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Kulturkampf Der Würzburger Orchestergrabenkrieg

08.12.2008 ·  Würzburgs Generalmusikdirektor Jin Wang ist wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung fristlos entlassen worden, hat aber Unterstützung im Konzertpublikum. Die Stadt agiert unklug.

Von Martin Otto
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Zweimal versuchte sich Jim Henson an dem Lied „I feel pretty“ aus der „West Side Story“ von Leonard Bernstein. Die Pointe in beiden Sketchen: Eine attraktive langhaarige Puppe sitzt singend vor dem Spiegel, im Laufe des Liedes hat sie sich zu einem scheußlichen Monster geschminkt, schließlich wird sie von einem ebenso grässlichen Monster abgeholt, das sie in die Arme schließt.

Jin Wang, ein chinesischer Dirigent mit österreichischem Pass, ist Schüler von Leonard Bernstein; er hatte mit ihm in Wien zusammengearbeitet. Vor zwei Jahren wurde er Generalmusikdirektor in Würzburg. Für viele Würzburger scheint sich nun „der freundliche Herr Wang“, der sich als Interpret von Wagner und Strauss eines Rufes erfreut, in ein furchteinflößendes Monster verwandelt zu haben.

Der GMD gebärde sich am Pult wie ein Tyrann, seine Blicke, so wurde gesagt, „können töten“. Einen älteren Musiker soll er bei einer Probe derart erniedrigt haben, dass der Philharmonist eine Woche nicht einsatzfähig war. Andere äußern sich differenzierter, räumen aber „Kommunikationsprobleme“ ein. Die Musiker der Philharmonie Mainfranken hatten sich jedenfalls in diesem Oktober mit großer Mehrheit gegen eine Verlängerung von Wangs regulär bis 2010 laufendem Vertrag ausgesprochen. Die Dinge nahmen ihren Lauf: Am 15. November erhielt Wang Hausverbot; nach eigenen Angaben konnte er nicht einmal mehr seine Habseligkeiten aus dem Mainfrankentheater schaffen. Ende November wurde dem Achtundvierzigjährigen fristlos gekündigt.

Ein anderes Monster

Doch Wang hat nicht nur Gegner, im Konzertpublikum hat er durchaus zahlreiche Anhänger. Diese sehen Muchtar Al-Ghusain in der Rolle des Monsters. Der fünfundvierzig Jahre alte Al-Ghusain ist gewissermaßen ein Kollege von Herrn Wang, hat nämlich Musik und Kulturmanagement studiert und nach eigenen Angaben diverse Konzerte „als Pianist und Dirigent seit 1979“ vorzuweisen. Al-Ghusain war Musikschullehrer für Klavier und Blockflöte, leitete die Musikschule in Schwäbisch Gmünd und war Referatsleiter im niedersächsischen Wissenschaftsministerium. Unter der CSU-Oberbürgermeisterin Pia Beckmann wurde der in Würzburg Aufgewachsene, der im Fernsehen auch schon einmal die „Ursonate“ von Kurt Schwitters rezitiert, 2006 berufsmäßiger Stadtrat für das Schul-, Kultur- und Sportdezernat.

Der angesehene Würzburger Fachanwalt für Verwaltungsrecht Wolfgang Baumann wirft dem Dezernenten nun vor, er habe mit „Legenden und Horrorgeschichten aus der Gerüchteküche“ eine Rufmordkampagne inszeniert, mit Anrufen im ganzen Bundesgebiet ein Geheimdossier auch über Wangs Privatleben erstellt, sei für „Bespitzelung und Bedrohung im Dunstkreis des Theaters“ verantwortlich. Baumann ist Vorsitzender der „Freunde der Würzburger Philharmoniker e.V.“, und die stehen geschlossen hinter ihrem GMD. Einen weiteren Verbündeten hat Wang im Würzburger Wagner-Verband. In den Rundbriefen der Verbandsvorsitzenden Margot Müller, der überaus rührigen Chefin eines Autohauses, ist von „unserem allseits beliebten GMD Jin Wang“ die Rede, als „Idee von GMD Jin Wang“ werden die „Wagner-Gala-Abende“ des Verbandes ausgewiesen, der sich mit 2600 Mitgliedern als „weltgrößter seiner Art“ bezeichnet. Wohl nicht zufällig gab Katharina Wagner ihr Regiedebüt 2002 mit dem „Fliegenden Holländer“ ebenhier.

