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Lucerne Festival 2010 : Am Nabel der Musikwelt

  • -Aktualisiert am

Nina Stemmle (Leonore) und Jonas Kaufmann (Florestan) in Tatjana Gürbacas „Fidelio”-Arrangement Bild: Georg Anderhub

Richard Wagners „Wesendonck-Lieder“ und Ludwig van Beethoven „Fidelio“ stehen im Zentrum des diesjährigen Lucerne Festvials. Claudio Abbado dirigiert und interpretiert bezwingend, während Matthias Pintschers Wagner-Ton etwas zu feinsinnig wirkt.

          Unbehelligt vom Touristenandrang steht in einer kleinen Luzerner Gasse die frühere Bierhalle „Dubeli“. Das einstige Lieblingslokal Richard Wagners, der es sich von 1849 an im Zürcher Exil, später in seiner Villa in Tribschen bei Luzern dank der großzügigen Unterstützung Otto Wesendoncks und des Bayernkönigs Ludwig II. recht gut gehen ließ, wird heute immer noch mit großem Stolz geführt.

          Grund dafür ist freilich nicht der historische Stammgast. Vielmehr eröffnete hier vor fünfundvierzig Jahren ein chinesisches Restaurant, das, schenkt man dem Personal Glauben, kaum minder berühmt ist und bei dem es sich um das erste asiatische Lokal in der Schweiz handeln soll. Nach dem Zukunftsmusiker zog hier also die Zukunftskulinarik ein. Die Brücke zwischen beiden schlägt die Dekoration, die in den alten, holzgetäfelten Räumen zwischen chinesischen Lampions auch ein Wagner-Porträt prangen lässt.

          Wagner in der Schweiz: Das war eine ungemein produktive Periode im Schöpferischen wie im Privaten. Hier ließ er sich von der Frau seines Gönners, Mathilde Wesendonck, zur Komposition der „Wesendonck-Lieder“ inspirieren, die jetzt einen Höhepunkt der Eröffnungskonzerte des diesjährigen Lucerne Festivals bildeten. Hier wurde 1859 auch der „Tristan“ vollendet, auf den die Lieder im Kern vorausdeuten, sowie Teile des „Rings“, in den Natureindrücke von Wagners zahlreichen Bergtouren eingingen.

          Halbszenisches Eröffnungskonzert: Claudio Abbado dirigiert „Fidelio”

          Auch das Szenische hat hier einen Ort

          Nach der Wesendonck-Affäre wandte sich Wagner der zunächst noch anderweitig verehelichten Liszt-Tochter Cosima zu, zeugte Kinder mit ihr und heiratete sie schließlich in Luzern. In der Wagner-Villa in Tribschen, die heute ein Museum beherbergt, schlug dann 1938 auch die Geburtsstunde des Lucerne Festivals, als Arturo Toscanini auf der Treppe vor dem Haus in einem „Galakonzert“ ein Eliteorchester dirigierte und das in Tribschen komponierte „Siegfried-Idyll“ Richard Wagners aufführte.

          Heute fühlt sich Luzern im Sommer als Nabel der Musikwelt. Längst drängt das Festival über eine bloße Serie prominenter Symphoniekonzerte hinaus, hat neben einem Schwerpunkt auf der Moderne und neben der ambitionierten, von dem unermüdlichen Pierre Boulez geleiteten „Festival Academy“ auch das Szenische hier seinen Ort - dieses Jahr mit gleich vier Produktionen, die freilich alle keine Musiktheaterproduktionen im strengen Sinne sein wollen, sondern sich eher als imaginative Ergänzungen des Hörbaren verstehen: Die rein konzertante Aufführung wird durch semiszenische Konzepte, Videoinstallationen oder Tanz erweitert.

          Den Auftakt machte jetzt Claudio Abbado mit einer halbszenischen Aufführung von Beethovens „Fidelio“ zu einer Bühnenidee und neuen Dialogen der jungen Regisseurin Tatjana Gürbaca. Ob sich ausgerechnet diese Oper - diese Hymne auf die eheliche Liebe, dieser ethisch-moralische Entwurf über Unterdrückung und Freiheit, diese symphonische Kantate hochstehender Ideale, in der es vor allem um Treue und Hoffnung geht - so glücklich zum Motto der diesjährigen Festspielsaison fügt, die mit „Eros“ überschrieben ist, sei dahingestellt.

          Abbado interpretiert Beethoven dramatisch bezwingend

          Denn mit jener Idee einer Kunst, „die Erotisches unverschlüsselt übermittelt“, wie Nike Wagner sie in ihrer klugen Eröffnungsrede entwickelte, mit Musik als dem „einzigen Medium, das die elementare Kraft und Kreativität des Eros, seine Verwandlungen, Ekstasen, Finessen und auch sein Chaotisches unmittelbar ins Präsenz holt“, mag man alles Mögliche assoziieren - noch bevor man einmal an das Beethovensche Freiheitspathos gedacht hat.

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