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Luciano Pavarotti : Das hohe und das hohle C

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Ganz groß: Luciano Pavarotti Bild: AP

Wie aus dem Bäckersohn aus Modena ein Pop- und Superstar wurde: Luciano Pavarotti, der erfolgreichste Tenor der vergangenen fünf Jahrzehnte, feiert seinen siebzigsten Geburtstag.

          An diesem Mittwoch wird er siebzig Jahre alt, zwei Tage später will er in Stuttgart zum letzten Mal für deutsche Hörer singen. Im Internet werden vergünstigte Karten für „A Night to Remember“ angeboten - zu sozialverträglichen Preisen zwischen 57,50 und 277,50 Euro gibt es den „König des hohen C“, der sich seit langer Zeit im besten Fall mit dem hohen B bescheiden muß. Das Programm ist eine Wundertüte: „Alle großen Arien sowie weitere Stücke aus dem reichhaltigen Repertoire des Tenors“, dazu eine „herausragende Sopranistin“ und die Budapester Konzert-Philharmonie unter Leone Magiera.

          Mit der Frage, ob Luciano Pavarotti der größte Tenor der letzten fünf Jahrzehnte war, läßt sich die Welt der Melomanen in zwei Lager spalten. Unbestreitbar aber und unbestritten ist, daß er der erfolgreichste war: ein singendes Erotikon und die perfekteste Geldmaschine im Geschäft mit der „klassischen“ Musik. Sein Erfolg beruhte auf der Materialmagie der Stimme und dem ungewöhnlichen musikalischen Instinkt, der Pavarotti zu einer bemerkenswerten Technik verhalf; ohne die wäre diese Karriere, die 45 Jahre dauerte, nicht möglich gewesen.

          Genetisch prädisponiert

          Sie begann am 29. April 1961. Der Bäckersohn aus Modena - genetisch prädisponiert: sein Vater besaß eine prächtige Tenorstimme, litt aber unter Bühnenangst - hatte nach dem Gesangsstudium bei Ettore Campogalliani den ersten Preis bei einem Wettbewerb in Piacenza gewonnen. Der Lohn: eine Aufführung von „La Boheme“ im Teatro Municipale di Reggio Emilia. „Il Debutto di Pavarotti“ liegt erstaunlicherweise in Auszügen vor, weil der Schriftsteller Vladimir Nabokov einen Freund gebeten hatte, das Debüt seines Sohnes Dmitri in der kleinen Rolle des Colline zu dokumentieren.

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          Luciano Pavarotti : Das hohe und das hohle C

          Auf Rat des Tenor-Veteranen Alessandro Ziliani, seines ersten Managers, studierte Pavarotti vier Partien - den Herzog in „Rigoletto“, Edgardo in „Lucia di Lammermoor“, Alfredo in „La Traviata“ und Pinkerton in „Madame Butterfly“ - mit denen er erst in der italienischen Opernprovinz gastierte, dann auch in Wien und London, in Ankara, Budapest und Barcelona. Zwölf Aufführungen als Idamante in Mozarts „Idomeneo“ beim Festival von Glyndebourne führten zur „Sutherland Connection“. Die australische Koloratur-Diva Joan Sutherland wählte ihn für eine Tournee durch ihren Heimatkontinent.

          Instinktmusiker par excellence

          Es war ihre Meisterschaft, von der er, Instinktmusiker par excellence, lernte. Als er am 24. Juni 1967 neben ihr an der Covent Garden Opera die Partie des Tonio in Donizettis „La Fille du Regiment“ sang, in einem phonetisch gelernten Französisch, verstreute er in der Arie „Ah, mes amis“ seine hohen C wie Reiskörner bei einer chinesischen Hochzeit. Wenig später erschienen seine ersten Solo-Platten, auf denen er die hohen C so lange hielt, daß man selbst beim Hören das Weiße in seinen Augen sieht.

          Bei seinem Debüt an der Met am 23. November 1968 - einmal mehr als Rodolfo in „La Boheme“ - mußte er, weil indisponiert, einen Rückschlag verkraften. Im Oktober 1970 konnte er sich zwar rehabilitieren, aber das Riesenrad des Ruhms begann sich erst rascher zu drehen, als er erneut in der Rolle des Tonio seine Salven mit neun hohen C abfeuerte.

          Die Hörer in der Met und in sieben anderen amerikanischen Städten erlebten, was der Titel der Arie verspricht: „Ah! mes amis quel jour de fete“. Auf der Klangbühne, wo er dank seines charakteristischen Timbres immer sichtbar ist, brillierte er als Herzog in „Rigoletto“ und als Edgardo in „Lucia di Lammermoor“ (1971 unter Richard Bonynge), dann als Rodolfo in „La Boheme“ (1972 unter Herbert von Karajan).