Eine Durchgangsstation

Für Musiker, die Karriere machen wollen, ist Würzburg keine End-, sondern eher eine Durchgangsstation. Wangs zahlreiche Würzburger Freunde sagen, dass er die Philharmoniker auf internationales Niveau gehoben habe, dokumentiert in mehreren CD-Aufnahmen. Seine Gegner sind freilich nicht minder zahlreich, nicht nur im Orchestergraben. Tatsächlich hat der Stadtrat dem Generalmusikdirektor nicht aus einer Laune den Stuhl vor die Tür gesetzt. Wang solle eine Studentin der Musikhochschule, die bei den Philharmonikern als Violinistin aushalf, „zu einer sexuellen Handlung genötigt“ haben. Eine rechtskräftige Verurteilung gibt es freilich nicht, und die „Geschädigte“, um in der Sprache der Juristen zu bleiben, hatte keinesfalls die Initiative gegen Wang ergriffen. Das tat vielmehr Al-Ghusain, als er „eine äußerst ernst zu nehmende Mitteilung“ erhielt, die einen sogenannten „Anfangsverdacht“ begründete.

Der Stadtrat informierte die Staatsanwaltschaft Würzburg. Die beantragte nach ihren Ermittlungen einen Strafbefehl; das Verfahren wurde schließlich gegen Zahlung eines Geldbetrags an zwei Frauenhäuser eingestellt. Ein durchaus übliches Verfahren in der Strafjustiz, aber eben keine Entscheidung über strafbares Verhalten. Die Stadt nahm den Vorfall hingegen zum Anlass, Wang fristlos zu entlassen und ein Hausverbot auszusprechen. Sie begründete dies mit ihren Fürsorgepflichten als Arbeitgeber, die sie freilich ebenso Wang gegenüber hatte. Und sie fuhr noch schwerere Geschütze auf: „Die Stadt Würzburg musste handeln, das ist sie der Öffentlichkeit, dem Rechtsstaat und ihren Beschäftigten schuldig“, hieß es in einer Pressemitteilung.

Drei Anwälte eingeschaltet

Der Würzburger Staatsrechtslehrer Horst Dreier, der eine Überinterpretation des Rechtsstaatsgedankens jüngst kritisierte, dürfte sich über diese Ableitung einer arbeitsrechtlichen Kündigung aus dem Rechtsstaatsprinzip nicht gefreut haben. Wang hat mittlerweile selbst den Rechtsstaat bemüht und drei Anwälte eingeschaltet, und auch seine Wortwahl wurde drastischer: Er fühle sich an die Kulturrevolution in seiner Heimat erinnert. Er hat selbst Strafanzeige gegen die Staatsanwaltschaft Würzburg erstattet, die seine Privatsphäre verletzt haben soll, indem sie seine Ermittlungsakte an die Stadt weitergegeben hat. Tatsächlich hatte der Oberbürgermeister im Stadtrat aus dem Strafbefehl gegen Wang vorgelesen. Unklar ist, wer alles anwesend war. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft im benachbarten Schweinfurt hat bereits erkennen lassen, dass sie das Verhalten der Würzburger Kollegen für eher unproblematisch hält. Die Staatsanwaltschaft Würzburg hat mittlerweile in einer Pressemitteilung der Stadt „verantwortungsbewusstes Handeln“ bescheinigt und, ungewöhnlich für eine Staatsanwaltschaft, die kein Gericht, sondern Teil der Exekutive ist, betont, dass sie nach wie vor den Tatverdacht bejaht.

