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Veröffentlicht: 13.06.2014, 15:36 Uhr

„La Traviata“ in Masada Paris in der Wüste

Oper an einem magischen Ort: Bei „La Traviata“ auf der Freilichtbühne in Masada singen und sterben die Protagonisten im Wüstenklima. Karten sind teuer, Lichteffekte und prunkvolles Bühnenbild unvergleichlich.

von , Masada
© Yossi Zwecker Sängerroulette statt bloße Bretter, die die Welt bedeuten: Die Bühnentechnik in Masada ist äußerst aufwendig.

Die spitzen Zeiger der Uhr reichen bis ganz oben an das Bergplateau, das sich schemenhaft in der Dunkelheit abzeichnet. Unaufhaltsam geht Violettas Lebenszeit zu Ende. In Alfredos Armen stirbt sie nicht in Paris, sondern mitten in der Wüste - an einem der tiefsten Orte der Erde. Erst gegen Mitternacht sinken die Temperaturen dort unter 30 Grad.  Mit der Neuproduktion von „La Traviata“ gastiert das Israelische Opernfestival zum vierten Mal auf der Freiluftbühne unterhalb des Masada-Massivs. Oben in der Bergfestung, die einst König Herodes errichten ließ, sollen sich einst Hunderte Juden getötet haben, um nicht den Römern in die Hände zu fallen.

Hans-Christian Rößler Folgen:

Der Berg ist für Daniel Oren mehr als eine ausgefallene Projektionsfläche für Uhrzeiger und andere Lichteffekte. „Masada ist wegen seiner Geschichte nicht nur für Juden ein magischer Ort, der große Gefühle weckt“, sagt der israelische Dirigent der Neuinszenierung. Oren, der als Verdi-Dirigent international Ansehen genießt, möchte das israelische Opernfestival ähnlich bedeutsam machen, wie die Arena von Verona. Dort dirigiert er regelmäßig, auch in diesem Sommer. Oren träumt davon, Sänger wie Placido Domingo und Diana Damrau in die Wüste zu holen. Ginge es nach dem künftigen musikalischen Direktor der Tel Aviver Oper, würde es in Masada jedes Jahr mehr als nur eine Produktion geben. Vor La Traviata waren dort seit 2010 schon Carmen, Aida und Nabucco zu sehen. Im Juni 2014 musste sich Oren jedoch noch mit den rumänischen Sopranistinnen Elena Mosuc und Aurelia Florian begnügen, die sich in den vier Aufführungen in der Titelrolle der Violetta abwechselten.

29669643 © Yossi Zwecker Vergrößern Ein bisschen Zirkus: leuchtendes Parkett und leuchtende Kleider, dahinter das Masada-Massiv.

Nach vier Jahren arbeitet man in Israel noch daran, Masada auf der internationalen Festivalbühne zu etablieren und das kleine Land auch zu einem Reiseziel für Kulturtouristen zu machen. Im vergangenen Jahr reichte das Geld nicht. Die Festspiele auf der Freiluftbühne in der Geröllwüste musste abgesagt werden. Umgerechnet sechs Millionen Euro geben die Oper Tel Aviv und die israelische Regierung in diesem Jahr dafür aus. Gut 3000 ausländische Opernliebhaber reisen an, um La Traviata zu sehen. Mehr als 40.000 Karten wurden verkauft; das entspricht einer Auslastung von etwa 70 Prozent. Nicht nur für Verdi, sondern auch ein Beethoven-Konzert des Israel Philharmonic Orchestra unter Kent Nagano und einen neuen Mozart-Ableger in der arabischen Küstenstadt Akko. Die Operndirektorin Hanna Munitz hofft, mit dem Festival in Masada zugleich mehr Israelis für diese Kunstform zu begeistern und in ihr Haus in Tel Aviv zu locken. Selbst für La Traviata gab es noch Karten an der Abendkasse. Das liegt sicher auch am Preis: Die billigsten Plätze kosten über hundert Euro. Vom Ballungszentrum rund um Tel Aviv an der Mittelmeerküste dauert die Anfahrt mehr als drei Stunden.

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Die Freiluftbühne und die Tribüne für mehr als 7500 Zuschauer sind in einiger Entfernung von dem wuchtigen Bergrücken aufgebaut. Kommt nachts eine leichte Brise auf, wirbelt der Wind den Klang durcheinander, der auch sonst gewöhnungsbedürftig ist: Die Sänger brauchen Mikrofone, selbst das Orchester kann sich nur mit der Hilfe großer Lautsprecher Gehör verschaffen, die an hohen Masten aufgehängt werden. Statt die Stimmen der Sänger aus dem Orchestergraben zu tragen, legen sich die Instrumente oft wie eine Wolke darüber. Das ist bedauerlich, denn es geht viel von den Farben und großen Linien verloren, die der Dirigent Daniel Oren wunderbar herausarbeitet. Im Opernhaus von Tel Aviv gelingen dem Orchester und Chor immer wieder überzeugende Verdi-Aufführungen. 

29669640 © Yossi Zwecker Vergrößern Flammenwerfer im Aktfinale. Visueller Genuss bei nicht optimaler Klangqualität.

In der Wüste ist unter dem Sternenhimmel dafür umso mehr los. Eine polnische Balletttruppe aus Kielce tanzt, mehrere Pferde sind im Einsatz. Das Bühnenbild bietet Eiffelturm und Triumphbogen auf, auch wenn sie in mehrere Teile zerlegt sind. Im Hintergrund ist die Windmühle des Moulin Rouge zu sehen. Raketen und Flammen steigen auf, grelle Farben künden in großen Reklamelettern von „Liberté“, „Amour“. Am eindrucksvollsten ist jedoch der kurze Augenblick vor dem Schlussapplaus, wenn kein einziger Scheinwerfer mehr leuchtet. Dann schafft es der Mond ganz alleine, die Wüstenlandschaft mit seinem milchigen Licht in einen magischen Ort zu verwandeln. Auch nächstes Jahr wird der Berg wieder nur eine Nebenrolle spielen. Von Paris geht es zu Tosca nach Rom.

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