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Biederer „Schwanensee“ : Hier macht sich keiner nass

  • -Aktualisiert am

Rubén Cabaleiro Campo, Daniel Vizcayo (Siegfrieds Freunde), Marcos Menha (Siegfried), Alexandre Simões (Benno) und Brice Asnar (Siegfrieds Freund) stehen in der Deutschen Oper am Rhein beim Ballett Schwansee auf der Bühne. Bild: dpa

Barfuß unterwegs: Der neue „Schwanensee“, so viel steht nach der Düsseldorfer Premiere der neuen Choreographie von Martin Schläpfer fest, ist tiefste Provinz – Provinz mit Geld.

          Einen neuen „Schwanensee“, so viel steht nach der Düsseldorfer Premiere der neuen Choreographie von Martin Schläpfer fest, braucht die Welt nicht. Die diesbezügliche dpa-Meldung, wortgleich auf den Portalen von „Welt“, „rtl“ und „waz“ nachzulesen, bringt das Problem auf den Punkt: „ohne Tutus und künstliches Flügelschlagen“.

          Darin stecken gleich zwei Fehler. Der deutsche Tanz leidet nicht an zu vielen Tutus, sondern an zu wenigen. Wie wahr das ist, kann man an der Formulierung „künstliches Flügelschlagen“ ablesen – kaum jemand hat offenbar vor Augen, wie faszinierend die Port de bras der Schwanenballerinen im Original sind, wie mit diesen schwierigen, wunderschönen Armgesten aus Frauen auf Spitzenschuhen geheimnisvolle Wesen einer anderen Welt werden.

          Seit den Erzählungen der griechischen Mythologie sind Metamorphosen Bilder für Prozesse der Verwandlung und Anverwandlung, die Menschen durchlaufen, Bilder, die beschreiben, wie sehr uns Göttliches und Dämonisches, Geistiges und Animalisches zu eigen ist.

          Theaterbesucher müssen tief in ihrem Gedächtnis kramen

          So ein Ballett der Metamorphosen ist „Schwanensee“ in Marius Petipas und Lew Iwanows Fassung von 1895 gewesen, und das ist auch die Idee der Komposition Tschaikowskys. Wenn man an dieser Idee nicht interessiert ist, sollte man den „Schwanensee“ nicht inszenieren und erst gar keinen Gedanken an die choreographischen Schwierigkeiten verschwenden, mit denen man die unglaubliche Wirkung des Originals übertreffen könnte.

          Nun ist es so, dass die meisten Theaterbesucher tief in ihrem Gedächtnis kramen müssen, wenn sie sich an einen dem Original von 1895 ähnlichen „Schwanensee“ erinnern wollen. Niemand fühlt sich bemüßigt, gegen die Aufführung von Verdi-Opern zu polemisieren. Wie kommt es also, dass eines der größten Ballette der Tanzgeschichte plötzlich mit abwertenden Klischees beschrieben wird, als sei es dringend notwendig, zu einer neuen, endlich nicht künstlichen Fassung zu finden?

          Zur Erinnerung: Es gab einen nur von Männern getanzten „Schwanensee“, und es gibt John Neumeiers Tanztheaterfassung, in der sich der traurige Bayernkönig Ludwig in die Schwanenphantasiewelt flüchtet.

          „Künstliches Flügelschlagen“

          Das „künstliche Flügelschlagen“ ist in Wahrheit ein frühes Beispiel gegenstandslosen akademischen Tanzens, eine Vorwegnahme der Neoklassik George Balanchines. In den sogenannten weißen Akten, die in der Schwanenwelt spielen, zeichnen die Tanzbewegungen der 32 Ballerinen nicht nur eine unendliche Vielfalt an geometrischen Formationen in den Raum, sie entwerfen auch eine magische Sprache für die Zauber-Kreaturen, in der sie ausdrücken, was wir noch alles sein können, welche übernatürlichen und animalischen, welche phantastischen Impulse in uns lebendig sind.

          Das Problem von Martin Schläpfers „Schwanensee“ beginnt weit unterhalb der choreographischen Ebene. Jenseits der Frage, ob seine ästhetischen Auffassungen, seine Bewegungsphantasie, sein künstlerisches Temperament es ihm nahelegen sollten, drei Stunden Schritte erfinden zu wollen, die unsere Bilder vom „künstlichen Flügelschlagen“ glücklich überlagern, ist der Gestus seines Herangehens, sind seine Dramaturgie und seine Regie wenig aufregend und überzeugend.

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