Home
http://www.faz.net/-gs3-ytq6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Krise des Schauspiels Das Theater schafft sich ab

02.05.2011 ·  Birgit Minichmayr will am Wiener Burgtheater nicht mehr Wedekinds „Lulu“ spielen. Einzelfall oder Symptom einer generellen Krise? Auf den Bühnen wagt man keine Grenzgänge mehr. Der Erfolgsdruck entmachtet die Phantasie.

Von Peter Kern
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

„Schreib ja nicht gut über mich!“, flüsterte mir Peter Zadek zu und strich sich dabei zärtlich über seine Glatze. Später ein Anruf des damaligen Burgtheaterintendanten Klaus Bachler: „Hiermit verbiete ich dir, über die Proben zu ,Der Jude von Malta' öffentlich zu berichten.“ Das Theater verliert merklich an Humor, Zadek meinte mit „Schreib ja nicht gut über mich!“, er fürchte, ich schriebe nicht ausführlich genug über ihn. „Warum gibt sich das Theater so verkrampft und kleinkariert?“, frage ich Zadek: „Die Juden sterben aus, die Söhne der Nazis werden heute Intendanten.“

Das Berliner Theaterfestival (vom 6. bis 22. Mai) kündigt zehn Inszenierungen an. Die Jury, vermutlich der Hochkultur verpflichtet, zeigt uns fünf Dramen, die wir alle kennen, und fünf neue Stücke. Das Theater muss sich erneuern, sagt sich Jury-Vordenker Franz Wille. Das Stärkste, was der Mensch hat, ist Wille. Ich lernte ihn noch als lustigen Dramaturgen unter Hübner kennen. Der Mann scheint so viele Hiebe abbekommen zu haben, dass er aus Angst den Schutzmantel eines Kritikers angenommen hat und nun einen Rachefeldzug gegen sich selbst führt.

Was Franz Wille und seine Redakteure von „Theater heute“ schreiben, wird in den ahnungslosen Kulturabteilungen der Städte umgesetzt. „Theater heute“ ist kein Gesetzesblatt, es hat eine Auflage von 15.000, aber behauptet, das Grundgesetz der Theaterkultur zu sein. Niemand wagt Kritik an diesen lüsternen Theateruntergangsphantasien, die arrogant und selbstgefällig daherkommen. „Theater heute“ bestimmt, wer überlebt, wer hochgespielt wird und wer wieder fällt. Und Politiker und Intendanten fürchten dieses auf Hochglanz polierte Provinzblättchen.

Was will Wille? Er wählt, kürt, seziert Theaterinszenierungen und terrorisiert die Theaterszene. Wo der Wille ist, wird das Theater zur Ideologie. Wille will alles anders, alles neu, er wettert gegen den Guckkasten. Allein die Ankündigung, dass die Jury des Theatertreffens im Zuschauerraum sitzt, führt zu hysterischen Ausbrüchen.

Wo ein Wille ist

2011 werden wieder „Kirschgarten“ oder „Don Carlos“ gespielt. Wir haben sie in Hamburg, in München, in Paris und sogar in Wien schon gesehen. Grund, die Wiederentdeckung zu feiern. Aber wer feiert hier wen und warum? Alles, was hier stattfindet, passiert ohne Not. Subvention ist Geld für den Widerspruch. Wille vergisst, das Theater auch Theater sein dürfen muss. Jetzt hat sich das Theater ohne Not neoliberalistisch dem Quotendenken geöffnet und hält sich auch mit seinem fliegenden Personal für einen Teil der Entertainmentindustrie. Dieses Theater erstickt an seiner Selbstverliebtheit. Da halten die Scherenschnitte von Bob Wilson noch länger durch, und da macht es auch nichts, wenn ein kleines Mädchen namens „Lulu“ mit einer 67-jährigen genialen Angela Winkler besetzt wurde. Das Theater dreht sich im Kreise der Impotenz und ist dabei, sich selbst abzuschaffen.

Matthias Hartmann in Bochum, dann in Zürich, jetzt kriegt er in Wien sein Fett weg. Die Stadt läuft Amok. Österreich ist empört. Da setzt oft das Denken aus. Die Gratiszeitung „Heute“ titelt: „Aufstand gegen den Intendanten Hartmann“, der „Kurier“ lügt: „Der Intendant hat geweint.“ Das war immer so in Wien, sie zerreißen sich die Mäuler, die wenigsten wissen warum. Starke Worte, die in einem Land mit 35 Prozent Wählern der rechten FPÖ von Haiderklon und Burschenschafter Heinz-Christian Strache Kultur ausdrückt: „Mehr österreichisches Liedgut für die Schüler.“ Die Faschisten hatten schon immer Angst vorm Theater.

