http://www.faz.net/-gqz-74ug4

„La Traviata“ in Brüssel : Demut vor dem Werk

Amami, Alfredo, amami quant’io t’amo! Das Liebespaar (Sébastien Guèze, Simona Saturová) im zweiten Akt Bild: Bernd Uhlig

Kinderschändung am Théâtre La Monnaie in Brüssel: Andrea Breth inszeniert „La Traviata“ ohne historische Dekoration und erntet vom Publikum Buhrufe, die nach Erklärung heischen.

          Das Stück endet, wie es anfängt. Schon in den ersten Takten ist ja bekanntlich der Tod anwesend. Zart, schneidend, in jenem jenseitig-gläsernen, lohengrinhaften, dreifachen Pianissimo von Sekundreibungen, womit die geteilten Violinen vom Verlöschen des Lebens berichten. Diese phantastisch erfundene Todesmusik ist so bildmächtig, dass der Vorhang selten geschlossen bleibt während der Ouvertüre zu „La Traviata“ von Giuseppe Verdi.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Die meisten Opernregisseure meinen, man müsse unbedingt etwas dazu zeigen. Also entwerfen sie eine Rahmenhandlung, werfen elliptisch schon mal einen Blick voraus auf die Sterbeszene Violettas oder einen Blick zurück in ihre Kindheit. Auch Andrea Breth hat der Versuchung nicht widerstanden. Kaum gibt Ádám Fischer dem Sinfonieorkest van de Munt den Einsatz, hebt sich der Vorhang im Brüsseler Opernhaus. Die Geschichte beginnt.

          Freiwilliger Opfergang

          Ankunft von Violetta Valéry, die sich selbst später eine Verirrte, vom Wege Abgekommene (“traviata“) nennen wird, in stockfinsterer Nacht auf irgendeinem verregneten Warenumschlagplatz in irgendeinem tatortwürdigen Hafen. Ein junges Mädchen nach dem anderen wird da brutal aus dem Container herausgezerrt, geschlagen, eingeschüchtert, ein Rottweiler bewacht sie. Elendshäufchen. Menschenmaterial.

          Zum baldigen Verbrauch bestimmt als Prostituierte, eingeschmuggelt von irgendwoher aus Osteuropa. Aber als dann in Takt sechzehn die Holzbläser und Hörner dazukommen mit ihrem Hum-Ta-Ta und darüber die Liebesduettmelodie aus dem zweiten Akt aufblüht, con passione e forza, taucht sie auf. Niemand zerrt sie heraus, sie kommt von selbst. Niemand wagt es, sie zu treten oder zu schlagen. Violetta ist das Besondere. Fast glaubt man, sie sei umgeben von einer Aura aus Licht.

          Doch die Breth arbeitet nicht in erster Linie mit Scheinwerfern, sie arbeitet mit den Sängern. Es ist die stolze, gerade Körperhaltung der jungen Sopranistin Simona Saturová, es ist das Zurückweichen und Erstarren der Kerle ringsum, woran klar erkennbar ist: Diese Frau ist eine Heilige. Um ihr Schicksal geht es, ihren freiwilligen Opfergang. Sie verkörpert das Prinzip des Guten, die Utopie des richtigen Lebens im Falschen. Das ist schlicht und wahr. Und so wahrhaftig und schnurgeradeaus geht es weiter.

          Chor als Tapete für das Trauerspiel

          Im ersten Aufzug, als, klassizistisch gerahmt, bei der Orgie in Violettas schneeweißem Luxusloft eine ganze Galerie leichter Mädchen ausgestellt wird, kotzt der Herr Baron der dicken Annina in den Schoß. Er ist an sich ein feiner Kerl, könnte Jungmanager sein, einer von nur sechs Männern, die sich, reich und betrunken, mit Champagner und den drei jungen Damen amüsieren. Nur, wo ist Verdis mächtiger Chor der Gäste geblieben?

          Er singt, schön, aber unsichtbar, aus dem Graben heraus. Andrea Breth hat die Kameliendamen-Geschichte nämlich von all ihren historischen Dekorationen befreit, hat die Gartenlaubenschmonzette vom Opfergang der heiligen Hure ins Hier und Heute verlegt, und siehe da, so funktioniert das unbedingt und immer noch: Ein junger Mann aus gutem Haus verliebt sich in eine junge Nutte, er holt sie raus aus dem Milieu. Familie und Gesellschaft können das nicht zulassen, also opfert sie sich für seine Karriere. Sie stirbt. Er weint. Alle, auch der Vater, heucheln Reue. Chöre würden da stören. Der Chor ist in dieser Oper sowieso nur die Tapete für das Familientrauerspiel, er ist Stichwortgeber, nichts weiter. Weg damit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kanzlerin Angela Merkel und Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki

          Europa : Polen warnt Merkel vor „echter politischer Krise“

          Kurz vor dem EU-Gipfel eskaliert der Streit zwischen Polen und Deutschland. Der polnische Europaminister Szymanski sperrt sich gegen Merkels Forderung, EU-Gelder an die Aufnahme von Flüchtlingen zu knüpfen.
          Entschärfte Bombe am Gallus

          Fliegerbombe entschärft : Kartoffelsuppe in der Geisterstadt

          Die Fliegerbombe am Gallus ist erfolgreich entschärft worden. Viele Bewohner werden die Nacht dennoch nicht so schnell vergessen. Streifzug durch ein Viertel im Ausnahmezustand
          Der saudische Außenminister Adel al-Dschubair

          Streit um Waffenexporte : Saudis wenden sich von Deutschland ab

          Das Königreich reagiert enttäuscht auf die Entscheidung Deutschlands, keine Waffen mehr an Parteien des Jemen-Kriegs zu exportieren. „Wir brauchen eure Rüstungsgüter nicht. Wir werden sie woanders finden“, teilt der Außenminister mit.

          Neues Formel-1-Auto : Mercedes und ein „Kunstwerk“ auf vier Rädern

          Die Formel 1 präsentiert ihre Autos für 2018. Auch Weltmeister-Team Mercedes zeigt den neuen Silberpfeil. Einen Schönheitswettbewerb gewinnt der Bolide nicht. Aber der Blick bleibt an einem umstrittenen Titangestell hängen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.