorhängen, Stahlgerüsten und Lichtpfeilen. Die Puffmutter, Madame Overdone, Zuhälter Pompey und der vorlaute Schwätzer Lucio verschlingen ihre Körper zu orgiastischen Verknotungen, Henker Elbow reibt sich die Hände und wickelt seine Opfer in Plastikfolie ein. Kein Wunder, dass Herzog Vincentio amtsmüde ist. „Regieren, wie soll das gehen?“, fragt er sich gleich zu Beginn. Vierzehn Jahre, länger als Angela Merkel, herrscht er nun schon über Narren und Idioten, viel zu lax und liberal, wie viele argwöhnen: höchste Zeit für einen Wechsel. Vincentio, bei Hans Kremer ein freundlicher älterer Herr mit kindischer Lust an Verkleidungen, Intrigen und Menschenversuchen, bestellt Angelo zu seinem Nachfolger und emigriert in die erste Reihe. Von dort beobachtet er, ganz Zürcher Zuschauerin mit Handtasche, Seidenbluse und Tantenrock, das Treiben auf der Bühne. Mal schauen, was die neue Regierung alles auf der Pfanne hat.

          Daniel Sträßers Angelo sieht in dieser Zürcher Inszenierung von Shakespeares Komödie „Maß für Maß“ wie ein leicht gestörter Engel aus, wenn er an seiner blonden Perücke nestelt. Aber er ist ein kalter, harter Hund. Der Puritaner lässt die Bordelle schließen, Richter Gnadenlos verurteilt Claudio zum Tode, nur weil der verliebte Jüngling in lila Stutzerhosen seiner Verlobten zu früh zu nahe kam.

          Tölpelhafter Henker, guter Fürst

          Dabei wird auch Angelo den eigenen Normen keineswegs gerecht: Für eine Liebesnacht mit der schönen Isabella würde er ihren Bruder Claudio begnadigen. Lena Schwarz spielt die keusche Novizin aber nicht als Bittstellerin oder gar Opfer, sondern als noch in ihren routinierten Demutsposen selbstbewusste Frau. Wenn Angelo höhnt: „Wer wird dir glauben? Meine Lüge wird deine Wahrheit übertreffen“, droht Isabella: „Ich mach dich fertig!“ Sie weist das unmoralische Angebot empört zurück. Ihr strahlend weißes Nonnenhabit ist aufreizend unschuldig wie das Hochzeitskleid einer göttlichen Braut. Auch in der Klosterfrau lodert Feuer, auch in ihren kühlen Argumenten rumort unterdrückte Leidenschaft. Und Isabella kennt ihre Rechte: Sie weiß, wie man sich die Weinsteins und Angelos vom Leib hält.

          Der Herzog, der als Mönch und Regisseur im Hintergrund die Kulissen schiebt, schiebt dem lüsternen Angelo im Dunkel der Nacht statt der begehrten Novizin die verstoßene Geliebte unter. So wird der Wüstling blamiert und nach seinem eigenen Gesetz bestraft: Maß für Maß, „ein Angelo für einen Claudio“. Bei Shakespeare endet das Stück mit einer erzwungenen Massenhochzeit, in Zürich nicht ganz so heiter: Vincentio setzt den Henker als neuen Herzog ein. Klaus Brömmelmeier zweifelt zuerst, den Hermelinmantel ausfüllen zu können, aber „ein Mann wächst mit seinen Aufgaben“, und ein tölpelhafter Henker muss kein schlechter Fürst sein.

          Über puritanische Heuchelei und bürgerliche Doppelmoral

          In Regierung steckt Gier, sinniert der Herzog in Jens Roselts Übersetzung einmal. Shakespeares Problemstück von 1604 ist eine durchaus aktuelle Parabel über sexuelle Ausbeutung und Politik, Macht und Moral, und entsprechend oft wird es als deftige Satire interpretiert. Mal ist der Herzog der weise Gottvater, der durch moderate Tugend und schlaue bed tricks alles zum Bestmöglichen wendet, mal der Politiker auf dem Altenteil, der nicht loslassen kann. Oder, so eine seit Peter Zadek gängige Lesart, ein sadistischer, sexistischer Tyrann, der Menschen wie Mäuse behandelt und seine Macht mit zynischen Lernspielen festigt. In Thomas Ostermeiers Salzburger Inszenierung von 2011 hingen Schweinehälften vom Kronleuchter, als Saubermann Angelo die Bühne mit dem Kärcher reinigte. In Stuttgart war der Herzog zuletzt ein sanfter Achtundsechziger, in Dresden Pegida-Scharführer, in Hannover wurden alle Rollen von Frauen besetzt.

          In Zürich tragen die Männer Röcke über den Hosen und machen vor allem Späßchen. Das dämpft nicht ihre böse Lust, bedeckt aber ihren menschlichen Makel. Maß für Maß: Wenn der Herzog Rauch in das Spielzeugmodell seiner Idealstadt bläst, wabert auch auf der großen Bühne und in ihrer Videofassung der Nebel. Jan Bosse hat in Zürich schon einige präzise Regiearbeiten über puritanische Heuchelei und bürgerliche Doppelmoral abgeliefert, etwa einen „Zerbrochnen Krug“ und zuletzt Arthur Millers „Hexenjagd“. „Maß für Maß“ passt in diese Reihe, aber die tragische Seite der Komödie kommt doch ein wenig zu kurz. Man hört einige traurige Purcell-Lieder und Matt Dennis’ „Angel Eyes“, Fremdtexte von Stefan Zweig und Freud bis Machiavelli und Goebbels, aber leider auch ein bisschen viel übermütigen Nonsens à la „Alle lieben Obstsalat“ und Kalauer mit Sau und Sauna. Der Kerkermeister drechselt ständig drollige Wortspiele, der Zuhälter führt mit heiserer Stimme und Verbrechertheater das große Wort, Lucio lässt sich das freie Wort nicht mal vom Herzog verbieten.

          Über all dem Gekasper geht der große Konflikt zwischen Isabellas weiblicher Ehre und Angelos machtgeschützter Geilheit fast unter. Der Herzog zieht mit diebischer Freude die Strippen, aber auf seine Ausgangsfrage, wie man eine närrische Welt gut regiert, hat weder er noch der Regisseur eine Antwort.

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