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„La Traviata“ in Salzburg : Der schöne Tod

Vielbegehrt: Anna Netrebko als Violetta Valery Bild: dpa/dpaweb

Massenhafte mediale Aufmerksamkeit für die Oper dank der knuffig-knusprigen Russin Anna Netrebko: Eine Traumbesetzung vergoldet Willy Deckers neue „Traviata“ bei den Salzburger Festspielen.

          Die Geschichte der Alphonsine Plessis, die sich Marie Duplessis nannte und von ihrem Freund Alexandre Dumas als Kameliendame verschriftlicht, überhöht und verewigt wurde, handelt vom Sterben. Ein schönes, lebensfrohes Kind aus dem Volk ist vom Tod gezeichnet. Es geht, nachdem es sich zunächst rasch in der Gesellschaft nach oben geschlafen hat bis hinauf in den Rang einer Gräfin, mit dreiundzwanzig Jahren an der Schwindsucht zugrunde.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Giuseppe Verdi läßt seine Oper „La Traviata“ konsequenterweise mit in der Luft stehenbleibenden, flirrend-ätherischen Akkorden geteilter Violinen beginnen. Sie ähneln frappierend dem Gralsthema des Wagnerischen Lohengrin-Vorspiels und werden dann später im dritten Akt zum Ruf aus dem Jenseits, der die ergreifende Sterbeszene der Schönen einläutet. Verdi, aber auch sein Librettist Francesco Maria Piave kommen, sofort zur Sache. Bis auf allenfalls die Ballettszene ist nichts in diesem straffen, knappen Stück nur Ornament oder Konvention. Violetta Valery, die abermals umbenannte Verlorene, lebt in einer schnell zerfließenden Zwischenwelt, und ihr Tod ist anwesend in der Musik vom ersten Ton an. In der Neuinszenierung, die Willy Decker und sein Bühnenbildner Wolfgang Gussmann nun für die Salzburger Festspiele erarbeitet haben, sitzt Gevatter Tod im schwarzen Rock eines Doktor Mirakel am rechten Bühnenrand und wartet schon, während das Festspielpublikum noch in bester Happeninglaune in den Saal strömt.

          Achtfach überbuchte Aufführungen

          Ja, happy, wer überhaupt eine Eintrittskarte vorzeigen kann für diese Veranstaltung. Die Vorberichte über die Traumbesetzung der neuen Salzburger „Traviata“ stapelten sich zu wahren Hochglanzgebirgen, achtfach überbucht seien die nur sieben angesetzten Aufführungen, heißt es, und zuletzt habe man im Internet 2700 Euro für ein Ticket verlangt. Damit hätte sich, um mit Papageno zu reden, wahrhaftig eine Spekulation machen lassen. Nur wenig zeitverschoben wurde die Sache nämlich nach draußen auf die Großbildleinwand übertragen, zugleich live im ORF und später am Abend von der ARD gezeigt, auch CD und DVD sind bereits in Arbeit.

          Jugend, Leben, Temperament

          Daß die Gattung Oper diese massenhafte mediale Aufmerksamkeit genießt und einmal ausnahmsweise nicht als elitäres Minderheitenprogramm gehandelt, sondern zur besten Sendezeit dargeboten wird, liegt wohl in erster Linie daran, daß die knuffig-knusprige russische Sopranistin Anna Netrebko sich so gerne fotografieren und interviewen läßt. Danke, Anna! Aber auch der muntere mexikanische Startenor Rolando Villazon mit seinen Kulleraugen und Clownerien ist ein gefundenes Fressen für die Medien. Beide sprühen Jugend, Leben, Temperament. Es wäre beinahe nicht nötig, daß sie zu allem Überfluß auch noch so fabelhaft singen.

          Sie trifft alle Töne

          Anna Netrebko mit ihrem unverwechselbar dunklen, gutturalen Timbre ist zwar nicht gerade ein belkantischer Koloratursopran, wie für die Partie der Violetta erforderlich, doch trifft sie ohne weiteres alle Töne und absolviert auch die schnellen Passagen und Verzierungen mit nur wenigen Zwischenatmern. Sie hat die Rolle schon mehrfach verkörpert und offenbar hart gearbeitet daran. Darstellerisch überzeugt sie am stärksten, wo sie sich selbst spielen kann, etwa im zweiten Akt: Da turnt ein fröhliches Girlie kichernd über die Sofakante, balanciert, versteckt sich vor dem Liebsten, läßt sich die Füße küssen.

          In diesem Landhaus-Akt hat Gussmann die lebensspendende Natur mit fünf geblümten Sofas als ein prächtiges Ambiente der Illusionen ausgemalt, wie überhaupt die gesamte Ausstattung fernsehgerecht auf wenige, starke Zeichen reduziert ist, die wie aus dem Versandhauskatalog der Gefühle zu stammen scheinen: Große Blumen für das Glück, eine große Uhr für das Menetekeln und ein klinisch weißer Rundhorizont aus Wellpappe, vor dem Chor, Tod und Männervolk - also alle außer Violetta selbst - wirken wie ein Schwarm schwarzer Unglücksraben.

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