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„Liliom“ in Hamburg : Das Jenseits ist keine Besserungsanstalt

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Christian Jung (links) spielt „Liliom“ Bild: dpa

Zwei Sterne für Hamburg: Alina Cojocaru und Carsten Jung begeistern in John Neumeiers überflüssig sentimentalem Ballett „Liliom" nach der Vorlage von Ferenc Molnár.

          Es ist bezeichnend für den Zustand des „Hamburg Balletts“, wenn sein seit 1973 amtierender Direktor, Chefchoreograph und Intendant (seit 1996), John Neumeier, eine dreistündige Premiere aus der Taufe hebt, deren rein tänzerische Aspekte denkbar uninteressant sind, nämlich konventioneller Broadway und rührseliges Tanztheater. George Balanchine, der mit Strawinskys „Apollon Musagète“ 1928 das erste abstrakte Ballett schuf und mit dem „New York City Ballet“ bis zu seinem Tod 1983 Tanzgeschichte schrieb, musste sich in seinen ersten New Yorker Jahren mit Broadway-Choreographien durchschlagen. Er war es trotz seiner Erfolge schnell leid und sehnte sich fort. John Neumeier aber träumt sich dorthin. Die großen Jahrmarktsszenen in seinem frei nach Ferenc Molnárs Vorlage gestalteten Ballett „Liliom“ sind reines Musical-Klischee, schenkelschlagende Pantomime inbegriffen.

          Ein wie gemaltes Lächeln auf den Lippen, taumelt das in blütenfrische Sonntagskleider, Hütchen, Schleifchen und adrette Anzüge gesteckte Ensemble über die Bühne, vorbei an den braven alten Karussellpferden, hin und her unter dem großen Schriftzug „Playland“: Noch ein Developpé, noch eine Pirouette, Schritte wie Konfektionsware. Die Tänzer agieren künstlich, vor allem die jungen Frauen, die den Karussellschreier Liliom umschwärmen, haben ein abgestandenes Backfisch-Benehmen. Auch berührt es irgendwie peinlich, blankgeschrubbte Arbeitslose mit flotten Tanzschritten durch ihre von der Weltwirtschaftskrise geschüttelte Dreißiger-Jahre-Existenz eilen zu sehen, in frischen Hamburger Hemden.

          Warum muss sie in einem feuchten Kleid spielen?

          Das Missverhältnis tänzerischen Ertrages zum doch beachtlichen Gesamtaufwand des Abends wird dann besonders arg, wenn man sieht, welche Weltstars Neumeier in seinem „Playland“ abstellt. In der Hauptrolle der liebenden, zarten Julie, Kellnerin im Playland-Café, die Liliom verfällt und ihm einen Sohn schenkt, agiert eine der besten Ballerinen der englischen Gegenwart, Alina Cojocaru vom Royal Ballet. Und was tut ihr Hamburger Choreograph? Er lässt sie so lange schmachtend auf einer Parkbank sitzen, bis man es kaum mehr glauben kann: Den ganzen Abend bleibt sie die Passive, den Launen und Gewalttätigkeiten ihres Liebhabers preisgegeben, ohne genuin tänzerisch reagieren zu dürfen.

          Himmlische Ballons in Hamburg

          Cojocaru spielt das dennoch großartig; sie ist anrührend, und die geringsten Beweise ihres Könnens machen sprachlos. Ihre Musikalität und ihre physische Präsenz sprechen Bände, auch ohne dass ihr viel abverlangt würde. Aber warum sie, die sich innig an ihren Liliom schmiegt - den Carsten Jung mit so viel rebellischer Wut spielt, dass sein nackter Oberkörper nach wenigen Minuten schweißbedeckt ist -, bei ihrem Wiedererscheinen im vierten Bild kein trockenes Kleid tragen darf, sondern bis zur Pause in ihrem feuchten Kostüm spielen muss, erschließt sich nicht.

          Kein einziger unproblematischer Aspekt

          Cojocaru und Jung bilden, einzeln und zusammen, das Ereignis des Abends. Jung schiebt sein Kinn nach vorn, bis er wirklich brutal aussieht, ohne eine Hand zu heben. Eigentlich zum ersten Mal konzentriert sich Neumeier auf einen Helden, der verdorben ist, einen Verführer und Schläger, einen, der sich nicht unter Kontrolle hat. Jung macht das so überzeugend, dass man dem Ballett, wenn es einmal in Gang gekommen und der lächelnde Sonntagsstaat abgegangen ist, fasziniert folgt - auch ohne nennenswerte Choreographie. Ficsur etwa ist Molnárs Bösewicht, der Liliom endgültig in die Verbrecherwelt herabzuziehen versucht. In dieser Rolle sprang bei der Premiere in letzter Minute der charismatische Lloyd Riggins ein - dämonischer, kammerspielartiger hat man ihn noch nie gesehen. Auch kleinere Rollen sind phantastisch besetzt - Kiran West als Matrose oder Zachary Clark als trauriger Clown etwa sind fabelhaft.

          Die Tänzer Carsten Jung (unten) und Sasha Riva

          Abgesehen von den schauspielerischen Glanzstunden dieser erstaunlichen Tänzer, gibt es an diesem ganzen Abend keinen einzigen unproblematischen Aspekt. Getreu Molnárs Stück etwa zeichnet Neumeier dessen grandios unsympathischen, aber äußerst anziehenden Protagonisten überzeugend, brutal und irre sexy. Wie bei Molnár muss Liliom dann, als er sich nach einem üblen Raub der Verhaftung durch öffentlichen Selbstmord entzieht, im Fegefeuer büßen und zurückkehren, um Frau und Sohn zu herzen - da ist schon die Vorlage reichlich volksstückhaft.

          Das ist totaler Quark

          Ist Ferdinand Wögerbauers Bühnenbild, das den Jahrmarkt in unterschiedlichen Verfallszuständen zeigt, einerseits wirklich sehr malerisch, mit sparsam gesetzten bunten Glühbirnen über dem alten Karussell und der über der Achterbahn thronenden NDR-Big-Band, so ist sein Jenseits ein Magritte-Wolkenkitschheim, zum Weglaufen symbolistisch-surrealistisch. Die Auftragskomposition von Michael Legrand schließlich, der bei Nadia Boulanger studiert hat und Barbra Streisands „Yentl“-Musik ebenso schrieb wie „Never Say Never“, greift nach den überhaupt höchsten Unterhaltungshimmelssternen. Mal spielt die Big Band, mal erklingen die im Graben sitzenden Philharmoniker Hamburg, beide nach Kräften zusammengehalten von Simon Hewett. Es tritt ein Akkordeonspieler (sehr gut Jakob Neubauer) mit Schiebermütze ans Portal, und in den aufregendsten Momenten ertönt eine wilde Mischung aus Big-Band-Jazz und Orchester-Moderne. Doch so kühn diese Fusionen auch erscheinen - sie hören sich letztlich doch wieder arg hollywoodtauglich an.

          Die letzten Bilder eines überflüssig sentimentalen Balletts, in denen Liliom, aus dem Jenseits wie aus einer Besserungsanstalt entlassen, Glühbirnen-Sterne an seine Hinterbliebenen verschenkt, sind - mit Verlaub - totaler Quark. Kein Choreograph sollte sein Werk über seine Tänzer stellen. Genau das aber tut Neumeier.

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