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Kurdische Sängerin Aynur : Hier ist die Türkei, sing gefälligst türkisch

Popmusik kommt ihr nicht ins Haus: Aynur, unlängst in Mainz Bild: Helmut Fricke

Zwischen allen Stilen und Stühlen: Die kurdische Sängerin Aynur ist die Globalisierung in Person. Das muss eine schwere Bürde sein. Davon zeugt ihr aktuelles Album „Hevra“, das nun auch bei uns erscheint.

          Seit drei Jahren wohnt die alevitisch-kurdische Sängerin Aynur in Europa. Sie konzertiert in Deutschland und auf dem ganzen Kontinent, sie arbeitet mit Musikern aus aller Welt zusammen. Ihr Äußeres hat sich verändert, ihr Gesicht, ihre Haare, ihre Kleidung. Auch ihre Musik verändert sich. „Meine Seele aber, sie ist gleich geblieben.“

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Aynur sagt, sie sehne sich nach der Gemeinschaft von damals, an die Geschichten, die erzählt wurden, an das Einssein mit der Natur und an das Gefühl der Freiheit, wenn sie die vier Monate des Sommers auf den Weiden in den Hochebenen Anatoliens verbrachten. Im Dorf Cemisgezek in der Provinz Tunceli, zu der die Kurden Dersim sagen, lebten damals hundert Familien. Alle waren Schafhirten. Dort wurde Aynur 1975 geboren. Strom gab es erst 1983, bald danach kam das erste Fernsehgerät und mit ihm eine neue Welt. Die Kinder des Dorfes gingen bereits zehn Jahre auf eine Schule, in der sie eine neue Sprache erlernen mussten, Türkisch.

          Einer sagte: „Du hast eine schöne Stimme“

          Lange mussten die Aleviten in der von sunnitischen Muslimen dominierten Türkei ihre Identität verbergen. Aus den Geschichten, die erzählt wurden, verstand Aynur, was Alevi-Sein bedeutet: zu sich selbst finden, zu sehen, wie alles zu dir zurückkehrt. Aber auch zu erkennen: „Du stehst nicht über den anderen, und die anderen stehen nicht über dir.“ Die Aleviten tradierten alles mündlich, die großen Epen, die Musik. Jedes Dorf hatte seine Dengbej, die Sänger, die ohne instrumentale Begleitung Epen vortragen. Auch das Dorf Cemisgezek. Einer sagte zu Aynur: „Du hast eine schöne Stimme.“ Es waren diese Sänger, die den alevitischen Glauben weitervermittelt haben. Und Aynur wusste früh, was sie wollte: die Musik einfangen.

          Sie sprachen im Dorf nur Kurdisch. Bis das Fernsehen türkische Nachrichten brachte und türkisch gesungene Musik. Auch in der Schule durfte nur Türkisch gesprochen werden. Über die Provinz sind noch heute in der Türkei viele Vorurteile im Umlauf. Dort hatte die türkische Armee 1938 eine Rebellion alevitischer Kurden niedergeschlagen und Zehntausende Menschen getötet. Seither gilt die Region, die offiziell in Tunceli umbenannt wurde, bei vielen Türken als Synonym für Separatismus und Terror. Aynur schüttelt den Kopf und sagt, bei den Dersimliler, den Leuten aus Dersim, gebe es zwischen Mann und Frau keine Diskriminierung.

          Wird die Nation nicht mehr geliebt?

          Ihr erstes Konzert gab sie mit dreizehn Jahren auf der Mittelschule in der nahe gelegenen Stadt Elazig. Auf der Jahresabschlussfeier sang sie vor 1500 Zuhörern, vor Schülern und Honoratioren der Stadt. Folgenlos blieb, dass sie als Zugabe, weil ihr nichts anderes mehr einfiel, ein kurdisches Lied sang. Nicht folgenlos blieb, als sie beim Istanbuler Jazzfestival im Juli 2011 kurdische Lieder sang. Sie trat mit dem spanischen Gitarristen Javier Limon auf. Gemeinsam mit anderen Künstlern stellten sie die Musik des Mittelmeerraums vor, spanische und griechische Lieder, portugiesischen Fado und das Ladino der Juden Istanbuls. Aynur sang kurdische Lieder.

          Sie hatte keine Probleme erwartet. Selbst türkische Nationalisten hatten begonnen, kurdische Musik zu hören. In einem Film, der ein Kassenschlager wurde, sang Aynur kurdisch. Jetzt skandierten einige nach ihrem dritten Lied: „Wird die Nation nicht mehr geliebt? Sing türkisch! Hier ist die Türkei!“ Sie warfen die Sitzkissen auf die Bühne, buhten Aynur aus. „Es war furchteinflößend“, sagt sie.

          Der große kurdische Barde Ahmet Kaya war 1999 in Istanbul auf der Bühne tätlich angegriffen worden, er starb ein Jahr später im Pariser Exil. Aynur verließ aus Angst die Bühne und die Türkei. „In Europa lachen die Menschen, leben Menschen aus verschiedenen Kulturen miteinander“, sagt Aynur. Immer wieder kehrt sie in die Türkei zurück und findet dort eine andere Welt vor. „Das ermüdet, und ich komme nicht zur Musik.“ Wann immer Nationalismus ausbreche, entstehe Spannung, habe man keine Sicherheit mehr.