Was ist passiert in der Theaterstadt Wien? Wurde endlich dieser unsägliche Grabesurnenpreis (Nestroypreis) beerdigt? Wien ist anders, Wien hat keine liberale Ausländerpolitik, Wien ist offen für Asylanten wie Luc Bondy, der gerne noch als Direktor der Wiener Festwochen vorbeikommt, um im verblassten Ruhm noch ein paar hunderttausend Euro in die Pension zu retten. Arbeiten tut er eh lieber in Paris und Zürich bei den Freunderln. Alle gegen Matthias Hartmann - ein Grund, ihn zu mögen. Hartmann war immerhin eine Geburt aus schwarz-blauen Tagen, ein Werk des mittelmäßigsten aller Burgschauspieler, des Herrn Franz Morak (Staatssekretär für Kultur). Als ÖVP-Mann forderte er Management, die Zahlen müssten stimmen, und aus dem Wiener Rathaus, dem Schlaflabor, hallte es vom Kulturstadtrat rüber: „Marketing braucht das Theater.“

Wo Marketing regiert

Seit drei Wochen probe ich in Frank Wedekinds „Lulu“ den Dr. Goll, Lulus ersten Ehemann, am Burgtheater unter der Regie von Jan Bosse. Tagelang warte ich auf den Anruf des Intendanten, dass er sich freut, mich am Burgtheater begrüßen zu können; oder zumindest, dass er es nicht verhindern konnte. Selbst bei der Müllabfuhr kommt einmal der Chef vorbei. Auch ich möchte von seiner Liebe getragen werden. „Das können Sie an diesem Haus nicht erwarten“, hörte ich aus der Direktion. Ich habe mich dann mit einem Werbespot des Intendanten für Meinl-Kaffee getröstet und mir gedacht, ihr sollt euer Marketing haben. Daraufhin stand in meinem Vertrag: „Öffentlichkeitswirksame Stellungnahmen und Äußerungen zur Produktion ,Lulu' und zum Burgtheater seitens des Vertragspartners (Peter Kern) dürfen erst nach Abstimmung mit dem Regisseur und der Direktion veröffentlicht werden.“

Die Holzbank vor dem Portier der Probebühne im Arsenal ist bei meiner Ankunft schon belegt. Die Wolken hängen tief, hinter einer schwarzen Hutkrempe das spitzfindige Lächeln einer Ikone des Theaters, Ignaz Kirchner als Schigolch, der Vater Lulus. Die Wolken spüren, dass es an der Zeit ist, der Sonne Platz zu machen. Mit dem ersten Strahl, voll des Glücks, gesellt sich Birgit Minichmayr auf unsere karge Bank. Die anderen Kollegen müssen stehen. Hartmann hatte es den Wienern versprochen: „Ihr wollt das Beste, ihr sollt das Beste haben.“ Auftritt der ersten Garde deutscher Schauspieler, Peter Kurth, Max Simonischek und Peter Knaack bis zu André Meyer und Regina Fritsch. Ein Auto prescht an die Gruppe heran. Der Regisseur Jan Bosse macht sich laut bemerkbar. Hinter der Autoscheibe wirkt er wie ein Bräutigam, der sich freut, vor einer Akademie einen Vortrag über gelungene Ehen zu halten. Alle sind sie da für die Leseprobe. Es ist ein Liebesspiel, ein Hinhören und ein Suchen, eine Berührung mit der Sprache, die Sprachmelodie modelliert die Figur, stellt den Menschen dar.

Schmerz und Liebe

Birgit Minichmayr: „Meine Männer.“ Und sie schaut auf uns mit sinnlicher Lust, ohne Mitleid. Ich habe noch nie so viel Brüchiges, Verzweifelndes bei einer Leseprobe gehört wie von ihr. „Oh Gott, denke ich mir, wie kann ich das durchstehen, ich heule jetzt schon, und, wie kann sie das durchstehen?“ Diese Ausnahmekünstlerin reißt sich mit jeder Rolle das Herz aus dem Leib. Mit jeder Rolle gibt sie ein Stück von sich preis. Dabei merkt man gar nicht, dass sie eine Schutzsuchende ist. Jemand, der den Schmerz so sehr an sich heranlässt, braucht sehr viel Liebe.

Die folgenden Wochen gehen alle mit Wedekind ins Bett und wachen geschwängert auf. Es macht mir großen Spaß, über die süßen kleinen Tänzerinnen zu phantasieren und dabei Lulu zu quälen. Ich komme dem Schwein in mir immer näher. Jan Bosse gibt uns Freiraum im Denken und Fühlen. Nächste Woche soll der vierte Akt verfilmt werden. Ich möchte von dem Konzept nichts verraten, ich hoffe nur, dass es einmal realisiert werden wird.

