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Veröffentlicht: 05.05.2017, 08:35 Uhr

Kulturpalast in Dresden Romantik für das einundzwanzigste Jahrhundert

Eingehüllt in akustische Geborgenheit: Der neue Konzertsaal in Dresden ist ein klanglicher Gegenentwurf zu Hamburgs detailscharfer Elbphilharmonie.

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© dpa Ganz im Sinne des traditionellen, symphonischen Klangs: Der neue Konzertsaal des 1969 eröffneten Kulturpalasts.

Ganz wie das von den deutschen Romantikern erfundene Volkslied erweckt auch Wolfgang Schäuble den „Schein des Natürlichen“ im Sinn des „Ungekünstelten“, als er zur Eröffnung des neuen Konzertsaals im sanierten Kulturpalast Dresden die Festrede hält. Obwohl ein fertiges Manuskript vor ihm liegt, wird beim Bundesfinanzminister, der ein rhetorischer Virtuose im Verstecken von Kunstfertigkeit ist, alles zum lebhaften, aus der unmittelbaren Zuwendung geborenen Wort. Unsere „Angewiesenheit auf Nähe“, sagt er, würde durch keine digitalen Technologien oder sozialen Netzwerke befriedigt werden. Auch die direkte Begegnung zwischen Künstlern und Publikum bei der „Selbstverständigung von Gemeinschaften in Kunstwerken“ sei durch nichts zu ersetzen. Deshalb brauche man solche Versammlungsorte wie diesen Saal in diesem Haus, denn Vereinzelungsorte gebe es mehr als genug.

46191886 © dpa Vergrößern 100 Millionen Euro kostete der Umbau des Gebäudes.

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Der alte Wunsch, moderner Entzweiung durch die integrative Kraft der Kunst entgegenzuwirken, schwingt in Schäubles Rede sympathisch nach. Und obwohl er gar nicht von Musik spricht, so ist es doch die idealistisch-romantische, ursprünglich sehr deutsche Vorstellung von der „absoluten Musik“, worin dieser Wunsch mit größter Wirkung Kunst wurde: das Verschmelzen alles Endlichen im Unendlichen, jener Orchesterklang der Symphonik des neunzehnten Jahrhunderts, der von Deutschland aus auf Europa ausstrahlte. Seine Zauber sollten binden, was der Zeitgeist streng geteilt.

Ein Klang wie zauberischer Dunst

Der neue Konzertsaal, den das Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner in den alten Kulturpalast aus dem Jahr 1969 eingefügt hat, ist schon durch die Ausschreibung des Wettbewerbs auf dieses Ideal festgelegt worden: den „traditionellen warmen Dresdner Klang“. Sitzt man im Parkett des Saales, der architektonisch dem Prinzip der Weinbergterrassen wie die Berliner Philharmonie oder das Leipziger Gewandhaus folgt, dann breitet sich der Klang der Dresdner Philharmonie unter der Leitung von Michael Sanderling aus wie zauberischer Dunst.

46191885 © dpa Vergrößern Geplant war der Kulturpalast als Kongress- und Konzertsaal mit über zweitausend Plätzen, der von der Dresdner Philharmonie ebenso genutzt wurde wie von Jazz-, Rock- und Popbands.

Obwohl die Trennschärfe zwischen Streichern und Bläsern ausreicht, obwohl die Geigerin Julia Fischer sich im Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy kraftvoll vom Orchester abhebt, bleibt das Tutti doch wolkig. Vom ersten Rang aus hört man die individuellen Linien der Streicher deutlicher, und der Sologesang von Matthias Goerne wird nur verdeckt, als in der Schlussstrophe des von Alexander Schmalcz orchestrierten Franz-Schubert-Liedes „An Sylvia“ die Trompete den Bariton doppelt. Aber die „Wärme und akustische Geborgenheit“, wie Sanderling es nennt, bleiben erhalten.

Perfekt ist der Saal – wie alle neuen Säle – noch nicht. Man wird die neun Klangsegel an der Decke nachjustieren müssen, um das eine oder andere Flatterecho einzufangen, das sich – weniger beim MDR-Chor als tatsächlich im Orchester – beim Finale von Ludwig van Beethovens neunter Symphonie selbständig macht. Man wird, wie in der Berliner Philharmonie, vielleicht auch die Podiumshöhe des Orchesters noch einmal überdenken, damit der Klang der Streicher nicht über den Köpfen der Parkettsitzer entschwindet und bei ihnen ein dumpfes Gefühl zurücklässt. Das alles aber ist korrigierbar; auch das Orchester, das vorab nur wenig Zeit hatte, den Saal kennenzulernen, wird sich ihm anpassen.

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