Home
http://www.faz.net/-gs3-1021m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Lorin Maazel im Gespräch Musik ist für mich wie Yoga

28.08.2008 ·  Ende August wird Lorin Maazel mit den New Yorker Philharmonikern, dem ältesten amerikanischen Orchester, zu seiner letzten Europatournee aufbrechen. Im Interview verrät der 78 Jahre alte Dirigent, dass es die Musik ist, die ihn jung hält.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ende August wird Lorin Maazel mit den New Yorker Philharmonikern, dem ältesten amerikanischen Orchester, zu seiner letzten Europatournee aufbrechen. Im Interview verrät der achtundsiebzigjährige Dirigent, dass es die Musik ist, die ihn jung hält.

Herr Maazel, in Deutschland wird seit einiger Zeit über eine Verlängerung der Arbeitszeit diskutiert. In Rente soll man nicht mit fünfundsechzig, sondern erst mit siebenundsechzig oder noch später gehen können. Was halten Sie davon?

Das hängt natürlich von der Art der Beschäftigung ab. Ich mache nicht die Arbeit, die zur Diskussion steht. Deswegen bin ich nicht kompetent, mich dazu zu äußern, ob man vielleicht etwas länger arbeiten sollte, ohne Schaden zu nehmen.

Künstler leben ohne Pensionsgrenze und bleiben lange fit. Wäre das nicht bedenkenswert auch für andere Berufe?

Man kann unsere Arbeit nicht damit vergleichen. In unserem Beruf brauchen wir eine Disziplin, die man im Büro oder in der Fabrik nicht benötigt. Wir müssen in einem bestimmten Augenblick das Beste aus uns herausholen. Wir dürfen keine Fehler machen, müssen immer perfekt sein, und wir haben dazu während der Vorstellung oder des Konzerts nur eine Chance. Das bedeutet, wir müssen uns unter Druck setzen. Wenn man sichergehen will, dass man als Instrumentalist dieses Niveau in jedem Moment halten kann, muss man sich vorbereiten - das heißt üben. Unser erster Flötist übt zum Beispiel jeden Morgen von fünf bis sieben Uhr. Zwei Stunden lang nichts als Übungen. Damit hat er sich eine phantastische Technik erworben. Das ist überhaupt nicht mit einem normalen Beruf zu vergleichen. Eigentlich müsste für jede Art von Arbeit eine bestimmte Arbeitszeitregelung eingeführt werden, die der Beschäftigung angepasst ist wie ein Anzug einer bestimmten Figur. Das wäre aber eine utopische Lösung.

Was bewegt Sie dazu, auf die Bühne zu gehen und sich diesem Druck auszusetzen, von dem Sie gesprochen haben?

Ja, manchmal frage ich mich das auch. Aber ich werde eben von Musik sehr stimuliert und bin durch sie im Gleichgewicht. Das ist für mich wie eine Art Yoga. Ich habe so oft dirigiert, so viel Musik gespielt, da kann ich nicht plötzlich aufhören. Vielleicht wird es irgendwann nötig sein, man weiß ja nie, man bekommt einen Herzinfarkt oder eine andere Krankheit. Aber wenn man auf der geistigen Höhe ist und in der Lage, es weiterhin zu schaffen, dann sollte man es tun. Ich persönlich bin manchmal am Ende eines Konzertes frischer, fühle mich stärker als zu Beginn. Als hätte ich Energie durch die Musik bekommen. Außerdem bin ich sehr neugierig und an aktueller Musik interessiert. Und schließlich möchte ich bei meinem neuen Festival in Virginia meine Erfahrung an junge Leute weitergeben, ihr Niveau heben. Das reizt mich enorm. Also, ich bin auch da motiviert.

Man sagt, weil das Bürgertum fehle, sterbe auch die klassische Musik.

