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„100 Jahre Kommunismus“ : Die gewalttätige Neufassung der Welt

  • -Aktualisiert am

Er dirigiert Prokofjews „Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution“: Kirill Karabits zeigt der Staatskapelle Weimar, wo es langgeht. Bild: Candy Welz

Das Kunstfest Weimar feiert „100 Jahre Kommunismus“. Mit aggressivem Blech von Prokofjews Meisterwerken wird der Stalinismus zum krachenden Gaudium. Doch sollte Revolutionskunst kritiklos bleiben?

          Aggressives Blech wuchtet sich mit Klangschlägen durch den Raum. Im Staccato deklamiert der große Chor melancholiefreie Revolutions-, Kriegs- und Siegesreden von Lenin und Stalin in Primitivharmonik. Zarteres Kolorit oder folkloristische Schunkelpassagen werden von brutal einsetzendem Schlagwerk inklusive Spielzeug-Maschinenpistole zum Amüsement des Publikums zerschossen oder im Marschschritt geräuschvoll überrannt. Wo es sanfte Ansätze zu mehr als Pathos und Monstrosität gibt – etwa in der pseudoidyllischen Symphonie, die kurz in eine pastorale Märchenwelt entführt –, lösen sich auch diese rasch in hymnische Klangseen aus spätromantischem Kitsch auf. Das Ende ist nach einer Dreiviertelstunde immer noch laut, und das Publikum folgt mit krachendem Getrampel und Bravo-Rufen. Wenige sitzen darunter, die still bleiben.

          Aus Veranstalter-Sicht war das Konzert am 23. August 2017, das als Höhepunkt des Kunstfestes Weimar galt, ein voller Erfolg. Sergej Prokofjews „Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution für Orchester, Militärkapelle und zwei Chöre“ (1937) bescherte eine vollbesetzte Weimarhalle und ein begeistertes Publikum, darunter viele Schüler. Das 1990 gegründete Festival für zeitgenössische Künste, das seit dem Weggang der Intendantin Nike Wagner (2004 bis 2013) unter der künstlerischen Leitung von Christian Holtzhauer und des Deutschen Nationaltheaters Weimar um Neufassung und Zuschauer ringt, braucht dringend solche Erfolgsbilanzen. So setzte man dem dekadenmüden Reformationsfeier-Trend ein anderes Jubiläum als festwürdig entgegen. „100 Jahre Kommunismus“ lautet das Motto des Kunstfestes (noch bis zum 3. September). Man wolle den Blick in die Geschichte lenken, so das Programmheft, und mit der Frage konfrontieren, ob die Welt gut sei, wie sie ist.

          Nach dem Verklingen von Prokofjews Wucht-Kantate kann die Antwort nicht endgültig, aber zumindest dahingehend lauten, dass Gott sei Dank der Kommunismus passé ist, jedenfalls in seiner bisherigen Gestalt. Die Texte von Marx, Lenin und Stalin, die Prokofjew nach eigener Aussage „mit großer Begeisterung“ zusammenschmiedete, proklamieren eine durch und durch gewalttätige Neufassung der Welt. Der Komponist war 1936 in die Sowjetunion zurückgekehrt, hatte zwei Jahre intensiv an der Revolutions-Kantate gearbeitet und auch danach noch weitere regimetreue Werke verfasst. Geplant war für die Kantate eine Monumentalaufführung auf dem Roten Platz in Moskau im November 1937. Das Riesenorchester sollte um eine Militärkapelle, Akkordeonensemble und eine Geräuschgruppe mit Kanonenschüssen, Maschinengewehr, Alarmglocke, Sirene und Marschschritten ergänzt werden. In Weimar übernahmen diese Rollen die Staatskapelle Weimar, das Luftwaffenmusikkorps Erfurt und der Ernst Senff Chor Berlin.

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