Wenn das Theater gar nichts mehr mit sich anzufangen weiß, wenn schlechte Regisseure und deshalb von allen guten Geistern verlassene Schauspieler keinen Begriff von einer Welt mehr haben, die ihre Bretter und ihre Kunst noch bedeuten könnten - dann flüchten sie sich gerne ins Theatertheater. Dann lassen sie vor der Brandmauer einen großen, roten Samtvorhang Falten werfen, der so tut, als gehe es erst irgendwo dahinten in einen Zuschauerraum hinaus, zeigen Züge, Kulissen, Requisiten, Garderoben und einen Leuchtkörper über einer Hinterbühnentür, auf dem „Bitte Ruhe“ steht. Dann haben sie auch ihre Ruhe: vor Gott und der Welt. Dann suhlen sie sich im selbstbezüglichen „Wir spielen ja nur“. Es ist das Theater der Feiglinge - vor dem Theater.
Eine solche Feigheit hat man jetzt im Wiener Akademietheater erlebt. Dort hat der große, feine, stets auch bewunderte und geliebte Regisseur Luc Bondy mit den an sich ganz guten Schauspielern Dörte Lyssewski und Jens Harzer das neue Stück von Peter Handke uraufgeführt. Es heißt „Die schönen Tage von Aranjuez“. Es spiele, so träumt es sich der Dichter Handke, „außerhalb gleichwelcher Aktualität“, sei „mehr Ahnung als Gegenwart“: im „Freien, unter dem Himmel“, im Sommerwind, an einem Tisch. Da säßen ein Mann und eine Frau. Und spielten das Liebesspiel vom Fragen.
Mehr Poesie als Fleisch
Fragte sich Handke in seinem letzten, fabelhaften historisch dramatischen Gedicht „Immer noch Sturm“, wie das denn war mit seinen slowenischen Vorfahren, ihren Kämpfen und Sehnsüchten und Niederlagen, und wie sie zu einem zartwutbitteren Familien-, Zeit- und Sittengemälde zusammenfließen könnten, bevor jede Erinnerung daran entschwinde - so lässt er in den „Schönen Tagen von Aranjuez“ ein Paar ein letztes Sommermärchen erleben. Bevor der Herbst und der Winter und der Tod kommen. Alarm- und Ambulanzsirenen und ein paar ferne Detonationen kündigen ihn schon an. Letzte Fragen: Wie war das mit der Liebe? Wie kam es dazu? Was bedeutete sie? Wie viele Männer hattest du? Was hast du empfunden? Der Mann fragt, forscht nach der Frau. Sie antwortet, erforscht sich. Sie träumt erinnernd von Liebe, auch von solcher Liebe, wie sie in Filmen oder im Theater, in „Endstation Sehnsucht“ und „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, vorkommt, er von Landschaften, Früchten, platzenden Blüten, den Tönen von Schmetterlingsflügeln, den wilden Johannisbeeren in den Wäldern rund um Aranjuez.
Zwei typisch schöne, süßleidige Handke-Figuren. Etwas rätselhaft. Etwas flirrend. Etwas unwirklich. Etwas kitschig. Etwas peinlich. Doch sind sie mehr Poesie als Fleisch. Deshalb auch haben sie Anspruch auf jedwede Peinlichkeitsentlastung. Zwei Verdichtete. Sie ganz Seele. Er ganz Auge. Beide ganz Sprache. Blühende, sich wölbende, in Bildern sich selbst erklärende und erlösende schöne Sprache.
Die Sprache ist schön, das Theater matt
Man müsste die beiden nur sitzen, sprechen und träumen lassen. Und wenn sie leichthüftig, fast schwebend säßen, klar, innig und geheimnistoll sprächen und noch besser träumten - dann ergäbe sich auf der Bühne alles von allein. Und es wäre Sache phantastischer Regie und Schauspieler, das Sommerliebesmärchen in eine fulminante Atmosphäre von Anziehung und Sehnsucht zu ziehen, von Sprechakten, die Liebesakte sein könnten, von erinnerter Erzählung, die zu einem wundersam gegenwärtigen Liebesabenteuer nur der gegenseitigen begehrenden Blicke und eifersuchtsschwirrenden Untertöne werden könnte. Kurz: zu einer Theaterangelegenheit Luc Bondys, des Meisters derartiger Zwischenmenschenseelentöne. Und es entstünde eine eigene, fremde Welt. Geschaffen vom Theater.
