Wer die Kirchen großer Städte als Gotteshäuser aufsucht, der macht - am ehesten in kleinen Andachten und Vespern - häufig folgende Beobachtung: Da sind viele, die die alten Lieder nicht mehr kennen oder die sich scheuen, die Psalmen im Wechsel mit dem Liturgen laut zu lesen. Aber wenn es zum Vaterunser kommt und alle aufstehen, dann geht auch durch diese Menschen ein Ruck, und sie beten hörbar mit. Sie kennen den Text von Kindheit an, sie kennen den Rhythmus des Sprechens, den Zeilenfall, die Pausen, die Neuansätze. Als Gestalteinheit von Sprache und Bewegung hat sich dieses Gebet bei ihnen abgesetzt wie ein motorisches Muster im Kleinhirn. Für manchen, der des Betens entwöhnt war, ist so eine Andacht die erste Gelegenheit, die Wortfindungsschwierigkeiten zu überwinden nach einer Lähmung des Glaubens.
Seelsorgerische Klugheit also hält das Vaterunser im Gottesdienst liturgisch offen als eiserne Reserve des Mitmachens. Es gibt auch vergleichsweise wenige Vertonungen dieses Gebets, die ja das Mitmachen in ein Darbieten verwandeln. Vom großen Renaissancemeister Josquin Desprez ist ein vokales „Paternoster“ überliefert; Franz Liszt schrieb eine instrumentale Version in seinen „Harmonies poétiques et religieuses“. Kürzlich nun gelangte in Bochum eine Komposition mit dem Titel „Unser Vater“ für gemischten Chor und Orgel in den Gottesdienst. Geschrieben hat sie Stefan Heucke. Die Orchesterfassung war schon im vergangenen November uraufgeführt worden; die reduzierte Version ist jetzt sowohl in einer katholischen als auch in einer evangelischen Kirche erklungen.
Prägende und bergende Kraft des Alten
Heuckes „Pater noster - Unser Vater“ braucht einen tüchtigen Organisten und einen intonationssicheren Chor, der die gelegentlichen Überlagerungen mehrerer Tonarten sauber herausbringt. Für Laien ist das Werk eine Herausforderung - die sich aber meistern lässt. Ansonsten spricht religiöse Vernunft aus dem Stück, weil es eine geschichtliche Sprachgemeinschaft sucht mit älterer Musik, die ihre prägende und bergende Kraft bereits erwiesen hat: die Motetten Anton Bruckners etwa, auch die Musik Liszts und ein wenig die von Olivier Messiaen. Religion als „positive Religion“ flieht in ihren Formen die geschichtliche Verankerung nicht, sie sucht sie. So findet auch religiöse Kunst Anschluss und Tragfähigkeit in Formen und Formeln, die ihr geschichtlich vorausliegen.
Auffällig jedoch ist die Textgrundlage des Werks: Sie stammt vom gegenwärtigen Bundestagspräsidenten, Norbert Lammert. Seine Fassung des bei Matthäus 6 oder bei Lukas 11 überlieferten Gebets lautet so: „Unser Vater im Himmel! / Groß ist dein Name und heilig. / Dein Reich kommt, / Wenn dein Wille geschieht, / Auch auf Erden. / Gib uns das, was wir brauchen. / Vergib uns, wenn wir Böses tun und Gutes unterlassen. / So wie auch wir denen verzeihen wollen, / Die an uns schuldig geworden sind. / Gib uns Kraft, wenn wir schwach sind. / Und mach uns frei, wenn es Zeit ist, / Von den Übeln dieser Welt. / Denn Dein Reich ist herrlich und ewig durch die Kraft der Liebe. / Amen.“
Bedingungen für das Unbedingte
Man merkt auf bei dieser Wortwahl; sie durchbricht die üblichen Rhythmen des Sprechens und will das Gebet aus dem Kleinhirn wieder ins Großhirn, aus der gewohnheitsmäßigen Motorik wieder ins Bewusstsein holen. Die gemeinhin verwendete Sprachgestalt, wie sie im Jahr 1970 von der Arbeitsgemeinschaft Liturgische Texte konfessionsübergreifend erstellt wurde, lebt vom parataktischen Satzbau. Alles folgt nacheinander - gemäß dem schlichten Stil der Evangelien, die auch den bildungsfernen Schichten zugänglich sein wollen. Norbert Lammert, in den Mitteln höherer Rhetorik geübt, schachtelt die Sätze gern: „Dein Reich kommt, wenn Dein Wille geschieht, auch auf Erden.“ In dieser Schachtel wurde eine Bedingung für das Reich Gottes verpackt, die durch das Wörtchen „wenn“ ihrerseits bedingt erscheint. Lammert stellt dem Unbedingten also Bedingungen, die - obwohl dies so deutlich nicht gesagt wird - nach zivilreligiöser Manier menschliches Tun als Verwirklichung von Gottes Reich meinen.
Eigenartigerweise fehlt hier die Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ Man könnte sie auch nur umständlicher formulieren: „Prüfe unseren Glauben nicht, so wie Du Abraham und Hiob geprüft hast, auf dass wir nicht bis zum Äußersten gehen müssen, um Dir unsere Treue zu erweisen.“ Das Äußerste und das Zivilreligiöse vertragen sich nicht. So ist Lammerts Fassung des Vaterunser in seiner Abweichung von dem ökumenischen Text auch ein Zeugnis für jenen „Zwang zur Häresie“, den der Soziologe Peter L. Berger schon vor vierzig Jahren als Folge des intellektuellen Drucks der Moderne auf die Offenbarungsreligionen diagnostiziert hat: Wer von einer säkularen Öffentlichkeit anerkannt werden will, muss in seinem Glaubensbekenntnis auswählen, woran er noch glauben zu können glaubt.
Warum diese Sinnverfälschung?
Sven Michaelsen (Der_kleine_Amrumer)
- 20.07.2011, 12:46 Uhr
Das Gebet Jesu
Eberhard Stoeckel (Veridicus)
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Zehendner und Scharnowski
Daniel Nowak (duesentrieb2)
- 20.07.2011, 01:31 Uhr
was hat der mann sorgen ?
Karl-Heinz Burg (khburg)
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"Leierrhythmus" ist eine Unverschämtheit
Wolfgang Richter (langweiler2)
- 19.07.2011, 23:31 Uhr