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Dresdens Kulturquartier : Das Maschinenherz schlägt wieder

  • -Aktualisiert am

Die Gebäude des Kraftwerks Mitte in Dresden. Bild: dpa

Konzertsaal, Theater, Museum, Jazzclub und Speisen mit Aussicht: Das von Jörg Friedrich entworfene Dresdner Kulturquartier „Kraftwerk Mitte“ gibt der Stadt ein neues Zentrum.

          Seit dreißig Jahren wechselt das durch Pink Floyds Plattencover „Animals“ weltberühmt gewordene Londoner Battersea-Kraftwerk in schöner Regelmäßigkeit den Besitzer. Jedes Mal werden großartige Nutzungskonzepte und Ausbaupläne von namhaften Architekten propagiert. Bislang sind alle Projekte gescheitert.

          Battersea zeigt exemplarisch, wie schwierig es ist, die „Kathedralen der Arbeit“ aus der Zeit der Schwer- und Energieindustrie als Baudenkmale zu erhalten und neuen Nutzungen zuzuführen. Themseabwärts, bei der Londoner Bank Side Power Station, ist es gelungen, mit der Tate Modern eine angemessene Verwendung zu finden. Ähnliches wünschte man sich für das allen Autofahrern auf der A 8 bekannte Kraftwerk Vockerode nahe Dessau, das seit fast einem Vierteljahrhundert stillsteht. Glücklich schätzen kann sich Cottbus, wo es gelang, das Dieselkraftwerk, einen wunderbaren expressionistischen Backsteinbau, zum Kunstmuseum zu konvertieren.

          Auch Dresden besaß ein solches Monument, das 1928 entstandene Kesselhaus des Kraftwerks Mitte, ein mit vier Schloten besetztes „Schlachtschiff der Moderne“. Aurora nannten es die Dresdner in Anlehnung an den russischen Panzerkreuzer. Die Wende hat das Kohlekraftwerk nicht lange überlebt. 1994 wurde es vom Netz genommen. Im Jahr 2000 fielen die drei voluminösen Kühltürme, eindrucksvolle Stahlkonstruktionen mit Holzbeplankung, und 2006 schließlich auch das Kesselhaus, denn für den Unterhalt des leeren Ungetüms wollte und konnte niemand aufkommen, nicht der städtische Energieversorger DREWAG als Eigentümer und nicht die Stadt selbst.

          Zwischen Backstein und Ostmoderne aus DDR-Zeiten

          Der Verlust an authentischer Stadt-, Kultur- und Industriegeschichte hat in Dresden wenig Aufsehen erregt, schlägt das Herz des Dresdners doch eher für den Barock aus zweiter Hand. Immerhin, ein gutes Dutzend historischer Gebäude des Kraftwerks wurde als sanierungsfähig eingestuft und blieb erhalten: ein Ensemble aus Bauten vom Ende des 19. Jahrhunderts, dazu die expressionistisch angehauchte Backsteinmoderne der zwanziger Jahre und die Ostmoderne aus DDR-Zeiten.

          Als 2008 die Idee aufkam, anstelle des Kesselhauses ein neues Domizil für die Staatsoperette und ein Theater zu errichten, hielten das viele für eine unbezahlbare Vision. Doch der Stadtrat ging das finanzielle Wagnis ein und beschloss 2010 den 93-Millionen-Neubau mit nur einer Stimme Mehrheit. Das anschließende, etwas holprig verlaufende Wettbewerbsverfahren erbrachte einen Entwurf des Hamburger Architekten Jörg Friedrich. Dass die Kosten letztlich die 100 Millionen-Marke rissen, interessierte am Ende niemanden mehr: Dresden feiert den neuen Theaterkomplex und mit ihm die Revitalisierung eines Problemquartiers am Rand der Kernstadt.

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          Wo das mächtige Kesselhaus stand, ragt heute der Theaterneubau ebenfalls recht ordentlich in die Höhe, ebenso blockhaft und schnörkellos und industrieaffin, als sei er eine logische Erweiterung des Bestands. Sein dreigeschossiger Sockel mit der Außenhaut aus rostendem Cortenstahl hat eine urtümliche, schwerindustrielle Anmutung. Er trägt drei höhere Kuben, die Bühnentürme der Staatsoperette, des „Theaters Junge Generation“ (TJG) und des Probengebäudes. Gläsern transluzent der eine, transparent der zweite und mit perforierter Ziegelfassade der dritte, sprechen sie die Sprache zeitgenössischer Industriebauästhetik.

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