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Veröffentlicht: 25.09.2011, 20:10 Uhr

Maren Kroymann im Gespräch Muss Leistung schön sein?

Maren Kroymann, Expertin für den Unterschied, weiß, was Frauen und Männer trennt: Ein Gespräch über Schlager und Selbstvermarktung, Frauenfußball, Männerbeine in Pumps und den aufrechten Gang.

von Irene Bazinger
© dapd

Maren Kroymann radelt vor die Paris-Bar und lacht: „Hier wurde ich früher öfter abgewiesen!“ Seit der Pleite und Neueröffnung des berühmten Berliner Künstlerlokals, scherzen wir, hätten jetzt wohl auch Frauen unkompliziert Zutritt. Und die Kellner sind ausgesprochen nett.

Frau Kroymann, durch Ihre Shows und Kolumnen und sonstigen Wortmeldungen gelten Sie als Expertin im Geschlechterkampf. Was ist denn nun wirklich der Unterschied zwischen Männern und Frauen?

Schwer in einem Satz zu sagen, es gibt ja so viele Frauen und so viele Männer . . . Im Durchschnitt finde ich Männer immer noch selbstbewusster als Frauen. Obwohl es sich ändert, es gibt jetzt auch unverfrorene Frauen oder Frauen mit Größenwahn, aber seltener als Männer. Ich glaube, der Geltungsdrang ist bei Männern stärker. Frauen sind häufig pragmatischer und bescheidener, aber nicht, weil sie kein Konzept hätten, sondern weil sie sich eine Zeitlang auch in ein Team einfügen können. Männer, vor allem Führungsgestalten wie Regisseure oder Politiker, haben offenbar oft das Gefühl, dass sie immer der Gewinner, immer der Beste sein müssen, Motto: „Ich bin hier der Einzige, der weiß, wie’s geht.“ Dieses zwanghafte Erfolgs- und Dominanzstreben haben Frauen meines Erachtens weniger.

Maren Kroymann stellt ihr Programm "In My Sixties" vor. © dapd Vergrößern Maren Kroymanns nächstes Konzertprogramm heißt „In my Sixties”

Ihr nächstes Konzertprogramm heißt „In my Sixties“ und enthält unter anderem ein Lied von den gewiss wenig frauenbewegten Rolling Stones. Wie passt das zusammen?

Ich werde „It’s all over now“ in einer Version bringen, in der die Stones wie die betagten Herren singen, die sie inzwischen ja sind. Der Geist und auch das Fleisch sind willig, aber die Kraft lässt nach. Ich lege meine Stimme tiefer und gebe mich halbwegs kurzatmig, wie’s halt im Alter kommen kann. Mick Jagger will ich gar nicht persiflieren, der ist ja super, aber in meiner Darstellung soll er etwas von einem Zausel kriegen, der sich ein bisschen darüber beschwert, dass die Frauen ziemlich unnett zu ihm sind.

Macht es besonderen Spaß, die Posen und das Gehabe von männlichen Rockstars zu parodieren?

Spaß macht es natürlich, aber eigentlich parodiere ich gar nicht so viel. Meine Interpretationen sind wahrscheinlich eher eine Mischung aus Verehrung und Durchschauen. Ich war nicht umsonst zehn Jahre Mitglied im Berliner Hanns-Eisler-Chor, um den Gestus eines Songs zu suchen und nicht einer äußerlich detailgenauen Imitation zu huldigen. Zum Beispiel singe ich auch „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ von den Walker Brothers. Ich kann gar nicht so tief singen wie die mit ihren Baritonen, aber ich tu einfach so, als ob ich es könnte, indem ich den Gestus von Tieftraurigkeit herausdestilliere, den dieses Lied hat: Je trauriger die Geschichte wird, desto tiefer sinkt die Stimme. Als pubertierendes Mädchen ging mir diese Mischung aus Form und Botschaft wahnsinnig zu Herzen. So können nur Männer singen. Das nehme ich mir jetzt auch vor.

Gerade Gesangsstimmen transportieren doch auch viel Erotik, oder?

Und wie, denken Sie an Dean Martin. Er hatte eine Stimme, die Frauen bis heute anmacht, und er hatte dieses wunderbare Vibrato! Das setzte er hemmungslos ein und schlunzte dermaßen vor sich hin, das ist unfassbar. Bei den Filmhelden ist vielleicht Clark Gable sein Pendant, auch so ein Verführer und Frauen-in-sich-verliebt-Macher. Ich finde Dean Martin lustig und sympathisch, weil er eine souveräne Distanz zu seiner Anmacherotik hatte und sie so vorspielte, dass völlig kenntlich wurde, was er da trieb. Es ist wunderbar, ihn zu parodieren. Außerdem hatte er immer etwas leicht Besoffenes und war auch dadurch ein bisschen unseriös. Ich glaube, mich hat das Unseriöse sowieso immer stark angezogen.

Ist das der naheliegende Ausbruchsversuch einer höheren Tochter aus einem Tübinger Professorenhaushalt, die im Kirchenchor sang und beinahe Lehrerin geworden wäre?

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