Doch im Wiener Akademietheater sitzen zwei Schauspieler auf der Theater-im-Theater-Hinterbühne, die offenbar gerade eine Aufführung von Schillers „Don Carlos“ (womöglich wegen den „Schönen Tagen von Aranjuez“ im Stücktitel) hinter sich haben. Dörte Lyssewski im langen schwarzen Puffkleid mit weißer Halskrause hat wahrscheinlich gerade die Elisabeth hinter sich und raucht Kette, Jens Harzer mit schwarzer Unterhose, schwarzen Strümpfen und weißer Halskrause (sonst nichts) hat den Marquis Posa hinter sich, dessen Malteserritterrüstung er auch mal überzieht, und raunzt Kette. Sie mehr Zicke. Er mehr Schnösel. Beide ziemlich angefressen. Sowohl vom Ort als auch von den Umständen. Es ist, als ob beide sich etwas schämten für das, wozu Bondy sie hier missbraucht.
Denn hier dürfen sie sich nicht ins Offene, Freie, Sommerliche träumen und sprechen. Hier müssen die beiden so tun, als dächten sie sich ein eigenes Stück aus, das irgendwie „Vögeljahre oder Warum ich wie mit wie vielen Männern schlief und warum es dich verrückt macht“ oder so ähnlich heißen mag. Bondy inszeniert nicht „Die schönen Tage von Aranjuez“ seines Freundes Handke, sondern in seltsamer Feigheit vor dem Freund sein Misstrauen, seine Ratlosigkeit vor dessen Stück. Er treibt’s in den Muff und den Anekdotenstaub eines Theaters-im-Theater. Und versagt gerade dadurch dem Theater, was des Theaters wäre: die Herstellung einer eigenen, phantastischen Welt. Hier aber schmort’s nur im eigenen, drögen Saft. Es kommt kein Sommer, kein Tod, keine Liebe. Hier kommt allenfalls noch die Kantine. Ein Debakel.
Mit Harzer kommt es noch härter
Weil ja außer Sprache und Sprechen und Träumen bei Handke nichts passiert, muss Bondy dauernd was passieren lassen, sonst hätte ja sein Hinterbühnen-Trick keinen Zweck. Also muss Dörte Lyssewski zum Beispiel am Boden kriechen, wenn sie von einer Raupe spricht - wie im Kindergartentheater. Und weil ihre Figur das kosmische, weltumfassende Liebes-Urerlebnis als Kind auf einer Schaukel hatte, schaukelt hie und da ein Mädchen durch den Spalt des roten Theatervorhangs hinten. Und weil weder ein Elisabeth-Kostüm noch eine Harzer-Unterhose abendfüllend sind, ziehen die beiden sich um, sie schlüpft in ein dünnes, lindgrünes Kleid, er in einen Geschäftsanzug. Er nimmt hie und da eine Axt in die Hand, weil Männer auch gewalttätig sind, haut mit einem Federballschläger in die Luft, weil Männer auch Luftikusse sind, setzt sich einen Indianerhäuptlingsfederschmuck auf, weil Männer auch mal Wilde sind, dieweil sie sich schlängelt und reckt und kauert, während sie ihre Männergeschichten schnell und pausenlos plappernd abspult. Lauter Verlegenheiten, szenisch hilflose Beschäftigungsmaßnahmen.
Harzer lässt seinen üblichen Mephisto-Jaul-und-Nöhlmotor auf gaumig krähenden Hochtouren laufen, als wolle er sich nicht wie sonst elegant arrogant über eine Rolle erheben, sondern unter ihr durchrasen, ihr aber zugleich tückisch in den Hintern treten. Man fühlt ihm sein Angefressensein über das völlig sinnlose Regie-Arrangement zu jedem Moment an. Während Dörte Lyssewski etwas manierlicher, aber kaum besser gelaunt sich wegwindet, kühl, schnell und schlau. Dass da eine eigenemanzipierte Frau sich gegen alle anderen zwangsemanzipierten Frauen „von damals“ stellt, die sich nur als Geschlechtskämpferinnen verstanden hätten und „die Männer in Schweine verwandelten“, während sie sich immer als Komplizin der Männer begriffen habe, mit denen zusammen sie eine Gegenwelt liebend schuf, um es der schnöden Welt „zu zeigen“ und „heimzuzahlen“, wird hier nicht zu einer großen, fragwürdigen Liebesselbsterhöhung. Sondern zu einer Hinterbühnenanekdote, die eventuell als schlüpfriges Material für eine blöde Beziehungsscharteke taugte, von der die Schauspieler so tun, als dächten sie diese sich gerade aus.
Eine Unsäglichkeit. Aber diese ganze Verirrung tut doch auch sehr weh: weil man sie einem Luc Bondy nachsehen müsste, wenn er hier denn Nachsicht verdient hätte.
Autsch!
Florian Manfred Pletz (FMPletz)
- 18.05.2012, 12:47 Uhr