Zugunsten Wangs hat sich eine Solidaritätsinitiative gebildet, in der die Bildhauerin Helga Zilcher, die Tochter des Würzburger Komponisten und Lehrers von Carl Orff, Hermann Zilcher, mitarbeitet. In der Presse wird sie mit Verweisen auf Wangs „acht internationale Dirigentenpreise“ zitiert. Aber kann man daraus Schlüsse auf die moralische Integrität des Dirigenten schließen? Vorbestraft ist Wang jedenfalls nicht, wie er zu Recht betont.

Die Politik will Ruhe im Haus

Auf der einen Seite steht in diesem Konflikt ein Dirigent aus der Fremde mit ehrgeizigen Plänen, auf der anderen Seite das ortsansässige Orchester, das mit dem „Neuen“ ganz offensichtlich nicht kann – oder will. Die Politik will offenbar Ruhe im Haus und ergreift die Partei der Musiker: Bestimmte Äußerungen erwecken den Eindruck, dass ein einvernehmlicher Abschied Wangs im Gespräch war.

Fast ins Hintertreffen gerät die Person der Studentin, die der Stadt den Aufhänger lieferte. Nach Aussagen Wangs habe er das Geld nur gezahlt, um die Angelegenheit zu beenden, die Frau sei psychisch krank. Auch dies ist schwer zu überprüfen – die treibende Kraft gegen Wang war die Geigerin jedenfalls nicht. Wesentlich deutlicher hat sich der Oberbürgermeister der Stadt geäußert, Georg Rosenthal (SPD), erst seit diesem Jahr im Amt. Ungewöhnlich deutlich kritisierte er Wolfgang Baumann: Wie könne dieser seine Solidarität mit Wang mit seiner Aufgabe als Vorsitzender des Fördervereins der Philharmoniker vereinbaren? Nun ist aber Baumann eine Privatperson, die Freunde der Philharmoniker sind ein privater Verein. Der Oberbürgermeister schießt deutlich übers Ziel. Rosenthals Amtskollege van Bett aus dem niederländischen Saardam hatte einmal einen russischen Zimmermannsgesellen namens Peter Iwanow für Peter den Großen gehalten und so einige – nicht nur kommunalpolitische – Turbulenzen verursacht. Rosenthal möchte sich nicht nachsagen lassen, die in einem Dirigenten schlummernden Gefahren verkannt zu haben. Doch Turbulenzen gibt es nun auch in Würzburg.

Wenig zu gewinnen

Es ist absehbar, dass Wang in Würzburg nur wenig gewinnen kann. Das Verhältnis zwischen Orchester und Dirigent scheint irreparabel zerstört und könnte auch durch einen juristischen Freispruch kaum gekittet werden. Einen Freispruch kann es auch gar nicht geben, das Verfahren wurde ja eingestellt. Jetzt macht eine durchaus gereizt reagierende Stadt dem Dirigenten den Vorwurf, eine einvernehmliche Auflösung des Arbeitsverhältnisses verhindert zu haben. Auch wenn die Fürsorgepflichten immer wieder betont werden: Es geht um festgefahrene Positionen im Kulturleben einer kleineren deutschen Großstadt. Allein auf juristischem Wege lässt sich die Misere nicht lösen. Würzburg wirbt mit dem vieldiskutierten Motto „Provinz auf Weltniveau“. Von Niveau kann in der Affäre Wang nicht die Rede sein.

Die jüngste Volte des Dilettantismus der Stadtoberen: Am Donnerstag gab das Büro des Oberbürgermeisters bekannt, der Stadtrat habe Jonathan Seers als neuen Generalmusikdirektor des Mainfranken-Theaters berufen, der dieses Amt bereits von 1991 bis 2000 innehatte. Einen Tag später erfolgte mit Rücksicht auf das arbeitsgerichtliche Verfahren der vorsorgliche Widerruf. Seinen ersten Auftritt absolvierte Seers am Freitag als „Gastdirigent“, bei einer Vorstellung der Märchenoper „Hänsel und Gretel“.

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