Wo Scheitern gelingt

Das Burgtheater ist kein Stadttheater, es ist mehr. Aber was macht den Unterschied? Ich habe mich aus dem Stadttheater zurückgezogen, weil das Theater auf Erfolg subventioniert wird. Dabei sind Subventionen da, um Grenzgänge zu wagen, das Scheitern als Qualität zu sehen. Der Erfolgsdruck entmachtet die Phantasie. Das Theater heute hat sein Geheimnis verloren. Der letzte Freiraum ist fremdbestimmt. Finanzielle Zwänge, von der Politik vorgegeben, verharmlosen das Theater. Das Theater ist nicht mehr der Vordenker einer Gesellschaft, es kommt zu spät und wird belächelt. Das Management schreit nach Stars. Die Wiener lieben ihre Stars. Nur wenige Schauspieler gehen noch zusammen nach der Vorstellung einen „saufen“ und reden über den Abend. Heute Wien, morgen Berlin, übermorgen Zürich. Theaterstars sind Flugmeilensammler. Nicht selten sprechen sie dann den falschen Text am falschen Ort.

„Ich fühle mich schon ein bisschen wie Annemarie Düringer“, sagt Birgit Minichmayr plötzlich mit Respekt und fügt hinzu: „Ich spiele Rolle um Rolle und merke gar nicht, wie ich ein Teil dieses Apparats geworden bin. Warum machen wir denn überhaupt heutzutage dieses Stück ,Lulu', lasst uns doch darüber sprechen.“ Lange Stille. Dreißig Menschen sitzen auf der Probebühne und denken nach. Die Proben am Tag darauf werden abgesagt. Auf diesem Fundament war es für Birgit nicht möglich, ihr Lebenshaus für „Lulu“ zu bauen. So funktioniert eben auch ein offener Prozess. Das Theater als Denkwerkstatt, dessen Freiraum auch Scheitern, Verwerfen, Fehlentscheidungen zulassen muss. Das Theater gibt sein Scheitern zu, das stimmt uns traurig, es ist die Hölle, da müssen wir durch, weil Kunst ein Privileg ist, das Leben schafft. Übrig bleibt: eine johlende Meute schlechter Journalisten, die sich hinter die Bühne der Gerüchte geschlichen haben, ohne wirklich etwas zu wissen; eine gedachte „Lulu“, ein wunderbarer Regisseur im Korsett der Verzweiflung und ein trauriger Intendant.

Applaus für die Selbstbeschneidung

Einige Tage später kündigt er einen weiteren Star des Theaters an: Klaus Maria Brandauer kommt nach sieben Jahren für Schnitzlers „Das weite Land“ ans Burgtheater zurück. Und dann eine Entscheidung, die alles auf den Kopf stellt. Das Burgtheater vertritt Österreich und wurde mit Stefan Bachmanns Inszenierung der „Beteiligten“ von Kathrin Röggla auf das Theatertreffen eingeladen. Während die Kollegen in ihren Flugzeugen sitzen und in ihre Stadttheater fliegen, entdecke ich auf dem Theatertreffen das Werk eines Toten. Christoph Schlingensiefs Kunst wird weiter missbraucht, als Franz Willes Alibi für modernes Theater. 2003 stampften wir mit Schlingensief durch die Straßen Zürichs und schrien durch das Megafon: „Wir fordern den sofortigen Subventionsstopp für alle Theater in der Schweiz, in Deutschland, in Österreich, in Europa und in der ganzen Welt.“ Und alle haben applaudiert. Das macht mir heute noch Angst.

Und Frau Minichmayr, meine kleine Tänzerin, niemand weiß wirklich, warum sie die Lulu hingeworfen hat. Derweil fährt Angela Richter durchs Land und erzählt mit Geist und Humor über Drogen, Wilhelm Reich und mischt sich in unser Leben. In Berlin im Hau oder in Wien in der Garage X, dort trifft man dann auf die Magie, die dem Stadttheater längst abhandengekommen ist. Und ich warte auf den Ort, die Zeit und das Theater, wo eines Tages Birgit Minichmayr die Lulu spielt - und sei es am Ende der Welt, ich werde ihr nachreisen, meiner kleinen ungeschützten Tänzerin.

Peter Kern, 62, lebt als Schauspieler und Regisseur in Wien.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Landesfahrrad

Von Hannes Hintermeier

Wer hat´s erfunden? Na hoffentlich die Schweiz. Ihren Nationalstolz lässt sie sich einiges kosten: 2.000 Euro Stückpreis pro Militärfahrrad. Nur leider saugt der Sattel Regenwasser auf. Mehr