22.02.2012 · Das klingt nicht zusammen: Der SWR plant eine unsinnige Fusion seiner Orchester in Stuttgart, Freiburg und Baden-Baden.
Von Gerhard RohdeAm Wochenende wurden sie noch dreimal umjubelt: in Hiroshima, in Kanazawa und in Fukuoka. Die Musiker des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg befinden sich auf einer neuntägigen Japan-Tournee. Viermal traten sie in Tokios berühmter Suntory Hall auf, ferner in Osaka und Nagoya. Auf dem Programm, auf Wunsch der japanischen Gastgeber, zwei große Werke der abendländischen Musikgeschichte: Beethovens „Eroica“ und Mahlers „Fünfte“ mit dem Adagietto. Dirigent François Xavier Roth und das Orchester sind beeindruckt und begeistert über die großartige Aufnahme beim japanischen Musikpublikum.
Sie können diesen Beifall dringend gebrauchen: als Trost. Denn zu Hause ziehen dunkle Wolken auf. Der Haussender Südwestrundfunk (SWR) hat mit Hilfe einer Unternehmensberatung die nähere Zukunft durchgerechnet - und prompt ein Sparprogramm für alle Abteilungen entworfen. Dass dabei die beiden rundfunkeigenen Sinfonieorchester, das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden/Freiburg und das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, die besondere Aufmerksamkeit der Prüfenden erregten, nimmt nicht wunder: Eine orchestrale Hundertschaft samt Chefdirigent und anhängender Logistik kostet nun einmal mehr als etwa die Hörspielredaktion. Das war von Anfang an so und ist nichts Neues.
Die entscheidenden Kriterien aber sind nicht mit Rotstiften zu beschreiben, sondern müssen auf den sogenannten Kulturauftrag projiziert werden. Als man die Rundfunksinfonieorchester in den ersten fünf Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg entweder neu gründete oder, wie etwa beim hessischen Rundfunk in Frankfurt, sozusagen reaktivierte, wurden die drei wichtigsten Aufgaben für die Orchester festgelegt: Wiederaufbereitung der im Krieg zerstörten oder veralteten Schallarchive mit neu eingespielten Werken der tradierten Musikliteratur. Dann, gleichsam als ästhetische Wiedergutmachung und künstlerische Reparationsleistung, die Wiederaufführung der im „Dritten Reich“ verfemten Komponisten und ihres Schaffens. Und drittens: die engagierte Beschäftigung mit der jeweils neuen und neuesten Musik.
Dieser dreifachen Aufgabe kommen die Radio-Sinfonieorchester in der Regel bis heute nach, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität. Für die Neue Musik setzten drei Orchester die „Leuchttürme“: das Bayerische Sinfonieorchester mit der bis heute florierenden „Musica viva“-Reihe; die Sinfoniker des Westdeutschen Rundfunks mit den ebenfalls bis heute lebendigen „Musik der Zeit“-Konzerten; und ebendas SWR-Orchester, das bei den 1950 wiederbelebten Donaueschinger Musiktagen die zentrale Rolle übernahm. Alle drei Orchester können in ihren Archiven und Dokumentationen auf Hunderte von Ur- und Erstaufführungen von Komponisten aus aller Welt verweisen.
Die genannten Ensembles leisteten und leisten einen unschätzbaren Beitrag zur Musikkultur unserer Zeit, den nur sie - und selbstverständlich auch die hier nicht erwähnten übrigen Rundfunksinfonieorchester - zu leisten imstande sind. Wer in die Partituren moderner Komponisten Einblick nimmt, die oft komplizierten Notationen und komplexen Strukturen mit schweigender Verwirrung betrachtet, ahnt doch, dass aus diesen Notentexten die Musik nur mit äußerster Ruhe und Geduld, mit hohem Fachwissen und perfekter Instrumentenbeherrschung entbunden werden kann. Wer nun einwendet, ja warum schreiben die Komponisten denn nur so schwieriges Zeugs, das so viel Arbeit macht, stellt die falsche Frage: Die heutigen Komponisten nutzen die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und reagieren mit ihren Werken auf eine sich immer weiter verkomplizierende Welt. Nur wenn ihnen das gelingt, erreicht ihre Musik Glaubwürdigkeit, weil in ihr die Spannungen der Zeit, in der wir alle leben, im Klang erfahrbar werden. Dass dieser Prozess ein entsprechendes Zuhören der Rezipienten verlangt, versteht sich von selbst; als Begleitgeräusch ist sie untauglich. Schon Beethoven beklagte sich einmal darüber, dass den Leuten der „Geist“ fehle, seine Kompositionen zu begreifen.
