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„Iolanta“ in Frankfurt : War Tschaikowsky wirklich ein Kinderschänder?

Ins Blindsein eingesperrt: Iolanta (Asmik Grigorian, zweite von rechts) wird von Martha, Brigitta und Laura in den Schlaf gesungen. Bild: Barbara Aumüller

An der Oper Frankfurt triumphiert Asmik Grigorian in „Iolanta“, aber die Regisseurin Lydia Steier sucht nach zu vielen Spiegelungen mit „Oedipus Rex“.

          Spannung baut sie auf, Verstörung zeigt, verkörpert sie, von den Augenbrauen hinab über die Schultern bis zu den einwärts gedrehten Knien, aber vor allem mit dieser Stimme, diesem bebenden, zerbrechlichen, dabei unzerstörbaren Sopran, als sie singend fragt: „Du schweigst?“

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Asmik Grigorian ist die blinde Tochter des Königs René in Peter Tschaikowskys allerletzter Oper „Iolanta“, die hier in Frankfurt noch nie zu sehen war. Gerade hatte sie dem Grafen Vaudémont ihr Herz öffnen können und von ihm erfahren, dass sie blind sei. Bisher wusste sie nicht, dass ihr dieser Sinn fehle, wusste nicht, was Farbe ist, was Licht. Doch entsetzt darüber, wie ein Mensch in derartiger Unkenntnis seiner Blindheit hat aufwachsen können, hat es Vaudémont die Sprache verschlagen. Fassungslos auf das Mädchen starrend will er gehen.

          Diese Spannung zwischen zwei Menschen, die einander nahe gekommen sind, nun aber von der Angst erfasst werden, sich noch näher zu kommen, ist nur einer von vielen Momenten intensiven Beziehungstheaters in dieser Inszenierung von Lydia Steier. Es ist ein Theater, das die Sachen der Figuren zu unseren Sachen machen will. Darin ist es ganz nahe bei Tschaikowsky, der ein musikalisches Genie der Empathie war. Die Beziehungen zwischen den Figuren hat Steier nicht nur psychologisch genau durchgearbeitet; diese Beziehungen werden vor allem durch das Frankfurter Oper- und Museumsorchester unter der Leitung von Sebastian Weigle kongenial getragen, klanglich motiviert. Und es gibt mit dem Tenor AJ Glueckert neben Grigorian einen Sänger, der stimmlich dieses Ineinander aus Innigkeit und Erschrecken zu fassen weiß. Dass Grigorian zu den besten Tschaikowsky-Sopranen unserer Zeit gehört, dass sich bei ihr gewinnender Wohlklang mit erstaunlicher Kraft paart, konnte man schon in Berlin an der Komischen Oper hören, wo sie als Maria in „Mazeppa“ und als Tatjana in „Jewgeni Onegin“ Maßstäbe setzte.

          Hier hat der Vater die Tochter missbraucht

          Und doch hat diese Frankfurter „Iolanta“, so berührend sie musikalisch und in vielen szenischen Details auch sein mag, ein erhebliches Problem: Das ist die Konzeption der Regie. „Iolanta“, 1892 komponiert, ein Einakter von reichlich achtzig Minuten Länge, wird hier kombiniert mit „Oedipus Rex“ von Igor Strawinsky aus dem Jahr 1927, gut fünfzig Minuten lang. Praktisch ergibt das zusammen einen Opernabend; man kann den gesamten Chor nutzen: für „Oedipus“ nur die Männer, für „Iolanta“ nur die Frauen. Und inhaltlich könnte man die Blindheit als verbindendes Motiv begreifen: Oedipus blendet sich selbst, um die Schrecken dieser Welt nicht sehen zu müssen; Iolanta lernt durch die Liebe Vaudémonts und die Kunst des maurischen Arztes Ibn-Hakia das Licht kennen, „Gottes erstes Geschenk an die Welt“.

          Doch Steier hat sich von diesen wenigen Spiegelungen verführen lassen, daraus ein System zu machen. Wo es zwischen Jokaste und Oedipus den Inzest zwischen Mutter und Sohn gibt, macht sie aus René und Iolanta den Inzest zwischen Vater und Tochter. Deren Blindheit ist traumatisch aufgrund sexuellen Missbrauchs. Wo in „Oedipus Rex“ Andreas Bauer den Seher Teiresias in der Maske von Igor Strawinsky singt, tritt Robert Pomakov – erschütternd expressiv übrigens – als König René in der Maske Tschaikowskys auf. Strawinsky als Aufklärer und bespuckter Sündenbock für einen präfaschistischen Mob, Tschaikowsky als Aufklärungsverhinderer und Kinderschänder.

          Kritik als Kitzel boulevardesker Entrüstung

          Das ist nun, wie die Sexualisierung des Verhältnisses zwischen René und Iolanta, ziemlich billig. Da wird Kritik zum Kitzel boulevardesker Entrüstung verkürzt. Um dem rein faktisch zu begegnen: Tschaikowsky hat sich zwar häufig in Jungen im Alter zwischen fünfzehn und neunzehn Jahren verliebt, sie jedoch – soweit wir wissen – nie sexuell missbraucht. Seine Partner waren erwachsene Männer, und die Heimlichtuerei um seine Homosexualität war längst nicht so groß wie bei Strawinsky, der sich quasi erst mit dem Tode outete, als er sich neben Sergej Diaghilew begraben ließ.

          Wenn Steier „Oedipus Rex“ im Europa zwischen den Weltkriegen spielen lässt und Strawinsky zum Mahner vor neuem Totalitarismus stilisiert, blendet sie aus, dass Strawinsky bis 1937 ein vitales Interesse an Tourneen im „Dritten Reich“ hatte und dass jenes ritualisierte Sprechen des Chores in „Oedipus Rex“ zum Vorbild für ein Lieblingsstück Hitlers wurde: die „Carmina burana“ von Carl Orff. Statt solche Verstrickungen in ihrer Komplexität zu entfalten, werden sie hier – durch einen Spiegelreflexzwang – gedanklich verkürzt und auf ein politisches Freund-Feind-Schema zurechtgestutzt.

          Dabei ist die Bühne von Barbara Ehnes – ein verrußter, spätklassizistischer Gerichtssaal für „Oedipus“, eine gigantische Puppenstube als Explosion von Pink und Blond für „Iolanta“ – ungeheuer eindrucksvoll. Der Chor, von Tilman Michael einstudiert, klingt in „Oedipus Rex“ keineswegs wie ein bestialischer Mob. Er stammelt eher verstört, als dass er vokale Gewalt in straffe Rhythmen bringen würde. Das macht ihn sympathisch. Er ist kein Chor, von dem man sagen kann: Das sind die Bösen, also die anderen.

          Tanja Ariane Baumgartner bannt die Hörer als Jokaste durch eine gierschlundige Tiefe ihrer umwerfenden Stimme. Doch szenisch bedient sie damit das tradierte Klischee einer dämonischen Sexualität der Frau, einer männerfressenden Lüsternheit. Peter Marsh gelingt es als Oedipus ganz hervorragend, seine Figur als Prozess zu gestalten: von der Selbstherrlichkeit über die Verstörung bis zur Verzweiflung. Gary Griffiths als Kreon und Robert von Burgund sowie Andreas Bauer als Teiresias und als Arzt Ibn-Hakia hinterlassen in beiden Stücken jeweils einen starken Eindruck. Lydia Steiers Personenregie, bis in die Nebenrollen hinein, ist – wie die musikalische Seite durch Sebastian Weigle – so fein ausgeführt, dass die Grobheit im Großen doppelt schmerzt.

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