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Sommerakademie Jekaterinburg : Nach der Zwangsarbeit die Hausmusik

Am Ufer des aufgestauten Turja-Flusses erinnert ein Denkmal an die Toten der deutschen Arbeitsarmee, die das Aluminiumwerk im Hintergrund errichtete. Bild: akg-images / Elizaveta Becker /

Im Ural, dem Tor zu Sibirien, wo einst deutsche Zwangsarbeiter eine ganze Stadt aufbauten, zeigt eine deutsch-russische Jugendorchester- Akademie, dass mit Musik alles besser geht.

          Jekaterinburg im Ural ist nicht nur Russlands bedeutendste Industriemetropole, sondern auch ein Kulturzentrum, das europäische Traditionen in den asiatischen Landesteil trägt. Vielleicht schärfen die hier ansässigen Maschinen-, Bergbau- und Rüstungsbetriebe das Gespür dafür, dass technische Produktivität Hochkultur als Voraussetzung benötigt; möglicherweise wirkt auch die geographische Randlage als Tor zu Sibirien wie eine Herausforderung. Jedenfalls besitzt Jekaterinburg eine der stärksten russischen Philharmonien mit einem stehenden Nachwuchsorchester, das seit mittlerweile vier Jahren mit deutschen Spitzenmusikern Sommerakademien abhält, die von der russischstämmigen Berliner Musikwissenschaftlerin Tatjana Rexroth und ihrer Produktionsfirma organisiert werden, seit zwei Jahren mit Unterstützung vom Auswärtigen Amt, und jedes Mal neue, für die Region attraktive inhaltliche Schwerpunkte setzend.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diesmal arbeiteten vierzig junge Instrumentalisten aus Jekaterinburg und zwanzig in Deutschland studierende Kollegen aus acht Ländern zunächst mit dem Berliner Bratschisten Igor Budinstein und dem Klarinettisten Mariano Domingo, um dann unter dem Dirigenten Christoph Gedschold zu einem internationalen Klangkörper namens Tschaikowsky-Orchester zusammenzuwachsen und das Violinkonzert dieses europäischsten russischen Komponisten sowie die vierte Symphonie seines deutschen Zeitgenossen Johannes Brahms aufzuführen.

          Jekaterinburg fühlt sich mit Tschaikowsky, der im nahe gelegenen Alapajewsk als Sohn eines Bergbaumanagers prägende Kinderjahre verlebte, eng verbunden. Die deutsche Kultur schlug hier Wurzeln, seit Zar Peter der Große westliche, vor allem deutsche Montanfachleute anheuerte, um die Erz- und Edelsteinvorkommen im Ural zu erschließen. Und im Zweiten Weltkrieg wurden Hunderttausende Deutsche von der Wolga, aus der Ukraine und aus Kasachstan an den Fluss Turja deportiert, um vierhundert Kilometer nördlich von Jekaterinburg, das damals Swerdlowsk hieß, als „Arbeitsarmee“ („Trudarmia“) das Bogoslow-Aluminiumwerk und nach Kriegsende die Stadt Krasnoturjinsk zu errichten. Im Kulturpalast des seit den Emigrationswellen der Perestroika auf 57.000 Einwohner zusammengeschrumpften Krasnoturjinsk eröffnet der Auftritt des Tschaikowsky-Orchesters zugleich eine neue Filiale der Swerdlowsker Philharmonie.

          Russische Musiker intonieren mit einer besonderen emotionalen Emphase, konnte der Dirigent Christoph Gedschold bei der deutsch-russischen Orchesterakademie in Jekaterinburg 
feststellen. Zugleich merke man ihnen an, dass sie in einer streng hierarchisierten Gesellschaft der 
sozialen Kontraste leben.

          Das Heimatmuseum von Krasnoturjinsk führt den Gästen, die nie etwas von diesem Ort gehört haben, vor Augen, wie hier eine sozialistische Musterstadt aus dem GULag hervorging – ungefähr zu der Zeit, als in der Urheimat der Deportierten die Juden verfolgt wurden, wie die Krasnoturjinsker Philharmonieangestellte Alla Petrowa-Lematschko anmerkt. Unter den deutschstämmigen Häftlingen waren viele Kommunisten, glühende Sowjetpatrioten, die darum baten, an die Front ziehen zu dürfen. Doch die NKWD-Aufseher teilten die Männer zum Arbeitsdienst vor Ort ein und schickten ihre Frauen und Kinder in der Regel nach Sibirien.

          Auf der Baustelle des für die Kriegswirtschaft essentiellen Aluminiumwerks, das heute zum Oligarchenimperium von Oleg Deripaska gehört, starben mehr als 11.000 Zwangsarbeiter, die meisten davon Deutsche, an Entkräftung und Unterernährung. Die Überlebenden bauten nach Plänen Leningrader Architekten später prächtige Straßenzüge im stalinistischen Empire-Stil und fanden nach Feierabend noch die Kraft, Hausmusik zu machen. Vielen rettete die Musik das Leben. Der wolgadeutsche Geiger Otto Augustowitsch Hoffmann (1919 bis 1969), der zunächst nach Kasachstan verbannt und dann als „Arbeitsarmee“-Rekrut von seiner Familie getrennt worden war, gründete hier ein Amateurorchester, das mit seinen Tschaikowsky-, Schubert- und Haydn-Darbietungen in der ganzen Sowjetunion berühmt wurde.

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