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Londoner Eklat um Shakespeares Shylock Tut nichts, der Jude wird verkannt

 ·  Es gab Proteste gegen einen israelischen Shylock beim Londoner Shakespeare-Festival: Der „Kaufmann von Venedig“ wird jetzt nur noch unter den Augen von Sicherheitspersonal gespielt.

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© AFP Dagegen kann man eigentlich nicht demonstrieren: Ein reizender „Kaufmann von Venedig“ aus Jerusalem

Von den 37 Stücken Shakespeares, die das Londoner Globe Theatre in diesen Wochen in ebenso vielen Sprachen und Dialekten aufführen lässt, hat eines die Gemüter besonders erregt: „Der Kaufmann von Venedig“. Nicht etwa wegen der problematischen Figur des Juden Shylock. Vielmehr galt der Zorn den Ausführenden, dem israelischen Nationaltheater „Habima“, das sich in den Augen pro-

palästinensischer Aktivisten durch Auftritte in einer Siedlung der „besetzten Gebiete“ auf der Westbank der Komplizenschaft mit der israelischen Regierung schuldig gemacht habe. Wochen vor dem Gastspiel agitierten die Pro-Palästinenser für eine Absage ans „Habima“ und mobilisierten prominente Figuren aus dem britischen Kulturleben, darunter die Schauspielerin Emma Thompson, den Regisseur Mike Leigh und den früheren Globe-Direktor Mark Rylance.

Höchstes Sicherheitsaufgebot

Den Aktivisten scheint die Ironie eines Boykottaufrufes gegen das israelische Nationaltheater entgangen zu sein, das ausgerechnet mit dem „Kaufmann von Venedig“ in London gastiert, in dem es ja um eine verfolgte Minderheit geht, als die sich die Palästinenser empfinden. Bei einer Inszenierung, wo alle Darsteller Juden sind, gewinnt das Anderssein des jüdischen Geldverleihers unweigerlich eine andere Komponente. In diesem Rahmen ließe sich Shylock auch als emblematisch für alle Unterdrückten deuten, nicht bloß als Opfer des Antisemitismus.

Diese Dimension aber wollten die Demonstranten nicht wahrhaben, sie wollten stören und auffallen. So fanden die zwei Vorstellungen des hebräischen „Kaufmanns“ unter höchstem Sicherheitsaufgebot statt. Draußen vor dem Globe, dem Freilichttheater an der Themse, das Shakespeares Stammhaus nachgebaut wurde, wachte die Polizei über die sorgfältig getrennten Protestgruppen. Die Boykottgegner mit Parolen wie „Unterstützt Kultur, unterstützt Demokratie, unterstützt Israel“ links vom Eingang. Die Boykottbefürworter mit „Israelische Apartheid“-, „Ethnische Säuberung“- und „Palästina wird frei sein“-Sprechchören in gebührendem Abstand rechts davon. Drinnen schritten bullige Angestellte einer privaten Sicherheitsfirma ein, sobald ein Zuschauer sich zum Protest regte, was denn auch in scheinbar koordinierter Aktion mehrere Male geschah und stets in den berühmtesten Passagen, wie Shylocks „Hat nicht ein Jude Augen?“, unterbrochen durch den Protestschrei: „Palästinenser sind auch Menschen!“

Ilan Ronens Inszenierung beginnt und endet mit wortlosen Bildern, die bei Shakespeare nicht zu finden sind. In dieser die Christen in ein gnadenlos schlechtes Licht rückenden Interpretation sind sie jedoch als Erklärung für Shylocks pedantische Rachsucht hinzugedichtet worden. Auf dem Weg von der Synagoge wird der Jude von einer Bande junger Männer in Karnevalsmasken gedemütigt und verprügelt. Am Schluss geht er, geduckt durch Enteignung und Zwangsbekehrung, noch einmal mit einem Koffer über die Bühne: Sinnbild des ewig wandernden Juden.

Die Kostüme sind Tiepolos Karnevalsdarstellungen nachempfunden. Das gibt dem Konflikt zwischen Shylock und Antonio eine pikante malerische Tiefenschärfe. Wenn Jacob Cohen den jüdischen Geldverleiher zwischen schlauer Unterwerfung und zornigem Trotz changieren, Alon Ophir den christlichen Schuldner Antonio in maßloser Arroganz erstarren lässt und Shylock von „Christennarren mit bemaltem Antlitz“ spricht.

Den Doppelsinn des in dem Stück immer wiederkehrenden Begriffes „bond“ aufgreifend, der im Englischen zugleich Anleihe und Fessel bedeutet, setzt Ronen lange Seile ein als Metapher für die gesellschaftlichen und vertraglichen Ketten der Figuren. Die dem väterlichen Willen obliegende Porzia wird marionetteartig an ihren Korsettschnüren festgehalten, von denen sie sich erst befreien kann, wenn ihr geliebter Mitgiftjäger Bassanio das richtige Kästchen wählt. Antonio hängt in der Gerichtsszene wie ein Gekreuzigter an den Seilen, und Shylock verfängt sich im Gewebe der eigenen Unnachgiebigkeit, gejagt von den Venezianern, denen Geld und Männerfreundschaften wichtiger sind als die Liebe.

Der Jerusalemer „Kaufmann“ zählt denn auch zu den besseren Inszenierungen, die das „Globe to Globe“-Festival zur Londoner Kultur-Olympiade präsentiert: neben einem südsudanesischen „Kymbelin“, einem surrealistischen „Julius Cäsar“ ohne Cäsar aus Italien, einem Athener „Perikles“, einem in die Gegenwart verlegten palästinensischen „Richard II.“, einem chinesischen „Richard III.“, einem zauberhaften südkoreanischen „Sommernachtstraum“ und einem Hip-Hop“Othello“ aus Chicago. Aber alle Aufführungen kommen den Londoner Zuschauern mittels fragmentarischer englischer Obertiteln kaum nahe. Der fremde Shakespeare bleibt ihnen eben: fremd.

So kichert das Publikum etwa bei der Volumnia-Rede im „Coriolan“ ausgiebig, weil der japanische Singsang für fremde Ohren halt so komisch klingt. Was aus dem Festival bei aller internationalen Gutgemeintheit dann doch ein etwas absurdes Unternehmen macht.

Hier kommen Sie zur offiziellen Homepage des Festivals.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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