Um auf den aktuellen Anlass zurückzukommen: Die Zukunftspläne der Südwestfunk-Intendanz für die beiden Sinfonieorchester des Senders lauten (nach Anhörung der Beratungsfirma): entweder Verkleinerung der beiden Orchester von 102 Planstellen in Stuttgart und 98 in Baden-Baden/Freiburg auf jeweils etwa 80. Damit hätte man dann zwei mittelgroße, deutlich weniger funktionsfähige Ensembles, die sich beispielsweise für jede Mahler-, Strauss- oder Messiaen-Aufführung zahlreiche Zusatzmusiker engagieren müssten - was wiederum Geld kosten würde. Die andere Option: Fusion der beiden Orchester auf eine Maximalstärke von 110 bis 115 Musiker. Der schon in der oberen Etage geäußerte Stolz auf ein „richtig“ großes Orchester verkennt die innere Organisation eines sinfonischen Klangkörpers. Ein gutes Sinfonieorchester ist kein zusammengewürfelter Haufen, sondern ein sensibler, fein austarierter Organismus von Klangbalancen, Aufeinander-hören-Können, geschmeidigen Reaktionen, Erfahrung im Zusammenspiel aller Beteiligten. Um das zu erreichen, braucht es lange Zeit. Ein willkürlich zusammengefügtes Großorchester erzeugt, auch nach personeller Abschmelzung, erfahrungsgemäß vornehmlich einen indifferenten Klangbrei, den allenfalls Laien beeindruckend finden.
Das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden/Freiburg hat sich in den Jahrzehnten unter seinen Chefdirigenten Hans Rosbaud, Ernest Bour, Michael Gielen und zuletzt Sylvain Cambreling in die erste Reihe der Orchester nicht nur in Deutschland gespielt. Es wird in Paris ebenso als Musikbotschafter bewundert wie die Berliner und die Wiener Philharmoniker oder das Concertgebouworkest Amsterdam. Gleiches gilt für seine Tourneen, wie jetzt eben nach Japan. Diese Botschafterwirkung sollte man nicht unterschätzen, sie nützt dem ganzen deutschen Musikleben. Dass das SWR-Orchester neben den traditionellen Abonnementskonzerten zusätzliche Heimataufgaben wie Kinder- und Jugendkonzerte sowie viele Auftritte in den kleineren Städten des Landes engagiert wahrnimmt, sei nur am Rande erwähnt.
Mindestens ebenso wichtig wie die Vermittlung von Musik aber ist die Herstellung von Musik - von neuer Musik, die die Kontinuität unserer Musikgeschichte sichert. In diesem Sinne haben das Orchester in Baden-Baden und Freiburg und - in etwas kleinerem Rahmen - das Stuttgarter Radio-Sinfonieorchester eine unverzichtbare, mit materiellen Kennziffern und Sparquoten kaum bewertbare Arbeit in allen Jahren und Jahrzehnten geleistet. Sie waren als Vermittler eingesetzt zwischen den Komponisten unserer Zeit und dem Erklingen ihrer Werke, damit wir, die Zuhörer, sie empfangen konnten. Ein solch tragendes „Netzwerk“ (wie es heute so gern heißt) zerreißt man nicht einfach, weil es so am bequemsten ist, Leute und damit Geld einzusparen.
Besser wäre es, darüber nachzudenken, wie man die Finanzierung der Klangkörper organisieren könnte, damit mehr Geld eingenommen wird: beispielsweise durch die Überführung der SWR-Orchester in eine Gesellschaft, an der sich auch auswärtige Mitglieder beteiligen könnten. Noch ist Zeit, sich alles ohne die bedrohlich geschwungene Keule der Rationalisierer sorgfältig zu überlegen. Wenn ein Verantwortlicher in der Programmdirektion derzeit verwundert feststellt, dass in der betreffenden Causa noch kein Proteststurm losgebrochen sei, so darf man ihm versichern, dass alle Beteiligten und außenstehenden Interessenten noch auf Einsicht setzen. Noch.
Fusion
Lambertz Dieter (Musikszene)
- 23.02.2012, 10:48 Uhr
Auch wenn das schwer zu verstehen sein mag...
Jörg Engels (EngelsExil)
- 22.02.2012, 22:21 Uhr
Sparen ja, aber nicht in diesem Bereich - besser bei den viel teuereren,
wie Sport und Shows
Hans-Eberhard Fischer (Sphinx1)
- 22.02.2012, 22:14 Uhr
Kultur der Wirtschaftlichkeit
Rainer Schweitzer (RSRS)
- 22.02.2012, 22:06 Uhr
Warum nicht 5 Orchester?
Achim E. Leisewitz (AEL82007)
- 22.02.2012, 18:47 Uhr