http://www.faz.net/-gqz-140va
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.10.2009, 17:32 Uhr

Lady Macbeth in Wien Kein Mensch, kein Problem

Jetzt inszeniert der neue Burg-Chef auch noch Opern: Matthias Hartmann macht aus Schostakowitschs grobkörnigem Politdrama „Lady Macbeth von Mzensk“ ein Kammerspiel der Triebe. Mit einer respektvollen, doch etwas überraschungslosen Ästhetik.

von , Wien
© AP Das Bett bleibt kalt: Misha Didyk als Sergej und Angela Denoke als Katerina Lwowna Ismailowa

Väterchen Stalin in der Oper: Leicht zerdellt liegt seine überlebensgroße Büste vorne an der Bühnenrampe. Im geräumigen Hirnkasten des Diktators verwahrt Katerina Ismailowa, die Lady Macbeth von Mzensk, das Rattengift, mit dem sie ihren Schwiegervater später aus dem Weg räumt. Und dieser Boris Ismailow röchelt passgenau auf der Stalinbüste seine verdorbene Seele aus, nachdem er Katerinas Liebhaber Sergej bis aufs Blut ausgepeitscht hat. Wo wohl? Natürlich auf der Stalinbüste.

Ein schlimmes Land. Nein, behaglich und zivilisiert kann es bei Dmitri Schostakowitschs Sittenbild aus der russischen Provinz nun wirklich nicht zugehen. Irgendwie sowjetisch hätte dieses familienmörderische Werk, das vorderhand die Rohheit im vorrevolutionären Russland abschildert, aber durchaus wirken sollen. Doch Stalin verließ 1936 seine kugelsichere Sonderloge schon zur Pause, damit war der Komponist, der sich als Liebling des Zentralkomitees wähnte, als linksradikaler Krachmacher zum Verriss in der „Prawda“ freigegeben. Und im Sowjetreich gab es damals sehr viel banalere Anlässe zum Sterben als Musikkritik.

Mehr zum Thema

Kammerspiel der Triebe

Stalin ist also in Matthias Hartmanns Neuinszenierung an der Wiener Staatsoper fast so präsent wie im Russland der dreißiger Jahre. Die Insistenz des Regisseurs ist nicht einmal übertrieben: Konnte der Wunderknabe Schostakowitsch wirklich annehmen, sein illusionsloser Blick auf die russischen Verhältnisse mit Sex, Suff und GULag hätten des Diktators Gefallen finden können? Hartmann treibt die Politisierung aber nicht weiter, er nimmt das grobkörnige Stalindrama ansonsten als ein karg möbliertes Kammerspiel der Triebe: Seine Katerina, die von der Sopranistin Angela Denoke als fast noch mädchenhaft Verleitete angelegt wird, schläft nicht im kalten Ehebett, sondern auf dem Fußboden neben einer riesigen Neonmatratze, auf der sie sich bald der virile Stallknecht Sergej vorknöpfen wird, zum skandalauslösenden, von Schostakowitsch tonmalerisch ausgeschmückten, rhythmischen Stampfen des Orchesters.

lady macbeth 02 © AP Vergrößern Kammerspiel der Triebe: Misha Didyk, Marian Talaba als Sinowi Borissowitsch Ismailow und Angela Denoke

Auch Schwiegervater Boris (mit sängerdarstellerischer Wucht: Kurt Rydl) darf seine Altmännergeilheit austoben, allerdings nur an einem hölzernen Hocker. Jeder bekommt seine Ersatzbefriedigung: Der Penner knutscht die Wodkaflasche, der Polizeichef reibt seine Gerte, und Frauenheld Sergej verführt am Ende noch in sibirischer Kälte die drallste Mitgefangene. „Ich bin so feinfühlig“, tönt dieser Mzensker Casanova wiederholt, unterstreicht damit aber nur die grelle, an Gesellschaftspanoramen von George Grosz erinnernde Brachialästhetik.

Respektvolle Ästhetik

Die Kälte dieses Lebens bringt Hartmann mit seinem Bühnenbildner Volker Hintermeier auf einem spreißeligen Grobholzparkett herüber: Schattenrisse lauernden Bauernvolks, ein ödes Schlafgemach, wahllos prügelnde Polizisten, eine angeschickert volkstümelnde Hochzeitsgesellschaft und am Schluss vernebelte Stacheldraht-Einöde, als wärs vom Altvater der gemütlichen Politoper, Jürgen Flimm, höchstpersönlich abgekupfert. Loben kann man Hartmann aber für seinen Respekt vor dieser in jeder Hinsicht gewaltigen Oper. Es wird in dem Stück schließlich schon genug vergewaltigt. Doch ein einziges überraschendes Bild, eine Szenerie, die jenseits der Opernkonvention haften bleiben würde, irgendein rätselhaftes Detail hätte man sich bei all dieser manierlichen Burgtheaterdirektorenästhetik vielleicht schüchtern wünschen dürfen – zumal Hartmann in Interviews doch so gerne vom Theater als einem großen Fragezeichen plaudert.

