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„Romeo und Julia“ ganz anders : Vergiss mir mein Leben nicht

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„Schließlich feiern wir Geburtstag, nicht wahr?“ Tobias Moretti als Bibliothekar Désiré, der lieber dement im Heim ist als zu Hause bei seiner Frau. Im Hintergrund der „Vergissmeinnicht-Chor“. Bild: Reinhard Werner

Luk Perceval gibt sein Theaterdebüt in Wien: Am Akademietheater verschränkt er einen Roman von Dimitri Verhulst mit Shakespeares „Romeo und Julia“ zu einem unheilschwangeren Abend, bei dem nur einer sein Können meisterhaft zeigt.

          Radikal kahl ist die Bühne im Wiener Akademietheater. Bis ganz hinten zur Feuermauer kann man schauen. Breit im Zentrum jedoch steht eine amphitheaterartige Tribüne, gleichfalls ganz kahl, bloß aus Brettern und Stahlrohren zu fünf flachen Etagen um eine ebenerdige, kleine, runde Drehbühne, mehr wie ein Präsentierteller zusammengezimmert. Kein Vorhang, keine anderen Sitzgelegenheiten, nichts. Zu Beginn werden von den Schauspielern Marta Kizyma, Silvie Rohrer und Daniel Jesch, die das Pflegepersonal dieser Altenverwahranstalt – ein böser Begriff, aber berechtigt, wie sich zeigen wird – geben, ein gutes Dutzend älterer Damen freundlich-hilfsbereit hereingeführt. Sie, die den „Vergissmeinnicht-Chor“ bilden, verteilen sich auf der von Katrin Brack entworfenen Bühnentribüne.

          Was in den folgenden rund hundert Minuten passiert, ist im Wesentlichen rasch erzählt, eine Petitesse, an sich nicht der Erwartungshaltung wert, die an das Wiener Theaterdebüt des belgischen Regisseurs Luk Perceval – bei den Salzburger Festspielen oder den Wiener Festwochen waren mit „Schlachten“, dem über neunstündigen Shakespearerosenkriegsmarathon von 1999, oder „Troilus und Cressida“ von anno 2008 seine wuchtigen Arbeiten schon öfter zu bestaunen, nun also an der Burg! – geknüpft worden war.

          Hauptsächlich aus dem hinlänglich unbekannten, auf Deutsch bei Luchterhand 2014 erschienenen Roman von Dimitri Verhulst „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ (der flämische Originaltitel von 2013 ist nicht weniger verräterisch) und Shakespeares „Romeo und Julia“ – der pensionierte Bibliothekar mit dem seltsam-poetischen Namen Désiré Cordier schwärmt zeitlebens für den englischen Dichter, was Perceval entgegenkommt – schrieb Perceval „Rosa oder Die barmherzige Erde“ zusammen. Schon der erste Satz Désirés gibt die Richtung vor: „Obwohl die Tat selbst vollkommener Absicht entspringt, geht es mir sehr gegen den Strich, dass ich jede Nacht wieder ins Bett scheiße.“ Désiré, heute wird er 74 Jahre alt und Teile der Familie kommen auf Pflichtbesuch ins Pflegeheim, Désiré also konnte seine Frau und seine erwachsenen Kinder nicht mehr ertragen, gab sich dement und wurde ins Heim überstellt. Dort trifft er auf überforderte, wenn auch bemühte Pflegekräfte und unter den Mitbewohnern einige alte Bekannte aus seiner Bibliothekarszeit, darunter etwa einen Alt-Nazi, aber auch seine Jugendliebe Rosa Rozendaal. Rosa nun ist tatsächlich schwer krank, Désiré muss ihr beim Sterben zusehen und nimmt sich danach selbst das Leben. Seine vorgetäuschte Krankheit wird es seiner Familie, vor allem der als frömmlerisch gezeichneten Gattin, ermöglichen, dies als Unfall zu akzeptieren - christliches Begräbnis eingeschlossen.

          Dieser Theaterabend gehört ihm: Tobias Moretti als Bibliothekar Desiré.
          Dieser Theaterabend gehört ihm: Tobias Moretti als Bibliothekar Desiré. : Bild: Reinhard Werner

          Perceval stützt sich vollkommen auf die unglückliche und sehr einseitige Liebesgeschichte zwischen dem Bibliothekar und seiner Angebeteten, was zur Degradierung beinahe sämtlicher anderer Beteiligter zu bloßen Statisten, bestenfalls Stichwortgebern oder eben zum „Vergissmeinnicht-Chor“ führt. Selbst Rosa, von der jungen Mariia Shulga verkörpert, sagt kein einziges Wort, singt nur eindringliche, verstörende Töne und lächelt. Neben diesem unheilschwangeren Gesang, der die Aufführung sehr lange ziemlich nervtötend untermalt setzt der Herr Regisseur auch noch Röcheln als Hintergrundmusik ein – ja, Altersheim und Tod, wir verstünden das auch ohne diese unangenehme Geräuschkulisse. Dagegen ist der Einfall, die Gedankenwelt Désirés hauptsächlich über die an den Wangen befestigten Mikrophone einsprechen zu lassen, fast schon ein gelungener Streich.

          Und doch, man sollte sich diesen Abend nicht entgehen lassen. Während den Übrigen - etwa Kammerschauspielerin Gertraud Jesserer als frustriert-aggressive Gattin Moniek - kaum eine Chance gegeben wird, ihrem Metier gemäß zu agieren, darf Sabine Haupt als Désirés Tochter Charlotte ein letztes, berührendes Gespräch mit dem Vater führen. Darf ihm gestehen, dass sie raucht – „Kaum zu glauben, dass ihr nie was gemerkt habt. Entweder rauchen oder mich mit Süßigkeiten vollstopfen ... ich glaube, ich hab mich fürs Richtige entschieden.“ -, darf sich beinahe hysterisch wundern, als auch Désiré sich einen Glimmstengel ansteckt, darf sich - und das ist in diesem Zusammenhang keine Kleinigkeit - von ihm verklausuliert seine Vaterliebe gestehen lassen. „Camilla, ich weiß, dass du mich eines Tages hier herausholst!“, sagt Tobias Moretti bei der Abschiedsumarmung und setzt, wieder ins Mikrophon gehaucht, als die Haupt unter Tränen abgegangen ist, hinzu: „Das war’s, Charlotte, wir werden uns nie wiedersehen.“

          Es ist unfair, ja, aber diese Inszenierung ist der Abend des Tobias Moretti. Wie lächerlich sein Désiré auch wirken mag, wie er da in Schlafanzug und Windeln, kurz auch im Feiertagsanzug, „schließlich feiern wir Geburtstag, nicht wahr?“ – wie ihm diese erste Person Plural auf die Nerven geht! – immer in dickgestrickten Socken herumtappelnd, Moretti meistert das mit Würde. Manchmal, um seine Krankheitsrolle zu wahren, verschafft er sich auch unmotiviert Luft, trifft aber zielgenau die Richtigen, wenn er etwa den – für uns unsichtbaren – Alt-Nazi als „Lagerkommandant Alzheimer“ anbrüllt und bedroht. Vor allem aber wird er unerwartet zärtlich, wenn in seiner Gedankenwelt seine einzige Geliebte Rosa zu Romeo wird. Da braucht er keine Pumphosen, da reichen die Windeln, um uns doppelt und dreifach an-, ja, zu Tränen zu rühren. Und das Ensemble flüstert Julias Text mit. Genau dafür lohnt sich der Ausflug ins Akademietheater. Großer Applaus.

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