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Luc Bondys „Helena“ Die Phantome der Kriegmacher

11.06.2010 ·  Die Frau, derentwegen das große trojanische Gemetzel in Gang kam, war nur ein Luftbild: Luc Bondy inszeniert in Wien die „Helena“ von Euripides und Handke als Frau zwischen Zank-Göttern und Männern. Schauspielerin Birgit Minichmayr schnaubt diese Zumutungen einfach weg.

Von Gerhard Stadelmaier, Wien
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Was ist schon ein Name? Schall. Rauch. Solange aber der Name zu einer Person gehört, mit ihr lebt, leidet, blutet, liebt und lacht, sind Verwehbarkeit und Sterblichkeit (bitte, in Ausnahmefällen auch Unsterblichkeit) zu ertragen. Die junge Frau aber, die im Wiener Burgtheater in einer Art lang und weich fließender antiker Designer-Toga mit hochgestecktem Haar und makellosem Make-up neben einem Erdhaufen vor einer Bodenluke sitzt, in die Treppenstufen wie zu einer Gruft hinunterführen, kündet vom ganz und gar Unerträglichen. Sie sitzt hier auf der ägyptischen Insel Pharos, vor siebzehn Jahren von einem Gott hierher entführt, während ihr Name, Helena, in Form eines Phantoms, eines Luftbildes, eines Eidolóns, vom Prinzen Paris nach Troja entführt wurde. Darauf brachen Helenas Mann Menelaos, dessen Bruder Agamemnon und die anderen griechischen Heerführer (Odysseus, Achill et al.) den großen vaterländischen Trojanischen Krieg vom Zaun, mit Tausenden von Toten, Frauen und Kindern darunter, Dahingemetzelten, wahnsinnig Gewordenen, Zerschundenen. Wegen nichts und wieder nichts. Um ein Wortluftgebild, das Paris in sein Bett holte. Und gar nicht merkte, dass er etwas Unwirkliches umarmte, wenn er dem Menelaos von fern her Hörner aufsetzte.

Arrangiert hatte die Trennung von Frau und Phantom die Göttin Hera, die der Aphrodite den Triumph nicht gönnte, beim himmlischen Schönheitswettbewerb unter den Göttinnentopmodels von Paris einst den Siegesapfel überreicht bekommen zu haben, worauf bekanntlich Aphrodite dem Paris die Helena, schönstes Weib auf Erden, versprach. So wurde Helena zum Spielball. Der Götter. Ein kleiner, ohnmächtiger Frauenmensch als Preispokal, hin und her geschubst auf dem Schachbrett der Höhermächtigen. Nach deren Laune zertrennt, zerspielt, manipuliert.

Zwischen Komödie und Schizo-Tragödie

Und als unendlich lebenslang genervtes, sanft rotziges, aber penetrant trotziges Aufbegehren gegen solch höhere Lenkung und Leitung spielt die Schauspielerin Birgit Minichmayr die unterdrückte, mühsam an der resignierten Tobsuchtsgrenze gebändigte Lebenswut dieser jungen Frau, die sich fragt: Wer bin ich denn nun - ich oder ich? Bin ich hier wirklicher, wo ich nichts bewirke außer Warten? Oder in Troja, wo mein Nicht-Ich alles bewirkt, was schrecklich ist? Die Schauspielerin, der man zutrauen würde, jeden Gott, der sie irgendwohin entführen wollte, mit ein paar kehlig verschluckten Aggressionslauten, über alle Stimmbandreibeisen geschleift, in die Flucht zu schlagen, hat hier ihre Figur nur erst einmal geparkt. Man wird noch sehen, was man an ihr hat.