Ich habe jetzt so viele phantastische junge Musiker in China, Japan, Südamerika, in Polen, in Ungarn kennengelernt, fabelhafte Instrumentalisten. Es ist erstaunlich, was sich da für eine tiefe Liebe zur Musik entwickelt. Für sie ist das wie eine Orientierung im Leben. Mit Bürgertum hat das gar nichts zu tun. Ich habe mit den New Yorker Philharmonikern drei Konzerte in Peking gegeben, vor vollen Häusern mit Menschen unter fünfunddreißig. Auf den Bühnenplätzen saßen junge Mütter mit ihren vier bis fünf Jahre alten Kindern. Ich dachte: Mein Gott, wenn die jetzt anfangen zu schreien. Nichts geschah, alle hörten aufmerksam zu und waren nach dem Konzert begeistert. Also, ein Ende wird es nicht geben. Alles, was Wert besitzt, vergeht nicht.

Sie haben in Ihrer Amtszeit bei den New Yorker Philharmonikern neunzehn junge Musiker engagiert, also fast ein Fünftel des Orchesters erneuert. Ging das reibungslos vonstatten?

Das ist nicht auf einmal geschehen. In jeder Spielzeit wurden drei bis vier junge Leute geholt. Die Mischung zwischen jüngeren und älteren Musikern hat wunderbar funktioniert. Die neuen Spieler haben ihre Jugend und ihre technische Perfektion mitgebracht, und die älteren Musiker haben sie gelehrt, mit Ausdruck zu spielen, vor allem mit welcher Art von Ausdruck jeweils gespielt werden soll.

Wie kommt es, dass Orchester über Jahrzehnte hinweg ihre Physiognomie behalten, obwohl ständig neue Instrumentalisten hinzukommen und die Chefdirigenten häufig wechseln?

Das Gesicht eines Orchesters wird im Laufe der Jahre durch zwei Elemente geprägt, durch Dirigenten, die die Musikalität der Spieler entwickeln, und durch die Virtuosität der Musiker selbst. Zu den New Yorker Philharmonikern, als ältestes amerikanisches Orchester 1842 gegründet, gehörten in gut einhundertsechzig Jahren nicht mehr als etwa zweitausend Musiker. Das heißt, man wird Philharmoniker und bleibt es. Darüber hinaus ist die Interaktion zwischen den Dirigenten und dem Orchester sehr wichtig. Man vergisst immer wieder, dass die Wiener und die Berliner Philharmoniker eben auch so spielen, wie sie spielen, weil große Dirigenten wie Furtwängler und Arthur Nikisch oder Erich Kleiber sie geprägt haben. Sie haben immer mit den größten Dirigenten gearbeitet. Die Physiognomie ist die Frucht langer Zusammenarbeit mit diesen großen Musikern. Von alleine kann ein Orchester diese Physiognomie nicht entwickeln. Ein Orchester besteht aus hundert Persönlichkeiten, es braucht Führung. Selbst ein Streichquartett braucht das. Natürlich redet der erste Geiger mit seinen Kollegen, aber am Ende des Tages muss jemand führen.

Sie kennen im Grunde alle europäischen und amerikanischen Orchester. Gibt es einen Unterschied zwischen den musikalischen Hemisphären?

Die Unterschiede werden immer kleiner. In Berlin spielt man bei Gelegenheit auch auf amerikanischen Trompeten, und wir spielen beispielsweise Bruckner auf deutschen Trompeten. Das ergibt einen ganz anderen Klang. Dennoch gibt es unterschiedliche Traditionen. Die New Yorker spielen beispielsweise Mahler und Burckner erstaunlich gut. Dieses Orchester kann alles, auch dank der langen Zusammenarbeit mit Bruno Walter, mit Toscanini oder Dimitri Mitropoulos.

Kritiker haben nie etwas an Ihrer Technik oder an Ihrer Musikalität auszusetzen. Was jedoch manchmal in den Beurteilungen durchschimmert, ist ein kurioser Verdacht, Sie beherrschten Ihr Metier zu perfekt. Es fehle Ihnen die Herausforderung auf Leben und Tod. Ärgert Sie das?

Ich ärgere mich nie über das, was man über mich schreibt oder sagt. Urteile sind immer subjektiv, und wenn man älter ist, berührt das sowieso nicht mehr so sehr. Vielleicht stimmt das Urteil über mich ja auch bis zu einem gewissen Grad. Aber ich mache, was ich machen kann, was mir entspricht. Ich mache Musik wie immer, mit sehr viel Leidenschaft. Und es gibt ja auch viele Menschen, die gerade diese Art schätzen.

Das Gespräch führte Wolfgang Sandner.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3