          Ausgestorben geglaubter Sängertypus

          Ein ausgestorben geglaubter Sängertypus war zurückgekehrt: der elegante, jünglingshafte romantische Tenor mit dem strahlenden und sexuell ambivalenten Klang des erotischen Knaben; der Sänger der schwärmerischen Empfindungen und der stratosphärischen Höhenflüge, in denen sich Arturo in Bellinis „I Puritani“ ergeht.

          In der Uraufführung hatte Giovanni-Battista Rubini, Urbild des modernen Tenors, in der Romanze „A te o cara“ das hohe D und in der Finalszene sogar das F - eine Quarte über dem hohen C - gesungen. Als Pavarotti, von seinem PR-Strategen Herbert Breslin beraten, sich 1976 an der Met dem Wagnis dieser Rolle stellte, widmete ihm das Magazin „Newsweek“ in Anspielung auf „The Great Caruso“ eine Titelgeschichte: „The Great Pavarotti“. Beschrieben wurde darin ein monstre sacre: einerseits der unersättliche latin lover und spaghettivernichtende Gargantua, andererseits ein Götterbote.

          Endlich haben wir IHN gefunden

          Als Giacomo Puccini im Jahr 1896 den jungen Caruso hörte, soll er gerufen haben: „Wer hat dich geschickt - Gott?!“ Als der junge Benjamino Gigli 1913 bei einem Wettbewerb siegte, kabelte Alessandro Bonci, der Leiter der Jury: „Endlich haben wir IHN gefunden - den Tenor.“ Aus solchen Berichten nährt sich der Mythos des Tenors als eines Wesens, das nicht von dieser Welt ist. Pavarotti wurde zum Wiedergänger. Als „Opera's Golden Tenor“ lachte er 1979 vom Titel des Magazins „Time“. Er war überlebensgroß geworden, sie nannten ihn mal Big P., mal Lucianissimo und manchmal auch, recht anzüglich, „deep throat“.

          In den Jahren zuvor hatte er das Fach wechseln müssen. Mit über vierzig Jahren war er zu alt für die romantischen Jünglingsrollen, denen auch seine XXXL-Kostüme nicht entsprachen. Mit seiner unverändert lyrischen Stimme sang er dramatische Partien von Verdi - Manrico in „Il Trovatore“ und Radames in „Aida“ - ebenso wie die Helden in den Opern von Pietro Mascagni, Ruggiero Leoncavallo, Umberto Giordano und Giacomo Puccini, die von ihren Liebesqualen in der „aria d'urlo“, der „Arie mit dem Schrei“, künden. Er hat sich nicht leicht getan mit diesem antikischen Heldenjammergeschrei und einige Zeit gebraucht, um sich aus einem stimmlichen Tief herauszukämpfen.

          Do-re-mi-fat

          In den achtziger Jahren war er mit Opernauftritten sparsamer als beim Essen; jede Diät wurde von Magazinen genüßlich protokolliert: „do-re-mi-fat“. Sein Manager Breslin ersann eine neue Strategie: Konzentration der Mittel und Expansion der Wirkung. Am 12. Februar 1978 hatte Pavarotti in der Carnegie Hall das erste amerikaweit im Fernsehen übertragene Recital gegeben - mit sensationellem Erfolg. Was ihm auf dem Bildschirm gelang, war ein Flirt mit zwölf Millionen Zuschauern.

          Berühmter als er war keiner. Er lächelte für American Express, gab „Playboy“, „Time“, „Stern“ und auch der „Brigitte“ exklusive Interviews, stand mit John McEnroe auf dem Tennisplatz, posierte als Hobby-Maler vor der Staffelei und entwickelte sich zum virtuosen Schauspieler einer Doppelrolle: Er spielte den großen Tenor - und zugleich dessen Zerrbild, schweißüberströmt, mit einem tischtuchgroßen Taschentuch in der linken Hand, enthusiastisch lächelnd.

          Pavarotti Inc.

