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Lola Montez in München Sieh’ da, eine doppelte Rokokooperettenkokotte!

Münchner Girlanden samt Reflexionspause: Tom Kühnels und Jürgen Kuttners inszenieren eine üppige „Lola Montez“ im Cuvilliéstheater.

© Matthias Horn Die zweifache Lola: Katrin Röver und Genija Rykova

Als Lola Montez im Oktober 1846 nach München kommt, hat das Cuvilliés-Theater seit fünfzehn Jahren geschlossen. Um einer Renovierung zu entgehen, nutzt König Ludwig I. das Rokoko-Juwel zwischenzeitlich als Kulissenlager für das Nationaltheater, und erst 1857 kommt es zur Wiedereröffnung. Da ist Lola längst wieder um die halbe Welt gereist, mal hier, mal dort gescheitert und schließlich zum zweiten Mal in New York gestrandet, wo die neununddreißigjährige Irin mit dem selbst gewählten Image als femme fatale drei Jahre später an einer Lungenentzündung stirbt.

Wenn jetzt - mehrere Könige und Bauabschnitte später - die Regisseure Jürgen Kuttner und Tom Kühnel ihre Lola Montez auf die Bühne eben dieses Cuvilliés-Theaters zurückbringen, ist das eine liebenswürdige Hommage und Persiflage in einem und genau das, was dieser gefährlich verschnörkelte Bau als Theater (erst recht als Nebenspielstätte des Bayerischen Staatsschauspiels) schon länger nicht mehr sah: Biographie und Bearbeitung, Fakten und Funktion, Leben, Thesen und Theater.

Brav aufgefädelte Originalnummern

Lola Montez kam als spanische Tänzerin mit Zigarettenspitze und Sex-Appeal nach München, zeigte sich dem Theater und wurde abgelehnt, zeigte sich dem König - und wurde seine Geliebte, Gräfin, Erbin, zeigte sich dem Volk und wurde dank einer kleinen Märzrevolution, die nebenbei auch Ludwig die Krone kostete, des Königreichs verwiesen. Das ist der Rokoko-Teil der Geschichte, den sich Kuttner und Kühnel von Peter Kreuder und seinem Librettisten Maurus Pacher abgeschaut haben. Deren launig bayerisches Musical wollte schon 1972 keiner sehen; erst 2003, dreiundzwanzig Jahre nach dem Tod des Evergreen-Königs Kreuder, wurde „Lola Montez“ wiederentdeckt und vom „Freien Landestheater Bayern“ in München furorelos uraufgeführt.

Das runde Dutzend (aus dreißig) munterer Originalnummern wirkt auch 2013 konventionell, brav, aufgefädelt und im Cuvilliés, das seinen Akteuren nur zu gern die Schau stiehlt, kein bisschen provokant. So charmant und amüsant Götz Argus, Wolfram Rupperti und Arthur Klemt im Hofstaat zum Salonquintett von Rudolf Gregor Knabl trällern, die Nummern ziehen vorüber, noch ehe man das Wort Ohrwurm auch nur denken kann.

Radikaler Feminismus zu Elektro-Beats

Doch natürlich gibt es noch eine zweite Seite dieser zweistündigen Kurzweil: Das ist der samtschwarze Rock-Teil der Geschichte, den sich Kuttner und Kühnel von diversen Film- und Popdiven und der Warhol-Attentäterin Valerie Solanas, von Filmen von Max Ophüls und ein bisschen auch von sich selber abgeschaut haben. Dem Residenztheater-Publikum sind Kuttner und Kühnel nämlich seit 2011 durch die dramatische Aufarbeitung einer anderen markanten Münchner Frauenbiografie bekannt: Franziska von Reventlow. Nun geht es erneut um einen Dreisatz aus Emanzipation, Geld und Liebe - und wieder wird die vielschichtige Heldin von gleich zwei Schauspielerinnen gegeben.

In Perfektion verkörpern Katrin Röver und Genija Rykova in einigen wirkungsvollen Spiegelsituationen Lolas Selbstverliebtheit. Manchmal spielen sie im Kontrast. Die eine an der Seite von Oliver Nägele als väterlichem Geliebten, der sich nur zu gern mit der verschmitzten Ausrede, er müsse gleichzeitig König und Künstler sein, genüsslich um ihre Flamenco-Finger wickeln lässt; die andere an der Seite von Lukas Turtur als Lolas schwulem Freund Bébé, der das glamouröse, unstete Leben verkörpert. Dann wieder rezitieren Röver und Rykova chorisch zu den Live-Elektro-Beats von Pollyester und ihren beiden Schlagzeugern aus Lolas entwaffnenden Memoiren sowie und aus dem’ radikal-feministischem SCUM-Manifest von Valerie Solana.

Des Königs Klageliedchen

Zusammen ergeben die beiden Teile eine bonbonschwarze Rockokoperette mit allerhand Schnörkeln um sich herum, aber nicht über sich hinaus. Nur mittendrin begibt sich Kuttner als Zirkusdirektor vorm Ensemble-Tableau auf Schnipseljagd durch die Sekundärliteratur. Seine „Reflexionspause“ streift Kant, Heine und Hegel, findet Lola in ihrem Anspruch, fern von Alltagstristesse und lauwarmer Espressomilch nicht als häusliche Topfpflanze, sondern als freien Menschen, bescheinigt uns die Rückkehr in „vor-lolistische Zeiten“ seit dem Rauchverbot 2010 und der Kunstform Operette einen Status als „Soundtrack zu restaurativen Zeiten“ (weshalb er seine „Lola“ wohl, sachlich falsch, aber folgerichtig, ein „Dramma per musica“ nennt).

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Am meisten beklatscht werden am Premierenabend dennoch die kuriosen Originale: nicht die doppelte Lola, heutzutage ohnehin ohne die Aura der Seltenheitsverruchtheit, sondern Katharina Pichler als Königliche Wäschebeschließerin Emerenzia Klachlmoser, dicht gefolgt von Jürgen Kuttners genderphilosophischer Pauseneinlage: die waschechte schöne Münchnerin und die gepflegte Ost-Berliner Schnauze. Und natürlich Nägeles Ludwig I., der sein herzerschütternd letztes Klageliedchen als Königsdisziplin in Richtung Fürstenloge klampft. Es lebe das Cuvilliés.

Quelle: F.A.Z.

 
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