Es ist eine Situation zwischen Antiken-Operette - man vermeint dazu Jacques Offenbach in spritzigstem Weh-Moll zu hören - und Antiken-Moderne. Zwischen Komödie und Schizo-Tragödie: Eine Person taucht zum ersten Mal in der Dramatik als Zweiheit auf. Als Maske, von der das Gesicht abgegangen ist. Dass „Helena“ antike Gewänder trägt, sollte nicht hindern, sie als eine von uns zu betrachten. Schließlich ist auf dem Theater nichts leichter als eine Umkostümierung. Dass sie nicht häufiger gespielt wird, kann nur mit der Haupttodsünde der Dramaturgen, der Trägheit, erklärt werden. Nicht umsonst hat Euripides, der modernste und kühnste und frauenverständigste der antiken Dramatiker, diesen Gegenentwurf der ägyptischen Helena zum trojanischen Vorwurf 412 vor Christus gewagt, als Athen einen blutigen, vernichtenden, sinnlosen Krieg auf Sizilien verloren hatte, Anfang vom Ende der attischen Herrlichkeit.

Manipulation und Blendung

Dazu ist „Helena“ sozusagen das bittergiftige tragödische Satyrspiel. Luc Bondy hat im Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann den Krieg nicht unterschlagen und einen Branko Samarovski als hinkenden, griechischen Versehrten-Boten an zwei Krücken zynisch sich durch die Szene schleppen lassen, das Satyrspiel aber in das Terrain verlegt, das er beherrscht wie kein Zweiter: die Begehrensgegend zwischen Seelen und Körpern. Die göttliche Sphäre der Manipulation und Blendung ist mittels einer langen magisch glühenden Lichtschnur präsent, die vom Olymp des Burgtheaterzuschauerraums bis in den Bühnenhintergrund gespannt ist.

Die Bühne selbst ist leer und weit, hinten rechts ein Boot, mit dem der aus dem Trojanischen Krieg heimkehrende Menelaos, der die verhasste ehebrecherische Phantom-Helena von dort mit sich führt, auf Pharos gestrandet ist und hier jetzt der wahren Helena begegnet, die ihm treu war über siebzehn Jahr', vom alten Pharos-König behütet und beschützt, nach dessen Tod vom brutalen griechenhasserischen Königssohn Theoklymenos begehrt. Helena - nicht nur die Frau zwischen Zank-Göttern, auch noch die Frau zwischen Männern. Birgit Minichmayr schnaubt diese Zumutungen der Helena zuweilen weg wie eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.

Sonnenbrille, Klatschnasshaar und Kalaschnikow

Linker Hand ein hoher Bücherregalturm, davor ein halbes Dutzend Bibliothekspulte mit Leselampen, an denen der Chor kurzröckiger schnippischer College-Girls die uralte, aber seltsame Geschichte ausgräbt, kommentiert, belacht, bekichert, bekakelt, sich intrigierend auch ins Spiel mischt, von Theoklymenos schenkelsuchend begrapscht, der in schwarzer Judokämpferkluft mit Sonnenbrille, Klatschnasshaar und Kalaschnikow den fremdenfresserischen Minidiktator einer Bananenrepublikinsel gibt, aber für ein bisschen Liebe sich auf jeden blöden Handel einlässt: Johann Adam Oest spielt ihn, als habe er eine schartige Macho-Rasierklinge in Schmier- und Salböl getaucht.

Bondy gräbt die ungespielte zweieinhalbtausend Jahre alte „Helena“ nicht einfach aus. Er zeigt seine Ausgrabungsinstrumente vor: Distanz und Ironie, Operettenspaten und Farcenkehrwisch. Nicht aber brutal denunziatorisch. Sondern liebend leicht. So umbaut er den Euripides mit Gegenwartsinteresse. So wie Peter Handke, unser Dichter mit dem Großen Graecum, seine Neuübersetzung aus dem Altgriechischen auch umbaut: einerseits mit betonten Umständlichkeiten, der aus dem „göttlichen Truggebild“ einen „bloßen Anschein, gottgeschickter“ bastelt, aus der Tatsache, dass seitdem niemand mehr den Menelaos gesehen habe, „und ab da - kein Augenzeuge“ macht, aus dem schneeweißen Schwan, als der Zeus einst die Leda, Mutter der Helena, begattete, einen „schneeig dahergeflügelten“ bildet, für den dann auch ein einfacher „gedungener Scherge“ ein „Rudergänger des Bösen“ ist, aus einer guten Zukunft aber gleich „es sei die Wende!“ wird. Einerseits überhöht Handke, andererseits untertreibt er: So spannt er den Euripides in eine unaufhörliche Bewegung zwischen Höhe und Tiefe. Ein kurviges Oszillieren, das am Schmock wie am Witz partizipiert.

