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Krzysztof Penderecki wird achtzig : Jetzt muss er noch die Pastorale komponieren

  • -Aktualisiert am

Effektsicherer Theatraliker: Krzysztof Penderecki Bild: Rick Pushinsky /eyevine

Am Samstag feiert der polnische Komponist Krzysztof Penderecki seinen achtzigsten Geburtstag. Mit einer Einspielung seiner bislang sieben Symphonien eröffnet er einen ganz eigenen Klangkosmos.

          Die Ratlosigkeit der Avantgarde hat Hans Magnus Enzensberger schon beklagt, als diese selbst noch emphatisch an ihre Mission glaubte. Das war in den frühen sechziger Jahren, als Krzysztof Pendereckis Sonorismus-Studie „Anaklasis“ und György Ligetis Klangflächenkomposition „Atmosphères“ die Donaueschinger Musiktage in Erstaunen versetzten, Luigi Nonos „Intolleranza“ die bürgerliche Gesellschaft verschreckte, John Cages variabler „Atlas Eclipticalis“ bei seiner Uraufführung Amerikas Musikszene irritierte und der radikale Pierre Boulez sich Falte um Falte Mallarmé näherte.

          Enzensberger, Analytiker der modernen Bewusstseinslage, ging der Sache auf den Grund. Das Voranschreiten der Künste in der Geschichte werde fälschlich als lineare Bewegung gesehen, in der jeder seinen Platz an der Spitze oder im Tross selbst bestimmen könne. Nicht bedacht werde jedoch, dass diese Bewegung vom Bekannten ins Unbekannte führe, somit nur die Nachzügler angeben könnten, wo sie sich befänden: „Was vorn ist, weiß niemand, am wenigsten, wer unbekanntes Terrain erreicht hat. Das ,avant‘ der Avantgarde enthält seinen eigenen Widerspruch: es kann erst a posteriori markiert werden.“

          Enzensbergers Kritik der Avantgarde hat Langzeitwirkung entfaltet. So schnell würde heute jedenfalls niemand ästhetischen Pluralismus verteufeln wie 1958 noch Adorno, dem geradezu davor graute, dass alle möglichen musikalischen Typen mit gleichem Recht nebeneinander herlaufen könnten, Schönberg und seine Nachfolger, Strawinsky, am Ende gar noch Benjamin Britten! Dagegen hat Ernst Kreneks schon 1937 formulierte Auffassung Gewicht erhalten, Musik als Kunst beruhe primär auf Axiomen, die weder von der Natur noch von der Geschichte, sondern von Komponisten gesetzt werden, deren ästhetische Intentionen darüber entscheiden, was satztechnisch als Sinnzusammenhang gelten soll.

          Bruch mit den Selbstverständlichkeiten

          Es gibt wenige Komponisten der Gegenwart, die so wie Krzysztof Penderecki mit ihrem OEuvre zwischen die Frontlinien dieser Avantgarde-Kämpfe geraten sind. Dabei wurden jene Werke, mit denen er früh schon Aufsehen erregte - „Anaklasis“, die Streicherkomposition „Threnos“ oder das Orchesterwerk „Fluorescences“ -, als Geräuschkompositionen mit ausgedehnten Clusterstrukturen zu den herausragenden Beispielen eines noch möglichen Fortschritts gezählt. In ihnen wurde nämlich jene fundamentale Prämisse von zentralen und peripheren Toneigenschaften außer Kraft gesetzt, die in der europäischen Musik jahrhundertelang zu den fest verwurzelten Selbstverständlichkeiten gehört hatte. Bei Penderecki aber wurden Intensität und Klangfarbe als gleichberechtigte, selbständige Parameter begriffen.

          Das positive Urteil galt durchaus auch Pendereckis 1966 uraufgeführter „Lukas-Passion“ mit ihren Erkundungen zwischen Klang und Geräusch, ihren aparten Gregorianik-Intarsien und den Mixturen aus Dur-Moll-Harmonik und seriellen Kompositionsverfahren. Ebenso folgerichtig wurden jedoch die allmähliche Abkehr vom Sonorismus und die gleichzeitige Hinwendung zu Kontrapunkt, traditionellem Tonsatz und spätromantischem Klanggestus als Fahnenflucht interpretiert. Pendereckis Erklärung für seine ästhetische Kehrtwende war bezeichnend: Mit seinen geräuschhaften und religiös geprägten Werken - letzteres ein durchgehendes Charakteristikum aller Schaffensperioden - habe er bewusst Stellung bezogen gegen die offizielle ästhetische Ausrichtung im Nachkriegspolen, das weder musikalische Experimente noch geistliche Werke akzeptierte. Mit dem Verschwinden staatlicher Bevormundung aber wurde auch diese ästhetische Gegnerschaft, zumindest was experimentelle Techniken betrifft, obsolet. Zudem habe die Avantgarde ihren Sinn verfälscht, wenn man den Begriff von seiner Herkunft aus dem Militärwesen ableite: Jede Avantgarde habe den Zweck, den nachfolgenden Gruppierungen größere Sicherheit und Zeit zu gewähren. Und die vorgeschobenen kleineren Truppen haben sich nach den ihnen folgenden größeren zu richten, was Abstand und Tempo der Fortbewegung betrifft.

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