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Lady Macbeth in Wien Kein Mensch, kein Problem

 ·  Jetzt inszeniert der neue Burg-Chef auch noch Opern: Matthias Hartmann macht aus Schostakowitschs grobkörnigem Politdrama „Lady Macbeth von Mzensk“ ein Kammerspiel der Triebe. Mit einer respektvollen, doch etwas überraschungslosen Ästhetik.

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Väterchen Stalin in der Oper: Leicht zerdellt liegt seine überlebensgroße Büste vorne an der Bühnenrampe. Im geräumigen Hirnkasten des Diktators verwahrt Katerina Ismailowa, die Lady Macbeth von Mzensk, das Rattengift, mit dem sie ihren Schwiegervater später aus dem Weg räumt. Und dieser Boris Ismailow röchelt passgenau auf der Stalinbüste seine verdorbene Seele aus, nachdem er Katerinas Liebhaber Sergej bis aufs Blut ausgepeitscht hat. Wo wohl? Natürlich auf der Stalinbüste.

Ein schlimmes Land. Nein, behaglich und zivilisiert kann es bei Dmitri Schostakowitschs Sittenbild aus der russischen Provinz nun wirklich nicht zugehen. Irgendwie sowjetisch hätte dieses familienmörderische Werk, das vorderhand die Rohheit im vorrevolutionären Russland abschildert, aber durchaus wirken sollen. Doch Stalin verließ 1936 seine kugelsichere Sonderloge schon zur Pause, damit war der Komponist, der sich als Liebling des Zentralkomitees wähnte, als linksradikaler Krachmacher zum Verriss in der „Prawda“ freigegeben. Und im Sowjetreich gab es damals sehr viel banalere Anlässe zum Sterben als Musikkritik.

Kammerspiel der Triebe

Stalin ist also in Matthias Hartmanns Neuinszenierung an der Wiener Staatsoper fast so präsent wie im Russland der dreißiger Jahre. Die Insistenz des Regisseurs ist nicht einmal übertrieben: Konnte der Wunderknabe Schostakowitsch wirklich annehmen, sein illusionsloser Blick auf die russischen Verhältnisse mit Sex, Suff und GULag hätten des Diktators Gefallen finden können? Hartmann treibt die Politisierung aber nicht weiter, er nimmt das grobkörnige Stalindrama ansonsten als ein karg möbliertes Kammerspiel der Triebe: Seine Katerina, die von der Sopranistin Angela Denoke als fast noch mädchenhaft Verleitete angelegt wird, schläft nicht im kalten Ehebett, sondern auf dem Fußboden neben einer riesigen Neonmatratze, auf der sie sich bald der virile Stallknecht Sergej vorknöpfen wird, zum skandalauslösenden, von Schostakowitsch tonmalerisch ausgeschmückten, rhythmischen Stampfen des Orchesters.

Auch Schwiegervater Boris (mit sängerdarstellerischer Wucht: Kurt Rydl) darf seine Altmännergeilheit austoben, allerdings nur an einem hölzernen Hocker. Jeder bekommt seine Ersatzbefriedigung: Der Penner knutscht die Wodkaflasche, der Polizeichef reibt seine Gerte, und Frauenheld Sergej verführt am Ende noch in sibirischer Kälte die drallste Mitgefangene. „Ich bin so feinfühlig“, tönt dieser Mzensker Casanova wiederholt, unterstreicht damit aber nur die grelle, an Gesellschaftspanoramen von George Grosz erinnernde Brachialästhetik.

Respektvolle Ästhetik

Die Kälte dieses Lebens bringt Hartmann mit seinem Bühnenbildner Volker Hintermeier auf einem spreißeligen Grobholzparkett herüber: Schattenrisse lauernden Bauernvolks, ein ödes Schlafgemach, wahllos prügelnde Polizisten, eine angeschickert volkstümelnde Hochzeitsgesellschaft und am Schluss vernebelte Stacheldraht-Einöde, als wärs vom Altvater der gemütlichen Politoper, Jürgen Flimm, höchstpersönlich abgekupfert. Loben kann man Hartmann aber für seinen Respekt vor dieser in jeder Hinsicht gewaltigen Oper. Es wird in dem Stück schließlich schon genug vergewaltigt. Doch ein einziges überraschendes Bild, eine Szenerie, die jenseits der Opernkonvention haften bleiben würde, irgendein rätselhaftes Detail hätte man sich bei all dieser manierlichen Burgtheaterdirektorenästhetik vielleicht schüchtern wünschen dürfen – zumal Hartmann in Interviews doch so gerne vom Theater als einem großen Fragezeichen plaudert.

Der Regisseur kriegte seinen respektvollen Applaus. Bejubelt wurde Denoke, deren warme Stimme noch jede Mordtat mit Zärtlichkeit flutete. Und der Dirigent Ingo Metzmacher, der die Produktion kurzfristig für den am Rücken lädierten Kirill Petrenko übernommen hatte, machte den Abend erst wirklich zu einem Hochgenuss.

Man merkt Metzmacher das Vergnügen an, das beste Opernblasorchester der Welt durch diverse Märsche peitschen zu dürfen: eine verängstigende Musik, die dahergewalzt kommt wie eine Moskauer Maiparade. Manche Einsätze gibt Metzmacher aus der Hüfte wie ein Pistolero, um dann seine Liebe zu dieser Oper gerade in die raren reflektiven Passagen zu legen.

Satire und Wehklage

Man kann diese „Ledi Makbet“ (so das Original) als Satire aufs Zarenreich deuten, man kann darin eine mehr oder weniger bewusste Abrechnung Schostakowitschs mit dem Sowjetregime wittern, man darf Katerina sogar als wollüstige Fleischwerdung der Revolution verherrlichen, die ja gleichfalls alle Widerstände mit Schmackes und Mord aus dem Weg räumte. Doch letztlich weint der Komponist, wenn er die ganze Musikgeschichte für seine wehen Tänze und eingefrorenen Tableaus plündert, Kaddisch über die missratene Menschheit: ein Miserere von Mzensk.

Am Schluss, wenn alle sibirischen Gefangenen totgeprügelt oder hinaus in den pünktlich rieselnden Schnee gescheucht wurden, hat der hohle Bühnenstalin als Symbol fürs ewige Russland ausgedient. Wie pflegte der echte zu sagen: Kein Mensch, kein Problem. Das Problem Schostakowitsch hat er glücklicherweise nie gelöst.

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