Der Regisseur kriegte seinen respektvollen Applaus. Bejubelt wurde Denoke, deren warme Stimme noch jede Mordtat mit Zärtlichkeit flutete. Und der Dirigent Ingo Metzmacher, der die Produktion kurzfristig für den am Rücken lädierten Kirill Petrenko übernommen hatte, machte den Abend erst wirklich zu einem Hochgenuss.

Man merkt Metzmacher das Vergnügen an, das beste Opernblasorchester der Welt durch diverse Märsche peitschen zu dürfen: eine verängstigende Musik, die dahergewalzt kommt wie eine Moskauer Maiparade. Manche Einsätze gibt Metzmacher aus der Hüfte wie ein Pistolero, um dann seine Liebe zu dieser Oper gerade in die raren reflektiven Passagen zu legen.

Satire und Wehklage

Man kann diese „Ledi Makbet“ (so das Original) als Satire aufs Zarenreich deuten, man kann darin eine mehr oder weniger bewusste Abrechnung Schostakowitschs mit dem Sowjetregime wittern, man darf Katerina sogar als wollüstige Fleischwerdung der Revolution verherrlichen, die ja gleichfalls alle Widerstände mit Schmackes und Mord aus dem Weg räumte. Doch letztlich weint der Komponist, wenn er die ganze Musikgeschichte für seine wehen Tänze und eingefrorenen Tableaus plündert, Kaddisch über die missratene Menschheit: ein Miserere von Mzensk.

Am Schluss, wenn alle sibirischen Gefangenen totgeprügelt oder hinaus in den pünktlich rieselnden Schnee gescheucht wurden, hat der hohle Bühnenstalin als Symbol fürs ewige Russland ausgedient. Wie pflegte der echte zu sagen: Kein Mensch, kein Problem. Das Problem Schostakowitsch hat er glücklicherweise nie gelöst.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Literarische Auszeichnung Siegfried-Lenz-Preis an Julian Barnes

Er ist der vielseitigste und eleganteste Romancier, den England heute hat. Und ein Mann des Kontinents. Nun bekommt Julian Barnes den zum zweiten Mal verliehenen Siegfried-Lenz-Preis. Mehr Von Andreas Platthaus

29.06.2016, 13:21 Uhr | Feuilleton
Nach Brexit-Referendum Buhrufe für Boris Johnson

Statt Gratulationen und überschwänglichem Applaus wartete am Freitagmorgen vor allem eins auf Brexit-Leitfigur Boris Johnson: Buh-Rufe und Beschimpfungen. Der ehemalige Londoner Bürgermeister wurde beim Verlassen seines Hauses in der britischen Hauptstadt von Polizisten zu seinem Auto begleitet. Johnson äußerte sich zunächst nicht zum erfolgreichen Brexit-Referendum. Mehr

24.06.2016, 12:48 Uhr | Politik
Deutsche Oper Berlin Nur im Schritt ist alles fit

Wenn der Regisseur die Skandälchen liebt, wird eben der Sexclub einer lesbischen Drogendealerin zum Serail: An der Deutschen Oper Berlin gerät Mozarts Entführung aus dem Serail in eminentem Maße sinnlos. Mehr Von Jan Brachmann

20.06.2016, 14:15 Uhr | Feuilleton
Brexit Johnson sieht keinen Grund zur Hast beim Rückzug aus der EU

Boris Johnson, der Kopf der britischen Leave-Kampagne, dankte am Freitag seinem Konkurrenten Premierminister David Cameron, der nach Bekanntwerden des Brexit-Votums zuvor seinen Rücktritt und die Auflösung der Regierung angekündigt hatte. Gleichzeitig mahnte Johnson zu einem bedachten Vorgehen. Beim Rückzug aus der EU bestünde kein Grund zur Eile. Mehr

24.06.2016, 15:30 Uhr | Politik
Russlands Außenpolitik Alter Terror, neuer Terror

75 Jahre nach dem Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion begreift Russland seine aggressive Außenpolitik als Fortsetzung des Großen Vaterländischen Kriegs. Mehr Von Nikolai Klimeniouk

20.06.2016, 16:13 Uhr | Feuilleton
Glosse

Justizirrtum

Von Michael Hanfeld

Der Journalist und die beiden Whistleblower des „Lux Leaks“-Skandals kommen vor Gericht glimpflich davon. Der Skandal ist, dass sie überhaupt angeklagt wurden. Mehr 9 111

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“