          Typisch, daß gerade die Magazine, die das Monumentalgemälde des Grandissimo gemalt hatten, ihn alsbald als „Pavarotti Inc.“ oder als „ego-driven performer“ verurteilten. Seiner Massenwirkung konnte diese Kritik nichts mehr anhaben. Sein Ruhm erreichte einen neuen Gipfel, als die BBC einige Wochen vor der Fußballweltmeisterschaft in Italien bei der Suche nach einem Siegessong auf die nächtliche Hymne des Kalaf aus Puccinis „Turandot“ stieß. Sie endet auf dem Wort „vincero“, „ich werde siegen“. Endet auf einem hohen H, das zwar als kurze Durchgangsnote geschrieben ist, von Pavarotti aber in der knapp zwanzig Jahre zuvor entstandenen Aufnahme der Oper sechs Sekunden lang gehalten wird. Alsbald erschien Pavarottis Gesicht bartumrahmt, die strahlenden Augen von dichten Brauen bebuscht, die Zähne glitzernd, mit einem kußrunden „vin-ceeeeeeee-roooooo“ auf den riesigen Bildwänden.

          Am Tag vor dem Endspiel fand er sich in den Thermen des Caracalla mit den beiden anderen führenden Tenören zu einem höheren Jux der Kunst zusammen: mit Jose Carreras, der seine Leukämie-Erkrankung überwunden hatte, und mit Placido Domingo. Mario Dradi, der italienische Manager von José Carreras, hatte die drei Sänger mit einem „flat fee“ geködert: 300 000 Dollar, damals eine exorbitante Summe im Klassik-Geschäft. Vor lauter Entzücken über die höchste Gage ihres Lebens vergaßen die Sänger, ihre Finanzberater und Vertragsanwälte zu Rate zu ziehen. Die CD wurde elf Millionen Mal verkauft, und es waren Manager Dradi und die Plattenfirma Decca, die Millionen scheffelten.

          Das Trauma von Carreras

          Die Firma soll, wie Herbert Breslin später in „The King & I“ berichtete, den wütenden Pavarotti mit 1,5 Millionen Dollar besänftigt und damit Placido Domingo in Rage versetzt haben - der Spanier bekam weniger; er habe, wie Breslin insinuiert, stets unter dem Trauma Pavarotti gelitten.

          Beim Drei-Tenöre-Dacapo im Dodger Stadium von Los Angeles im Jahr 1994 ging es nicht mehr um ein 300 000-Dollar-Trinkgeld. Wie bei einer Versteigerung überboten die Firmen einander, um die neue CD herausbringen zu können. Jeder der drei Tenöre soll zwei Millionen Dollar erhalten haben, der Dirigent Zubin Mehta nur eine Million. Auch wenn es den Gesetzen der Marktwirtschaft widerspricht: Beim Ausverkauf stiegen die Preise.

          Fortan sangen die drei überall in der Welt und „Vincero“ im Terzett. Breslin, der die Leitern für Pavarottis Abstieg in den Ruhm aufgestellt hat, richtete später den Scharfblick des Hasses auf den berühmtesten seiner Klienten. Er beschreibt ihn als faulen, gierigen, verfressenen, lüsternen Burschen; als einen Sänger, der unfähig oder zu faul ist, neue Rollen zu lernen, und überdies anfällig für jeden nur denkbaren Obskurantismus; er bedient sich der billigen Mittel der biographischen Bescheidwisserei - und oft auch des infamsten Innuendo über sexuelle Affären und steuerliche Tricksereien -, um den Star vom Sockel zu stürzen.

          Vom Sänger zum Clown

          Auch wenn diese Karriere ein Abstieg war, vom Sänger zum Clown, vom Können zum Ruhm, hat Pavarotti doch seine sängerischen Qualitäten erstaunlich lange konserviert. „Ohne Stimme“, so sagte er, „ist man nichts, mit Stimme ist man längst noch nicht wer.“ Seine Stimme hatte wenig von ihrem Zauber verloren, als er sie für den faulen Zauber der Arena-Konzerte auszubeuten begann.

          Auch in den achtziger und in den frühen neunziger Jahren hatten sich ins Gesicht der Stimme nur wenige Altersfalten eingegraben. Nur Connaisseurs merkten, daß er die korrekte Lautung der Vokale zugunsten eines indifferenten Mischklangs - von Phoniatern als „Schwa-Laut“ bezeichnet - preisgab; oder wie schwer es ihm fiel, eine hohe Note sauber und ohne ein heftiges Nachstoßen von Luft zu beenden. Aber auch wenn die Kronjuwelen - die hohen Töne - nicht mehr funkelten wie einst, so blieb der Pavarotti-Klang lange erhalten.

          Und die Bilanz dieser von Weltruhmesglanz besonnten Karriere? Luciano Pavarotti hat sich zur Stimme der Globalisierung gemacht.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.10.2005, Nr. 40 / Seite 28

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