Räudiger Herren-Zausel

Wo die Sprach- und Sprechkurve aber zu sich kommt, das Drama sich findet, der Krieg sich in die Herzen und Hirne verlagert, wo ja er auch die schlimmsten Verheerungen anrichtet, inszeniert Bondy das Ehekammerspiel eines wundervollen, scheuen unverhofften Wiedersehens eines Paares, von dem der Mann eine böse, ehebrecherische Frau vermutet, um deren Trugbild er Blut, Tod und Not und Irrfahrten erlitt und anrichtete, die Frau aber nichts hat als ihr treues, scheues, irres Sehnen nach dem Mann, dem einzig geliebten. Ernst Stötzner kommt als Menelaos, abgerissen, halb nackt an Helenas Insel gespült mit nur einem zerrissenen Segel als Wams, daher wie ein ratloser, tapsiger, verwirrter Suchender, der diese fremde, ihm nur zu wohlbekannte Frau, die ihm plötzlich Brust und Schoß und Lippen und Kopf und Stimme anbietet wie Geschenke, deren Kostbarkeit er gar nicht ermessen kann, umkreist und befragt und beäugt und abschätzt wie ein Kapital, das ihm Zinsen abwirft, auf die er nicht gefasst war.

Ein soignierter, leicht räudig gaumiger Herren-Zausel, der dauernd eitel, „Aber ich in Troja!“, sich seiner Ruhmestaten vergewissern muss, als hätte er sonst keinen Halt, aber zur fremden, ureigenen Frau wieder greift wie nach einem Rettungsring, dessen Dichte - Warst du mir auch wirklich treu? Nie in einem anderen Bett? - er skeptisch testet, während Helena in Tränen wie in Wutseufzern ganz sicheres Gefühl, ganz harsche, unbedingte Liebe ist, die aus diesem unmöglichen alten, durch Götterschuld entzweit-verletzten Paar wieder ein heiles Paar machen will, komme, was da wolle.

Operette! Kammerspiel! Zaubermärchen!

Es kommt eine tolle Intrige: Menelaos tut so, als wäre er ein Bote, der vom Tod des Menelaos berichtet, worauf der König glaubt, er könne jetzt Helena endlich heiraten, diese aber eine rituelle Seebestattung ihres fremd Verblichenen samt Schiff und Opfergaben verlangt, was der verliebte König sofort gewährt, worauf Menelaos und Helena samt Schiff und Mannschaft abhauen. Operette! Aber auch daraus, aus den Versuchen des Königs, Helena zurückzuhalten, macht Bondy einen Tanz der Berührungen und der Sehnsüchte. Kammerspiel!

Durch beides windet sich Andrea Clausen als die wahrsagerische Priesterinnenschwester des Königs in Form einer am Boden kriechenden und robbenden glatzköpfigen Schlange. Zaubermärchen! Während Libgart Schwarz die königliche Hausbesorgerin und Chorgouvernante als sonnenbebrillten preziösen Hausdrachen daherfaucht. Lustspiel! Am Ende stürmen der Barbarenkönig, die College-Chor-Girls, die Schlange und der Drache leise den Bibliotheksturm und greifen nach den alten Büchern und Geschichten und buchstabieren sie leise und fasziniert nach. Traumspiel! Von was sie lesen, ist ein großer Krieg und eine große Liebe. Die Liebe aber ist größer als der Krieg. Das ist das Versprechen des Euripides. Luc Bondy hat es eingelöst.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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