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Marthaler inszeniert Sasha Rau in Köln Meine Herkunft ist nicht meine Heimat

Vier einsame Menschen im Speisesaal, unfähig miteinander zu sprechen: Aus Sasha Raus zwölf Seiten langem Text macht Christoph Marthaler eine Aufführung von zwei Stunden. Doch die Poesie des Texts vermag das Stück nicht zu vermitteln.

© Hermann und Clärchen Baus Vergrößern Die siebziger Jahre vom Baumarkt - der Rest ist Leere.

Karin Beier hat mit Köln weitgehend abgeschlossen. Ihre letzte Inszenierung, „Die Troerinnen“ des Euripides hatte gerade Premiere. Da holt die im Sommer nach Hamburg wechselnde Schauspielintendantin doch noch Christoph Marthaler für eine Regie ans Haus. Der ließ sich hier bisher, und das gleich zweimal, von seiner Bühnenbildnerin Anna Viebrock vertreten, deren Warteräume ja oft schon die halbe Miete sind; zuletzt auch von seinem Musiker Clemens Sienknecht, der Werner Schlaffhorst eine Gedenkveranstaltung ausrichtete, „ein Leben, zu wahr, um schön zu sein“, von vorne bis hinten erfunden und doch nur eine halbe Sache.

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Das späte Köln-Debüt ist ein Liebesdienst Marthalers, doch weniger für Karin Beier als für die Autorin: Sasha Rau, in Paris lebende Schweizerin des Jahrgangs 1970, die das vom Kölner Kunst-Salon mit fünfzehntausend Euro prämierte Stück „Oh, it’s like home“ geschrieben hat, ist Schauspielerin - und die Ehefrau des Regisseurs.

Überwacht und weggemobbt

Die Merkwürdigkeit des Stücks beginnt mit dem Titel: „Oh, it’s like home“. Eine Redewendung, schnell dahingesagt, wenn etwas zu sein scheint, wie es eigentlich nicht sein kann: wie zu Hause. Keine der Figuren spricht sie aus, aber alle in dem Speisesaal, in dem sie sich aufhalten, werden von solchen Wahrnehmungen heimgesucht - von Bildfetzen, Stimmen, Gerüchen, Gedankensplittern:

Egon, der sich in seine Zeit im Kinderheim zurückversetzt, als alle in einer Reihe standen, er in das rothaarige Mädchen verliebt war und oft in Ohnmacht fiel; Ilse, die als „langjährige Leiterin der Säuglingsabteilung“ fünfzig Jahre im Dienst war und nun spürt, dass sie überwacht und weggemobbt wird; Gunda, die in einer chemischen Reinigung groß geworden ist, sich nirgendwo lange wohl fühlt und im Schwimmbad, wo sie „kilometerlängenlang“ herumgesessen und geweint hat, ihre Suizidgedanken auf die Schwimmer überträgt; schließlich Hanna, die auf einem Schlachthof aufgewachsen ist und den Betrieb nicht übernehmen wollte: „Meine Herkunft ist nicht meine Heimat.“ Lange monologische Selbsterkundungen von Menschen, die, wenn sie zum Dialog ansetzen, sich verfehlen und nicht ins Gespräch kommen.

Wohnen aus dem Baumarkt

Vier Einsame, Ichversunkene, Autisten - auf der Suche nach der verlorenen Kindheit: Kaum miteinander und mehr mit ihren Erinnerungen verbunden, die sie verwickeln und verwirren, weitertreiben und vor existentielle Fragen stellen. Am Ende sind sie wieder alle im Speisesaal, doch „sie kennen sich nicht“, so die Regieanweisung, „vier sich fremde Menschen“. Dann, nach langem Schweigen, sagen sie nur noch einer nach dem anderen: „Mahlzeit.“

Das frontal aufgeschnittene Giebelhaus, das der Bühnenbildner Duri Bischoff in die Halle Kalk des Schauspiels Köln gebaut hat, zeigt weniger einen Speisesaal als ein großes und nur halbmöbliertes Wohnzimmer. Unter der tief hängenden Lampe fehlt der Tisch, hinten eine fast leere Regalwand, die, wenn sie aufgeschoben wird, in eine Zelle mit Klavier und Doppelstockbett blicken lässt, rechts ein Kamin, links eine Durchreiche zur Küche - alles im Stil der siebziger Jahre mit Holzpaneelwänden und braun-beigen Fliesen ausgelegt, nicht so atmosphärisch dicht wie bei Anna Viebrock, sondern als sterile Baumarktversion.

Egon hockt im Schrank

Die Uraufführung von Christoph Marthaler lässt sich fast zwei Stunden Zeit für den zwölf Seiten kurzen Text und holt Bendix Dethleffsen, der munter am Klavier sitzt und klassisches Repertoire spielt, aber auch Glühbirnen wechselt und Schokoladenkuchen auftischt, als Verstärkung: Am Anfang tippeln die Figuren eine nach der anderen die Treppe hinunter und wieder hinauf - Leerlauf, der in recht brav arrangierten Auf- und Abtritten fortgesetzt wird. Josef Osterndorf lässt den kleinen Egon aus dem massigen Männerkörper hinter den dicken Brillengläsern hervorblinzeln, Sasha Rau, die Autorin, schnuppert, auf Plateauabsätzen stakend, die Wand entlang, Silvia Fenz verleiht Ilse die brüchige Grazie einer gealterten Ballerina, und Bettina Stucky gibt Hanna, die sich, da sie dem Schlachthof entronnen ist, glücklich fühlt, einen Rest draller Deftigkeit mit.

Ein paar surreale Bilder stellen sich quer: Egon, wie er erschöpft im Schrank hockt, Ilse, wie sie im Kamin sitzt und ein Buch liest, bis sie plötzlich nach oben verschwindet; eine Schublade, aus der Musik spielt, die leiser wird, während die Lade sich zuschiebt. Manierismen und Rituale, Zwangshandlungen und Standbilder. Doch es entsteht kein Sog. Rätselhafte Sätze bleiben bedeutungsvoll in der Luft hängen: „Auch sich selbst sollte man regelmäßig verlassen“.

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Die „seltsame Magie zwischen den Figuren“, die Karin Beier dem Stück im Programmheft attestiert, stellt sich nicht ein, die traumlogisch-assoziative Poesie des Texts kommt nicht zum Tragen. Das Geheimnis des Stücks bleibt Behauptung. Den großen Regisseur Christoph Marthaler, den abgründigen Albtraumlotsen und Melancholiker der Vergeblichkeit, lernen die Kölner Zuschauer nicht kennen. Auch dafür müssen sie künftig nach Hamburg fahren.

Quelle: F.A.Z.

 
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