          Volksmusik galt als reaktionär

          1993 war die Familie wegen der politischen Gewalt zwischen der türkischen Armee und kurdischen Rebellen nach Istanbul gezogen. Aynur erlernte das Saiteninstrument Baglama. Es hängt in jedem alevitischen Haushalt und ist den Aleviten fast heilig. Abends sang sie bei den Zusammenkünften von Aleviten, Kurden und Linken, trat bei Konzerten der ebenfalls aus Dersim stammenden Brüder Metin und Kemal Kahraman auf. Kurdisch war weiter verboten, die Türkei wurde von einer „Pop-Welle“ erfasst. Wer traditionelle türkische Volksmusik hörte, galt als reaktionär. Der Konsum wurde vielen alles. Die Menschen kannten Asik Veysel und andere große alevitische Barden nicht mehr. „Das aber ist unsere Kultur“, sagt Aynur. „Wir haben nie Pop gehört, und ich höre so was auch weiterhin nicht.“

          Sie scheint zu merken, dass sie in ihrer Muttersprache Kurdisch intensiver singt als in Türkisch. Sie singt meistens von Liebe und Schmerz, Zerstörung und Verlust. Musik spiegle den Zustand eines Landes wider, sagt sie. Die griechische Musik sei daher fröhlicher, die anatolische schwermütiger. Das hat einen Grund: „Drehe ich mich um, sehe ich Leid!“

          Zur tagesaktuellen Politik meldet sich Aynur nicht zu Wort, außer wenn es um Frieden geht. Skeptisch sagt sie: „Die Politik kann in der Türkei jederzeit umschlagen.“ Wer vor ein paar Jahren noch positiv gedacht habe, denke heute negativ. Denn in der Türkei sei sichtbar geworden, dass es Türken und Kurden gibt, Lasen und Tscherkessen, Sunniten, Aleviten, christliche Suryani und viele mehr. Das müsse die Gesellschaft erst verdauen. Denn man sei ja mit der Gewissheit groß geworden, dass doch jeder Türke und sunnitischer Muslim sei.

          Sie bezeichnet sich als Ethnomusikerin

          Sich selbst bezeichnet Aynur als Ethnomusikerin. So entfaltet sich ihre alevitisch-kurdische Seele, die die Dorfgemeinschaft von damals in ihr geformt hat. Aus diesem Umfeld sucht sie ihre Texte. Sie hört den Alten zu, geht in Archive. Einige schreibt sie selbst. Vier CDs sind von ihr seit 2004 erschienen. „Kece Kurdan“ (Kurdisches Mädchen) erzählt zum näselnden Ton der kurdischen Oboe (Duduk) noch vom schweren Leben in Anatolien. „Hevra“ (Zusammen) aber verströmt eine fast mediterrane Aura.

          Jetzt kommt „Hevra“ auch in Deutschland auf den Markt (Network/Membran). Entstanden ist das Album in Zusammenarbeit mit dem spanischen Gitarristen Javier Limon, der Aynur erstmals in Spanien gehört hatte. Schwierig sei der Weg von Kece Kurdan bis Hevra nicht gewesen, sagt Aynur. „Wir kommen vielleicht von verschiedenen Punkten, gehen aber aufeinander zu.“ Man müsse nur von einer gemeinsamen Musikempfindung ergriffen werden.

          In der Türkei kommt „Hevra“ gut an, auch unter denen, die nur kurdische Musik hören. Schließlich erneuere sich auch die kurdische Musik, sie müsse nur ihrem „Geruch“ treu bleiben. Immer wichtiger wird ihre Fangemeinde in Europa. Von jeder alevitisch-kurdischen Familie leben ein paar Mitglieder in Europa, und sie hören noch mehr Musik als in der Türkei. An Deutschland fasziniert sie, wie viele Konzertsäle, Opernhäuser und Theater es gibt. „In Istanbul haben wir einen großen Konzertsaal, und der wurde in ein Konferenzzentrum umgewandelt.“ Auch ärgert sie, dass ihr die türkische Version der deutschen Gema bis heute eine Vergütung ihrer urheberrechtlich geschützten Werken mit dem Argument verwehrt, dass „Kurdisch“ keine definierte Sprache sei.

          Sie, der aserbaidschanische Jazzpianist Salman Gambarov, der Iraner Kayhan Kalhor, der das Streichinstrument Kamanche spielt, und Cemil Qocgiri, der die Laute spielt und frühere Alben Aynurs arrangiert hat, haben ein Quartett gegründet, das erstmals im vergangenen Jahr in Osnabrück auftrat. Mit dem Cellisten Yo-yo Ma und einem Ensemble von fünfzehn Musikern will sie in Istanbul konzertieren. Sie hofft, dass dann keine Sitzkissen mehr auf die Bühne fliegen.

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