http://www.faz.net/-gqz-8kp07

Musikfestival von Luzern : Leiten Frauen ein Orchester anders als Männer?

  • -Aktualisiert am

Frauenpower in Luzern: Elena Schwarz dirigiert, Della Miles singt und Olga Neuwirth hat das Stück geschrieben. Es heißt „Eleanor“. Bild: Priska Ketterer/ LUCERNE FESTIVAL

Wenn die Primadonna den Takt vorgibt: Das Lucerne Festival stellt bei einem „Erlebnistag“ mit fünf Konzerten Verhaltensnormen, Vorurteile und Erscheinungsbilder zur Diskussion.

          Können Frauen komponieren? Die Frage sorgte noch in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts für hitzige Diskussionen, und es brauchte erst den empirischen Beweis sogenannter Frauenmusiktage, um sie als erledigt abzuhaken. Aus den leicht sektiererischen Anfängen ist inzwischen leidliche Normalität geworden, und die Entwicklung geht weiter. Dabei handelt es sich um ein vorwiegend westeuropäisches Problem. Im kommunistischen Osten, wo die Frau schon immer in die Arbeitswelt eingebunden war, gab es bereits vor Jahrzehnten Komponistinnen von internationalem Ruf; die Polin Grażyna Bacewicz, die Rumänin Myriam Marbe oder die Russin Sofia Gubaidulina sind nur einige von ihnen.

          Und bereits 1968 gründete in Posen die Dirigentin Agnieszka Duczmal eine Orchesterformation, das heute rundfunkeigene „Amadeus-Kammerorchester“; sie war auch die erste Frau, die das Orchester der Mailänder Scala dirigierte. Rennt deshalb das Lucerne Festival offene Türen ein, wenn es in diesem Jahr unter dem Motto „PrimaDonna“ den Akzent auf die Rolle der Frau in der Musik legt? Die Frage wäre berechtigt, ginge es um die Errichtung neuer Schutzzonen für angeblich benachteiligte Komponistinnen und Interpretinnen.

          Mit eiskalter Geschmeidigkeit

          Man kann das Motto aber auch andersherum lesen, nämlich als Zwischenbilanz einer doch recht erfolgreichen Entwicklung. Einen Hauch von Schulterklopfen hat aber auch das. Eine Geigerin wie Arabella Steinbacher, die nun als prima inter pares zusammen mit den Festival Strings Lucerne die tausendfach abgespielten „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi zu einem funkelnden musikalischen Fest werden ließ, hat positive Diskriminierung nicht nötig. Wie viele andere hat sie ihre Weltkarriere ganz ohne Girlie-Effekt und Frauenbonus, nur dank ihrer hohen musikalischen Intelligenz gemacht.

          Bei den Dirigentinnen, denen man nun in Luzern einen „Erlebnistag“ mit fünf von Frauen geleiteten Konzerten widmete, sieht das noch etwas anders aus. Weibliche Orchesterchefs lassen sich an einer Hand abzählen, und wie bei einer Podiumsdiskussion zu erfahren war, blitzen Dirigentinnen meist bei den Orchestern und ihren Managern ab. Was nicht weiter erstaunt, denn wer einmal beobachtet hat, mit welcher eiskalten Geschmeidigkeit Orchestermusiker die Anweisungen eines Dirigenten, dessen Nasenspitze ihnen nicht passt, an sich abperlen lassen, kann sich vorstellen, was eine aufstrebende Dirigentin da erwarten kann.

          Irritationen durch erotische Ausstrahlung

          Das Lucerne Festival hat nun gezeigt, dass es auch anders geht, und damit eine Bresche in die festgefügten Fronten geschlagen. „Statt zu diskutieren, haben wir es nun einfach einmal gemacht“, sagt der Festivalindendant Michael Haefliger. Er verweist auf die hundertfünfzigjährige kollektive Erfahrung der Männer und schiebt eine kluge Bemerkung nach: Männer und Frauen sollten sich gegenseitig inspirieren - eine deutliche Absage an jedes Sektierertum. Das Eindringen der Frauen in diese traditionelle Männerbastion setzt ein beträchtliches Veränderungspotential frei und wirft grundlegende Fragen auf: Was ist anders am weibliches Dirigieren? Wie verändert sich die Musik? Wie stark muss sich die Frau den männlichen Verhaltensnormen anpassen, um mithalten zu können?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.